{"id":128189,"date":"2022-01-15T07:29:49","date_gmt":"2022-01-15T06:29:49","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=128189"},"modified":"2022-01-15T15:53:56","modified_gmt":"2022-01-15T14:53:56","slug":"wer-am-lautesten-klagt-kriegt-die-meiste-aufmerksamkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wer-am-lautesten-klagt-kriegt-die-meiste-aufmerksamkeit\/","title":{"rendered":"Wer am lautesten klagt, kriegt die meiste Aufmerksamkeit?"},"content":{"rendered":"<h3>Unsere Autorin sorgt sich um die Diskussionskultur in der LGBTIQ-Community. In ihrem Kommentar* erkl\u00e4rt sie ihren Wunsch nach einem respektvolleren Umgang und eine Absage an Mobbing und verbale Gewalt. Gewinnen k\u00f6nne man nur, wenn sich alle angstfrei und kontrovers auseinander- und wieder zusammensetzen k\u00f6nnen.<\/h3>\n<p>Wollte ich eine \u00dcberschrift f\u00fcr das vergangenen Jahres 2021 suchen, k\u00e4me mir nur in den Sinn: \u00abWer am lautesten klagt, bekommt die meiste Aufmerksamkeit.\u00bb Ob Pandemie, Genderdiskussion oder andere politische Themen \u2013 es scheint in der modernen Mediengesellschaft wie in einer grossen Familie zuzugehen, in der das lauteste und umtriebigste Familienmitglied alle Aufmerksamkeit absorbiert.<\/p>\n<p>Dabei geht es in den vielen Kan\u00e4len der (un)sozialen Medien l\u00e4ngst nicht mehr um Fakten, sondern f\u00fcr alle anderen einzig und allein darum, diese Unruhestiftenden zufrieden zu stellen und zu beruhigen. Sie zwingen allein durch ihre Vehemenz und Lautst\u00e4rke alle anderen zu einer Reaktion auf ihr Verhalten. Doch jede Bem\u00fchung, sie zu bes\u00e4nftigen scheint wirkungslos zu bleiben, weil diese Personen einzig und allein von der permanenten Aufmerksamkeit leben und weniger von Argumenten. Es geht ihnen darum, m\u00f6glichst eindringlich und scharf die Argumente oder Mythen zu verbreiten, die wieder neue Aufmerksamkeit erregen. Immer wieder versuchen kompetente oder schlicht friedliebende Personen mit Fakten dagegenzuhalten, doch das f\u00fchrt meist zu noch lauteren Klagen, noch emotionaler gef\u00e4rbten Opferinszenierungen und gar zu negativen Uminterpretationen der Bes\u00e4nftigungsversuche und oftmals finden die, die es gut gemeint haben, sich in der Ecke der Feind*innen wieder. Erschrocken \u00fcber dieses Missverst\u00e4ndnis versuchen sich die so angegriffenen mit Argumenten zur Wehr zu setzen \u2013 oftmals bis zur Ersch\u00f6pfung. Das macht sie nur angreifbarer, die Unruhestiftenden aber nur st\u00e4rker.<\/p>\n<p>Diese Taktik finden wir inzwischen in vielen Bereichen der Mediengesellschaft wieder. Ob Impfung, Geschlechterdiskussion oder andere politische Themen \u2013 laute Stimmen mischen sich in jede Diskussion mit ihrer eigenen Agenda ein, \u00fcbert\u00f6nen alles, sind nie zufrieden zu stellen, nie zu \u00fcberzeugen. Sie bringen ihr Thema unter emotionsgeladenen Get\u00f6se in den Vordergrund, bis sich entweder die Mehrheit und\/oder andere, leisere Betroffene zur\u00fcckziehen. Diese Tendenzen sehe ich in der queeren Szene ebenso.<\/p>\n<p>Fakt ist, in Deutschland leben mehr als 83 Millionen Menschen. Etwas mehr als 42 Millionen davon sind Frauen. Das sind mehr als 50 Prozent der Bev\u00f6lkerung. Rund 85 Prozent der Gesamtbev\u00f6lkerung bezeichnet sich als heterosexuell, rund 7 Prozent als homosexuell, 5 Prozent als bisexuell und 4 Prozent geben entweder keine Angaben oder finden sich in diesen sexuellen Ausrichtungen nicht wieder (Die Zahlen schwanken immer ein bisschen je nach Statistikerhebenden und ihren Motiven). Etwas mehr als 7 Prozent rechnen sich selbst aktiv dem LGBTIQ-Spektrum zu. Das sind die Fakten, wenn es um Sexualit\u00e4t und Identit\u00e4t geht.<\/p>\n<p>Kehren wir zur \u00dcberschrift \u00abWer am lautesten klagt, bekommt die meiste Aufmerksamkeit\u00bb zur\u00fcck, so stellen wir fest, dass die Medienaufmerksamkeit sich immer weniger um die Probleme der Mehrheit von Frauen (hier ohne Stern, in bestimmten Kreisen auch <em>cis<\/em> genannt) \u2013 immerhin mehr als die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung \u2013 k\u00fcmmert. Dabei ist gerade im letzten Jahr der Pandemie die Belastung dieser Frauen deutlich gestiegen. Ihr Anteil an den Pflegeberufen ist \u00fcberdurchschnittlich. Andere \u00absystemrelevante Berufe\u201c wie Putzkr\u00e4fte, Angestellte im Einzelhandel, in Arztpraxen, im Bereich Krankengymnastik und Hauspflege, als Lehrkr\u00e4fte oder Erziehende sind \u00fcberdurchschnittlich von Frauen besetzt und unterdurchschnittlich bezahlt.<\/p>\n<p>Frauen k\u00fcmmern sich immer noch h\u00e4ufiger um die Erziehung der Kinder \u2013 k\u00fcmmern sich also gerade jetzt um Homeschooling, haben Kleinkinder zuhause. Sie sind in den meisten Haushalten nach wie vor f\u00fcr die Hausarbeit und das Kochen zust\u00e4ndig, auch wenn die M\u00e4nner (hier auch ohne Stern, da mehrheitlich cis) im Homeoffice arbeiten. Frauen und Kinder sind \u00fcberdurchschnittlich von Gewalt betroffen, was die \u00fcbervollen Frauenh\u00e4user beweisen. Aber all das findet wenig Erw\u00e4hnung in der \u00d6ffentlichkeit. Auch die Schwierigkeiten von Schwulen und Lesben bleiben weitgehend auf der Strecke, denn viele Lesben und Schwule haben immer noch wenig Bez\u00fcge zur Ursprungsfamilie und leben h\u00e4ufig getrennt und vereinzelt von ihren Freund*innen-Netzwerken und vom Szeneleben, dass in Zeiten von Corona zum Erliegen gekommen ist.<\/p>\n<p>Viele Lesben und Schwule arbeiten entweder in der Pflege, in der Gastronomie, im Dienstleistungsgewerbe oder als K\u00fcnstler*innen. \u00dcber ihre spezielle Situation erfahre ich wenig bis nichts. Die Definition von Gender und die freie W\u00e4hlbarkeit desselben ist dagegen ein dominant\/laut diskutiertes Thema. Ich bezweifle nicht eine Sekunde, dass es n\u00f6tig ist, auch hier Akzeptanz zu schaffen und Ausgrenzung aufzuheben. Es braucht dazu einen nachhaltigen und lautstarken Kampf. Aber stimmen noch die Proportionen? Mit einer seltsamen Vehemenz wird das Thema auch von der Politik und der Mainstream-Gesellschaft vertreten, geraten Feminist*innen, die sich um die spezifischen Themen der stillen Mehrheit Frauen k\u00fcmmern, unter Verdacht, generell trans-exklusiv zu sein.<\/p>\n<p>Dabei hat gerade der Feminismus und die LGBTIQ-Bewegung der Neuzeit die Geschlechterrollen und die Wahrnehmung der sozialen Gender-Rollen schon lange auf der Agenda. Die Genderforschung sollte urspr\u00fcnglich frischen Wind in die Diskussion bringen, Gender als gelebtes\/wahrgenommenes soziales Geschlecht sollte dekonstruiert werden, gleichgeschlechtliche Liebe von ihrem Stigma befreit werden. Es war meiner Ansicht nach nie das Ziel, danach zu suchen, in welche vorgefertigte Identit\u00e4ts-Schublade Mensch passt, der passend gemacht werden soll (und f\u00fcr die, die in keine der beiden vorhandenen Kisten passen, eine dritte, nonbin\u00e4re Kiste zu erfinden). Vielmehr sollten menschliche Verhaltensweisen und F\u00e4higkeiten keinem Geschlecht\/Gender mehr zugeordnet werden.<\/p>\n<p>M\u00e4nner, die gern kochen, Ballett tanzen oder sich schminken, sollten ebenso selbstverst\u00e4ndlich sein wie Frauen, die Flugzeuge konstruieren, Fussball spielen oder Anz\u00fcge tragen. Damit sollte vor allem auch erreicht werden, dass auch homosexuelle und bisexuelle Personen, die sich wenig in den herk\u00f6mmlichen Geschlechterrollen wiederfinden, von Ausgrenzung befreit werden k\u00f6nnen. Diese Entkoppelung von Aufgaben und Geschlechterwahrnehmung ist leider weniger passiert. Vielmehr wird jetzt von einem \u201eGender\u00bb gesprochen, das vom \u00abbiologischen\u00bb abweichen kann. Soweit, so gut. Auch das wurde immer schon von der LGBTIQ-Szene anerkannt und politisch unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Um aber zu beweisen, dass es diese subjektiv zum zugewiesenen Geschlecht gegenl\u00e4ufige Genderwahrnehmung gibt, werden als Beweis S\u00e4tze angef\u00fchrt wie: \u00abIch wusste, dass ich ein M\u00e4dchen bin, weil ich gern mit Barbie gespielt habe und gern R\u00f6ckchen trug.\u00bb Oder: \u00abIch wusste, dass ich ein Junge bin, weil ich schon immer mit den Jungs gespielt habe und mich f\u00fcr Autos interessiere.\u00bb Das sind sehr irritierende \u00c4usserungen f\u00fcr gleichgeschlechtlich liebende Tunten und Butches.<\/p>\n<p>Um zu beweisen, dass diese Genderwahrnehmung Realit\u00e4t ist, werden h\u00e4ufig auch Klischees ausgelebt, konservative Geschlechterrollen \u00fcberkompensieren. Da posiert Mensch gern im rosa Wollj\u00e4ckchen mit Eierlik\u00f6rglas oder als Muskelmasse im Feinripphemd. Aber verifiziert sich Geschlecht wirklich allein \u00fcber eine solche Performances? Ist die Biologie der Genitalien am Ende wirklich irrelevant? Es kommt auf die Perspektive an. Biologische Geschlechterwahrnehmung, soweit stimmen Genderforschende und Feministinnen \u00fcberein, legt nach der Geburt die Sichtweise auf das Kind fest. Vom ersten Blick an auf die Vulva oder den Penis werden die Kinder unterschiedlich behandelt.<\/p>\n<p>Wissenschaftlich erwiesen ist sogar, dass viele M\u00fctter wesentlich strenger mit M\u00e4dchen umgehen, sie weniger f\u00fcttern. Unbewusst ziehen die M\u00fctter aus ihren negativen Erfahrungen mit dem Patriarchat den Schluss, dass das M\u00e4dchen mehr aushalten muss. Jungen werden immer noch in der sozialen Erziehung von den Eltern h\u00e4ufig zu Konkurrenz- und Leistungsspielen ermuntert. Sie lernen buchst\u00e4blich zu dominieren. M\u00e4dchen werden mehr gehalten, sich kompromissbereit und ausgleichend zu verhalten, sich an die sozialen, unbezahlten Arbeiten zu gew\u00f6hnen, die sie spielerisch in ihren Puppenk\u00fcchen erlernen sollen. Sie lernen, zur\u00fcckzustecken, Fehler bei sich zu suchen. Die individuellen F\u00e4higkeiten werden demnach h\u00e4ufig schon fr\u00fch von der Zuordnung der Geschlechter gef\u00f6rdert oder ausgebremst. Und diese ersten Erfahrungen pr\u00e4gen das Individuum st\u00e4rker als die queere Forschung es vielleicht wahrhaben will. Je sp\u00e4ter also der gesellschaftliche Wechsel in das wahrgenommene Geschlecht vollzogen wird, desto pr\u00e4gender sind auch h\u00e4ufig die sozialen Einfl\u00fcsse und Erfahrungen der Geschlechtererziehung.<\/p>\n<p>Gehe ich also mit meinem urspr\u00fcnglichen feministischen Anspruch an die Gender-Diskussion heran, Eigenschaften und Verhalten von sozial zugewiesenem Geschlecht konsequent zu trennen, so nehme ich erschreckende Ph\u00e4nomene im queeren Umfeld wahr. Achte ich nur auf sprachliche Dominanz, Konkurrenzverhalten und Gewalt in der Sprache, so wird es mir mulmig. Viele Angriffe, die gerade aus der genderqueeren Szene gef\u00fchrt werden, sind von Verachtung, Belehrung und Sprechverboten, sprich Dominanzgebaren gepr\u00e4gt \u2013 \u00fcbrigens betrieben von allen Genderauspr\u00e4gungen und sexuellen Orientierungen. Die Aufhebung der Geschlechterzuordnung scheint alles zu legitimieren.<\/p>\n<p>Gendergrenzen fallen zu lassen, sollte nicht heissen, die Grenzen des Respekts und der gegenseitigen Achtung zu verlassen. Vor allem Feminist*innen mit unbequemen Fragen zur Diskrepanz zwischen der queeren Theorie und der patriarchalen Praxis werden mit Hasskampagnen, Rufmord und Berufsverboten \u00fcberzogen. Vergewaltigungsandrohungen und andere verbale Drohungen, Eindringen in die Privatsph\u00e4re, Drohungen gegen Angeh\u00f6rige und physische Gewalt auf Demos und sogar B\u00fccherverbrennungen und Saalerst\u00fcrmungen mit Baseball-Schl\u00e4gern haben Einzug in die Szene gehalten. Das erscheint mir, neben der eher als toxisch m\u00e4nnlich bekannten Vorgehensweise, auch diktatorischem Vorgehen zu \u00e4hneln.<\/p>\n<p>In den 80er und 90er Jahren waren es gerade die lesbischen, bisexuellen, transidentischen und schwulen Zusammenh\u00e4nge, die sich mehr oder weniger erfolgreich von dieser toxischen M\u00e4nnlichkeit befreit haben. Diskussionen \u00fcber die Unterschiede im schwulen, bisexuellen, transidentischen und lesbischen Leben wurden in der Sache hart, aber in der Praxis solidarisch gegen\u00fcber der Mainstream-Gesellschaft gef\u00fchrt. Vielleicht empfinde ich deshalb die aktuellen gewaltbereiten und unsolidarischen Verhaltensweisen als besonders bedrohlich. Dabei werden immer neue sprachliche Varianten gesucht, um das Wort <em>Frau <\/em>inklusiv zu gestalten \u2013 ein im Ansatz richtiger Anspruch. Wortsch\u00f6pfungen wie FLINTA* sollen Frauen mit allen Minderheiten jenseits von \u201eCis-Mann\u00bb zusammenbringen. Dass dabei \u00fcber die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung ihre Sichtbarkeit verliert und auch schwule M\u00e4nner in ihrer spezifischen Situation unsichtbar werden, scheint den Fordernden nicht einmal mehr aufzufallen.<\/p>\n<p>Paradoxerweise bleibt <em>Mann<\/em> als Alleinstellungsmerkmal immer noch unangefochten bestehen. Dabei haben gerade die Begriffe <em>Mann<\/em> und <em>Frau<\/em> eine sehr unterschiedliche soziale und politische Geschichte. Frauen waren de facto Jahrhunderte lang nicht sichtbar und rechtlos. Sie verloren ihren eigenen Nachnamen, wenn sie heirateten, waren erst Besitz des Vaters und dann des Ehemannes. Ihre sozialen, wissenschaftlichen und historischen Leistungen werden oft in den Geschichtsb\u00fcchern verschwiegen. Als Frauen brauchen wir sprachliche Autonomie, um zu verdeutlichen, dass wir die gr\u00f6sste Gruppe in der Gesellschaft sind und dennoch wie eine Minderheit behandelt werden.<\/p>\n<p>Andere Minderheiten bekommen aber aktuell ihre Sichtbarkeit \u00fcber die Unsichtbarmachung von Frauen. Inkludieren wir alle Geschlechter und sexuellen Orientierungen bis auf die cis-m\u00e4nnliche Identit\u00e4t in diese Weiblichkeit, werden Frauen wieder ihrer Autonomie beraubt und zu K\u00fcmmernden f\u00fcr alle anderen Menschen, die von der Dominanz der M\u00e4nner an den Rand gedr\u00e4ngt werden.<\/p>\n<p>Wollen wir allen Minderheiten gerecht werden, ohne die Frauen wieder aus der sprachlichen Realit\u00e4t zu l\u00f6schen, m\u00fcssen wir alle Gruppen eigenst\u00e4ndig titulieren. Das gilt auch f\u00fcr die Minderheit der transidentischen\/transgender Frauen. Ihren oft langen Weg bis zu ihrer endg\u00fcltigen Identit\u00e4t, ihre pers\u00f6nlichen Erfahrungen und Verletzungen und auch ihre unterschiedliche Sozialisation kann und darf nicht verschwiegen werden. Ihre Biografie hinterl\u00e4sst auch bei ihnen Spuren \u2013 ebenso wie es die Biografien bei anderen Frauen, die intersektionell diskriminiert werden wie z. B. schwarze Frauen, behinderte Frauen, j\u00fcdische Frauen und Frauen aus anderen L\u00e4ndern. Eine Egalisierung um jeden Preis wird keiner Gruppierung gerecht.<\/p>\n<p>Die Probleme, Bedrohungen und vor allem Unterschiede der Gesamtheit der Frauen darf nicht unter dem Schirm einer Minderheitenwahrnehmung verschwinden. Frauenleben sind gepr\u00e4gt von struktureller Benachteiligung, permanenter geschlechtsspezifischer Gewaltandrohung, von Dominanzgehabe und Dem\u00fctigung durch M\u00e4nner. Im Jahr 2021 haben laut \u201eOne Billion Rising\u201c 218 M\u00e4nner ( Ehem\u00e4nner, (Ex)partner, V\u00e4ter, S\u00f6hne, Br\u00fcder, Nachbarn\u2026) bereits 104 Frauen und 23 Kinder (davon 16 M\u00e4dchen, 6 Jungen und 1 Baby) (Stand 19.9.21) get\u00f6tet. Die Dunkelziffer ist dabei noch nicht eingerechnet. Dies zu erw\u00e4hnen darf nicht unter den Tisch fallen. Die hohe Suizidgefahr und auch Bedrohungen bei trans Frauen ebenso wenig. Sich mit jeweils einem der Probleme und ihren Ursachen tempor\u00e4r zu besch\u00e4ftigen, heisst nicht automatisch, die Probleme der anderen Seite kategorisch auszuschliessen.<\/p>\n<p>Kehren wir zur Jahres\u00fcberschrift zur\u00fcck. W\u00e4hrend Etats f\u00fcr Frauen*projekte gestrichen werden, manche Projekte von Frauen* und Lesben unter dem Verdacht, transfeindlich zu sein, in ihrer Existenz bedroht werden, Feminist*innen, die spezifische Frauenthemen \u00f6ffentlich ansprechen, als TERF und\/oder rechts mundtot gemacht werden, scheint die Politik sich wenig f\u00fcr die zunehmend prek\u00e4re Situation von Frauen zu interessieren. Ich bin ohne Abstriche f\u00fcr ein menschenw\u00fcrdigeres Anerkennungsverfahren f\u00fcr Menschen mit Gender Dysphoria (das sollte aber auch f\u00fcr alle anderen Anerkennungsverfahren von abweichenden Lebensbedingungen gelten).<\/p>\n<p>Als Frau und Feministin kann ich aber nicht aufh\u00f6ren, die Probleme f\u00fcr Frauen* in dieser Gesellschaft aufzuzeigen, die trans Frauen mal mehr oder auch mal weniger betreffen. Dabei muss es m\u00f6glich sein, dies auch manchmal ohne die spezifische Situation einer deutlich kleineren Gruppe von trans Personen zu benennen, ohne gleich um meinen gesellschaftlichen Ruf, meine physische und psychische Gesundheit oder meinen Lebensunterhalt f\u00fcrchten zu m\u00fcssen. Proportionen, Statistik und Wahrnehmung sind f\u00fcr mich relevant. Ich will unter einem Beitrag zur prek\u00e4ren Situation von Hebammen und geb\u00e4renden Frauen keine endlose Diskussion lesen m\u00fcssen, ob ich schwangere Frauen aus Inklusionsgr\u00fcnden zu \u00abPersonen mit Uterus\u00bb machen soll, denn die schwangeren Frauen und die Hebammen sind in dieser Situation, WEIL sie Frauen sind und f\u00fcr Frauen und ihre spezifischen Bed\u00fcrfnisse weniger Geld lockergemacht wird, der typische Frauenberuf Hebamme unterbezahlt ist. Eine \u00abPerson mit Uterus\u00bb w\u00e4re nur eine Geb\u00e4rmaschine ohne die komplexen historischen, medizinischen und sozialen Probleme von Frauen, um nur ein Beispiel zu nennen. Ein Hinweis darauf, dass es auch trans M\u00e4nner gibt, die ein Kind zur Welt gebracht haben, \u00e4ndert nichts an der Gesamtsituation f\u00fcr die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der anderen Frauen.<\/p>\n<p>Um zur \u00dcberschrift \u00abWer am lautesten klagt, bekommt die meiste Aufmerksamkeit\u00bb zur\u00fcckzukehren: Eine Gleichbehandlung kann nur der bzw. die* fordern, der bzw. die auch Raum und Platz l\u00e4sst, andere Probleme im Einzelnen ansprechen zu k\u00f6nnen. Immer mehr Frauen, Lesben, Bisxuelle und Schwule in eine schweigende Mehrheit zu dr\u00e4ngen, die sich f\u00fcrchtet die eigene Agenda zur Sprache zu bringen, wird die Probleme jeder einzelnen Gruppe nicht l\u00f6sen, aber Wut und Frust auf die Unruhestiftenden f\u00f6rdern. Im schlimmsten Falle f\u00fchrt es dazu, dass sich die Angegriffenen generell nicht mehr mit der Situation von trans Personen auseinandersetzen wollen. Das w\u00fcrde aber den trans Frauen und trans M\u00e4nnern schaden, die sich an den lautstarken Hetzkampagnen gar nicht beteiligt haben. Gewinnen k\u00f6nnen wir alle nur, wenn wir uns alle angstfrei und kontrovers auseinander- und wieder zusammensetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Niemand gewinnt innerhalb der LGBTIQ-Communitiy, wenn wir alle Probleme und Unterschiede st\u00e4ndig miteinander vermischen und versuchen, uns gegenseitig niederzuschreien. Dann gibt es nur einen Gewinner \u2013 die Mainstreamgesellschaft, die sich \u00fcber das Gez\u00e4nk lustig machen kann. Als Lesbe teile ich nicht alle Erfahrungen einer Hetera oder einer trans Frau egal welcher sexuellen Orientierung, als Frau teile ich noch weniger Erfahrungen von Schwulen und Heteros oder trans M\u00e4nnern. Aber ich kann mich aufmerksam und politisch loyal verhalten. Die AIDS-Krise, die Schwule, Lesben und Bisexuelle politisch und pers\u00f6nlich zusammengebracht hat, ist ein Beweis f\u00fcr die Schlagkraft, die wir haben, wenn wir solidarisch handeln. Die Bedingungen f\u00fcr alle Identit\u00e4ten und sexuellen Orientierungen in ihrer Unterschiedlichkeit zu verbessern, das ist ein gutes Ziel. Und das gelingt nur, wenn wir Unterschiede nicht einebnen, Sprechverbote verhindern und Mobbing bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche mir also f\u00fcr 2022 realistischere Diskussionen, weniger Rufmord, weniger verbale und\/oder physische Gewalt. Ich w\u00fcnsche mir ebenso, dass wir wieder aushalten, unterschiedlicher Meinung zu sein.<\/p>\n<p><em>*Jeden Samstag ver\u00f6ffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar oder eine Glosse zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsl\u00e4ufig die Meinung der Redaktion wider.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>#Kommentar Unsere Autorin sorgt sich um die Diskussionskultur in der #LGBTIQ-Community und erkl\u00e4rt ihren Wunsch nach einem respektvolleren Umgang ohne verbale Gewalt. <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wer-am-lautesten-klagt-kriegt-die-meiste-aufmerksamkeit\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2215,"featured_media":128237,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10,3270],"tags":[5531,5459,5493],"wps_subtitle":"Gendergrenzen fallen zu lassen, sollte nicht heissen, die Grenzen der gegenseitigen Achtung zu verlassen, findet unsere Autorin","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/128189"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2215"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=128189"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/128189\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":128285,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/128189\/revisions\/128285"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/128237"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=128189"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=128189"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=128189"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}