{"id":125949,"date":"2021-12-10T17:49:20","date_gmt":"2021-12-10T16:49:20","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=125949"},"modified":"2021-12-15T17:04:06","modified_gmt":"2021-12-15T16:04:06","slug":"angela-elena-stadelmann-rugby-ist-meine-therapie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/angela-elena-stadelmann-rugby-ist-meine-therapie\/","title":{"rendered":"Angela Stadelmann: \u00abRugby ist meine Therapie\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Angela Elena Stadelmann ist eine der besten Rugby-Spielerinnen der Schweiz. Sie liebt den Schlamm des Spielfelds, den Zusammenhalt im Team, ihre High-Heels-Sammlung. Zum letzten Spiel der Rugbysaison vor der Winterpause erz\u00e4hlt sie MANNSCHAFT ihre Geschichte.<\/h3>\n<p>Es ist ein kalter, nasser Herbstabend, und ich stehe an einem Ort, an dem ich mich selbst nicht in meinen Tr\u00e4umen erwartet h\u00e4tte: Auf einem Rugbyfeld beim Stadion Allmend in Luzern, um mich herum zehn Spielerinnen des Nationalliga-A-Clubs RCL Dangels, in Sportkleidung und Trainingsjacken, sie treten von einem Fuss auf den anderen. Gleich geht das Training los. Angela Elena, Dangels-Spielerin sowie Spielerin der Schweizer Rugby-Nationalmannschaft, stellt mich vor: Das ist Darja, sie ist eine Journalistin, sie begleitet mich heute, und ich l\u00e4chle etwas verlegen in meinem langen Wollmantel, meinen bereits durchfeuchteten Doc Martens.<\/p>\n<p>Du wirst frieren, hat Angela Elena mir schon vorher gesagt, vielleicht nimmst du noch einen Pulli von mir mit, und ich habe ihr gesagt, das wird schon gehen, ich habe mich extra warm angezogen. Es ist bitterkalt. Ich stehe am Spielfeldrand und ziehe meine Handschuhe \u00fcber, w\u00e4hrend die Spielerinnen beginnen, sich aufzuw\u00e4rmen. Eine ruft mir euphorisch zu: \u00abWarum machst du nicht gleich auch mit?\u00bb Ich antworte: \u00abSorry, ich bin total unsportlich!\u00bb Sie zuckt mit den Schultern: \u00abWar ich fr\u00fcher auch, das bedeutet doch nichts.\u00bb Dann rennt sie den anderen nach \u00fcbers Spielfeld davon.<\/p>\n<p>Ich habe ein schwieriges Verh\u00e4ltnis zu Sport. Turngarderoben waren die H\u00f6lle meiner Teenagerjahre, ich wurde f\u00fcr Teams als Letzte gew\u00e4hlt, war weder stark noch flink noch beweglich. In der Dusche starrte ich auf meine F\u00fcsse. Das Ende des obligatorischen Sportunterrichts war f\u00fcr mich eine Befreiung.<\/p>\n<p>Angela Elena Stadelmann ist quasi mein Gegenteil. F\u00fcr die 37-J\u00e4hrige ist der Sport der wichtigste und sch\u00f6nste Teil ihres Lebens. \u00abRugby hat mein Leben ver\u00e4ndert\u00bb, sagt sie ernst. \u00abWeil es die erste Umgebung war, in der ich sein konnte, wie ich bin.\u00bb<\/p>\n<p>Es war an der Zeit, dass wir uns unterhielten.<\/p>\n<p><strong>\u00abDie Leute wollten mich anders haben, als ich bin\u00bb<\/strong><br \/>\nZwei Stunden bevor ich auf dem eisigen Feld stehe und den Spielerinnen beim Aufw\u00e4rmen zusehe, steige ich an einer Haltestelle am Luzerner Stadtrand aus dem Bus und laufe in die falsche Richtung los. Ich rufe Angela Elena schliesslich an, sie lacht, als ich ihr erkl\u00e4re, dass ich mich leider verirrt habe. Sie beschreibt mir noch einmal den Weg. Schliesslich stehe ich vor ihrer T\u00fcr; neben dem Klingelschild klebt ein Rugby-Sticker.<\/p>\n<p>Angela Elena macht Kaffee, wir setzen uns aufs Sofa. Sie kommt von ihrer Fr\u00fchschicht im Spital. Sie arbeitet als Pflegefachfrau. F\u00fcrs Rugby trainiert sie trotzdem fast t\u00e4glich: zweimal die Woche mit dem Team, an den verbleibenden Wochentagen Sprint- oder Krafttraining, an den Samstagen kommen w\u00e4hrend der Saison noch Matches hinzu.<\/p>\n<p>Angela wurde in <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/flucht-durch-den-darien-dschungel-hoffen-auf-ein-besseres-leben\/\">Kolumbien<\/a> geboren und als Baby von Schweizer Eltern adoptiert. Sie wuchs mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in der N\u00e4he von Luzern auf. Ihre Geschichte ist exemplarisch f\u00fcr das gesellschaftliche Klima in der Schweizer Mittelschicht: \u00abSeit ich klein war, wollten Leute mich anders haben, als ich bin\u00bb, erz\u00e4hlt sie. \u00abEs hiess immer: Du bist ein M\u00e4dchen. Du musst, du sollst, du darfst nicht. Du bist eine Schweizerin. Du darfst nicht zu laut sein. Du darfst nicht sein wie eine Latina. Sei mal still. Pass dich an. Mach dich nicht dreckig, dies, das.\u00bb Diese Zuschreibungen und rassistischen Vorurteile gingen einher damit, dass man ihr als Sch\u00fclerin kaum etwas zutraute: \u00abMeinen Lehrer*innen war ich zu viel, zu gross, zu laut. Sie haben kaum an mich geglaubt\u00bb, stellt sie fest, \u00abam Ende der Schulzeit sagten sie \u00fcber mich: Wir k\u00f6nnen froh sein, wenn wir sie in einer Anlehre unterbringen.\u00bb<\/p>\n<figure id=\"attachment_125951\" aria-describedby=\"caption-attachment-125951\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-125951\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 800 1200'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-2.jpg\" alt=\"angela stadelmann\" width=\"800\" height=\"1200\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-2.jpg 800w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-2-200x300.jpg 200w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-2-400x600.jpg 400w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-2-768x1152.jpg 768w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-2-561x842.jpg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-2-265x398.jpg 265w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-2-531x797.jpg 531w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-2-364x546.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-2-728x1092.jpg 728w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-2-608x912.jpg 608w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-2-758x1137.jpg 758w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-2-32x48.jpg 32w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-2-64x96.jpg 64w\" data-sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-125951\" class=\"wp-caption-text\">Angela wurde in Kolumbien geboren und als Baby von Schweizer Eltern adoptiert.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Im Podcast der <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/swiss-diversity-angela-stadelmann-awards-gegen-diskriminierung-im-sport\/\">Swiss Diversity Awards<\/a>, bei denen sie 2021 als Laudatorin auftrat, erz\u00e4hlt Angela Elena, wie sie zum Rugby kam. Mit neunzehn lernte sie auf einer Party eine Frau kennen. \u00abSie hatte ganz blutige Knie, und ich fragte sie: Was ist denn mit dir passiert? Sie antwortete: Ich habe Rugby gespielt.\u00bb Am folgenden Dienstag stand Angela Elena zum ersten Mal auf dem Feld. \u00abSeither habe ich nie mehr aufgeh\u00f6rt.\u00bb Die anderen Rugbyspielerinnen sagten zu ihr: Es ist toll, dass du so stark bist. Dass du so laut bist. Dass du k\u00e4mpfen kannst. Alles, was man immer an ihr kritisiert hatte, was sie all die Jahre glaubte, verlernen zu m\u00fcssen \u2013 das war jetzt ihr gr\u00f6sstes Potenzial.<\/p>\n<p><strong>\u00abEtwas fehlte mir, und ich wusste nicht, was\u00bb<\/strong><br \/>\nRugby vermittelte Angela Elena ein Gef\u00fchl von Zugeh\u00f6rigkeit und Selbstsicherheit. Aber der jahrelange Anpassungsdruck, den sie in ihrer Kindheit und Jugend zu sp\u00fcren bekommen hatte, ging nicht spurlos an ihr vorbei. Sie versuchte die Erwartungen, die an sie gestellt wurden, nicht nur zu erf\u00fcllen, sondern zu \u00fcbertreffen: Sie machte eine Ausbildung zur Pflegefachfrau mit Abschluss an einer H\u00f6heren Fachschule, sie heiratete einen Mann, den sie liebte \u2013 \u00abeine Schweizer Bilderbuchhochzeit\u00bb, erz\u00e4hlt sie mir. \u00dcber ihre Ehe sagt sie heute: \u00abClaudio war ein wunderbarer Mann. Aber etwas fehlte mir, und ich wusste nicht, was es ist.\u00bb Angela Elena entscheidet sich mit Anfang 30, eine Reise zu machen, das habe sie fr\u00fcher nie gemacht, erz\u00e4hlt sie: \u00abW\u00e4hrend all meine Klassenkamerad*innen nach der Schule erstmal ins Ausland gingen, nach Australien oder so, habe ich immer gleich den n\u00e4chsten Schritt gemacht \u2013 ich dachte, eine Pause k\u00f6nne ich mir nicht leisten.\u00bb<\/p>\n<p>Durch die damalige Managerin der Rugby-Nationalmannschaft erh\u00e4lt sie die M\u00f6glichkeit, f\u00fcr eine Saison auf Fidschi zu trainieren. Claudio und sie verabschieden sich, bevor Angela Elena ins Flugzeug steigt. Sie waren noch nie lange voneinander getrennt: \u00abWir schauten uns lang in die Augen und wussten beide, dass sich in dieser Zeit irgendwas ver\u00e4ndern wird.\u00bb<\/p>\n<p>Auf Fidschi bl\u00fcht Angela Elena auf. Sie f\u00fchlt sich befreit. Sie spielt und trainiert, freundet sich mit ihrem neuen Team an, sie denkt nicht an die Schweiz, ihren Job, ihr Leben dort.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abIch finde mich sexy. Mit meiner Zellulitis, mit meinen Narben, mit meinem K\u00f6rper, der nicht fein und zierlich ist.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p>Phele, eine der anderen Spielerinnen, flirtet mit ihr. Angela Elena erz\u00e4hlt mir: \u00abIch war sehr frei in meinem Begehren. Mein Mann hat mir Raum gelassen, er wusste immer, dass ich Frauen attraktiv finde. Ich wusste darum: Eigentlich gibt es kein Problem, ich darf mit dieser Frau flirten, ich darf mit ihr Sex haben. Aber bei Phele war irgendetwas anders, und ich wusste nicht, was.\u00bb Irgendwann sagte sie zu Phele: \u00abOkay, let&#8217;s have a date.\u00bb Angela Elena holt Phele an diesem Abend ab, wartet vor ihrem Haus im Taxi. Es regnet. \u00abPhele kam auf mich zu, sie trug ein Karohemd, ein Cap. Ich schaute sie an und dachte nur: Fuck! Warum gef\u00e4llt die mir so?\u00bb<\/p>\n<p>Ein paar Wochen sp\u00e4ter ruft Angela Elena ihren Mann an, sie sagt zu ihm: \u00abClaudio, ich habe mich verliebt.\u00bb Er fragt nur: \u00abWie heisst sie?\u00bb \u2013 \u00abEr wusste gleich, dass es eine Frau sein musste\u00bb, meint Angela Elena zu mir.<\/p>\n<p>Bei ihrem letzten Spiel auf Fidschi reisst Angela Elena sich zum vierten Mal das Kreuzband. Auf dem Heimflug von Fidschi \u00fcber Hong Kong nach Z\u00fcrich weint sie ununterbrochen. \u00abMeine Welt brach auseinander \u2013 ich musste diese Frau verlassen, in die ich verliebt war. Und ich musste zu meinem Mann zur\u00fcckgehen, den ich ja auch liebte, und ihm wehtun. Und: Ich wusste, dass ich wegen meiner Verletzung ein paar Monate kein Rugby mehr spielen konnte. Das, was mir immer geholfen hat wie eine Therapie, egal, was gerade los war \u2013 das war auch weg.\u00bb Zuhause angekommen, f\u00e4llt sie in ein Loch. Sie zieht sich zur\u00fcck, von allen. \u00abIch f\u00fchlte mich unglaublich schuldig. Ich hatte das Gef\u00fchl, dass ich alle entt\u00e4usche. Dieses ansehnliche, normale, extrem schweizerische Leben, das ich mir aufgebaut hatte\u202f\u2013 damit wollte ich ja immer irgendetwas beweisen. Das ging jetzt nicht mehr.\u00bb<\/p>\n<figure id=\"attachment_125956\" aria-describedby=\"caption-attachment-125956\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-125956\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 800 1200'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-3.jpg\" alt=\"angela stadelmann\" width=\"800\" height=\"1200\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-125956\" class=\"wp-caption-text\">Selbst vier Kreuzbandrisse k\u00f6nnen Angela Elena nicht von ihrer Liebe zum Rugbysport abhalten.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Eines Tages kommt ihr Mann zu ihr ins Zimmer und sagt: \u00abAngie, du bist die st\u00e4rkste Frau, die ich kenne. Wenn eine da raus gehen und zu sich selbst stehen kann, dann bist es du. Du schaffst das.\u00bb Angela Elena geht raus \u2013 und beginnt zu reden: mit ihrer Mutter, ihrer Schwiegermutter, dem Team. Sie sagt ihnen: Ich habe mich in eine Frau verliebt; Claudio und ich werden uns trennen. Die Gespr\u00e4che verlaufen viel besser als erwartet. Und wiederum ist es das Team, das ihr dabei Halt und Unterst\u00fctzung entgegenbringt.<\/p>\n<p><strong>Vom Gl\u00fcck, zu sich selbst zu stehen<\/strong><br \/>\n\u00abDiversit\u00e4t ist im Rugby ein wichtiges Thema\u00bb, sagt Angela Elena. \u00abAllein in meinem Team vereinen wir so viele verschiedene Lebensrealit\u00e4ten, Sexualit\u00e4ten, Berufe \u2013 das fand ich immer toll. Auch weil es schliesslich nicht das ist, was z\u00e4hlt. Was z\u00e4hlt, ist das, was auf dem Spielfeld geschieht.\u00bb Angela Elenas Stimme wird noch w\u00e4rmer, wenn sie vom Rugby spricht. Sie denkt und spricht schnell, springt von einem Thema zum n\u00e4chsten, ihre Stimme \u00fcberschl\u00e4gt sich h\u00e4ufig.<br \/>\nAngela Elena steht kurz auf, holt sich ein Isostar aus der K\u00fcche, verr\u00fchrt das Pulver im Glas, schaut auf die Uhr: Um acht f\u00e4ngt das Training an, bald m\u00fcssen wir los.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abIch bin stolz auf diese 84 Kilo. Ich brauche diese 84 Kilo f\u00fcrs Spiel.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00abIch habe einfach gemerkt, dass Liebe und Sexualit\u00e4t mit einer Frau f\u00fcr mich noch intensiver und sch\u00f6ner sind als alles, was ich vorher erlebt habe\u00bb, schliesst sie an unsere vorherige Unterhaltung an. \u00abUnd so blieb es dann auch. Ich bin froh, gab es diesen \u2039Knall\u203a damals. Es ist sch\u00f6n, dass ich jetzt zu mir stehen kann.\u00bb Diese Haltung vertritt Angela Elena auch auf ihrem Instagram-Account mit rund 11\u2009300 Follower*innen; sie posiert dort mit ihrem Rugbyball, auf dem Spielfeld, im Gym, im Bett, oft in intimen und sinnlichen Posen. \u00abSocial Media ist f\u00fcr mich ein Ort, wo ich zeigen kann: Ich finde mich sexy. Mit meiner Zellulitis, mit meinen Narben, mit meinem K\u00f6rper, der nicht fein und zierlich ist wie der eines Unterw\u00e4schemodels.\u00bb Einmal, erz\u00e4hlt sie, gab ein Reporter in einem Artikel an, sie sei 74 Kilo schwer. Sie rief bei der Zeitung an und korrigierte: \u00abIch bin nicht 74 Kilo, sondern 84.\u00bb Sie erg\u00e4nzt: \u00abIch bin stolz auf diese 84 Kilo. Ich brauche diese 84 Kilo f\u00fcrs Spiel.\u00bb<\/p>\n<p>Angela Elena liebt es, Femininit\u00e4t zu zeigen und zu inszenieren \u2013 gerade weil diese in einem vermeintlichen Kontrast zur H\u00e4rte und Kraft des Rugbysports steht. Sie mag die Kombination von dreckigen Sportschuhen und Highheels, von ihrer Position als Abr\u00e4umerin auf dem Feld, die ihren Mitspielerinnen den Weg freik\u00e4mpft, und dem Spiel mit Femme-\u00c4sthetik und Laszivit\u00e4t auf ihren Fotos. \u00abIch mag es, dass ich beides sein kann. Ich sehe mich gerne als Lady. Und wenn ich mit blutigem Gesicht auf dem Spielfeld stehe, bin ich immer noch eine Lady.\u00bb Die vielf\u00e4ltige und unerschrockene Art, wie sie Frausein darstellt und lebt, soll best\u00e4rkend sein f\u00fcr andere: \u00abIch will, dass niemand mehr das Recht hat, einer Frau zu sagen: Du bist zu nackt, du bist zu billig, du bist zu porno. Egal was wir tragen und wie wir uns fotografieren. Unser Wert h\u00e4ngt davon nicht ab.\u00bb Anfeindungen erlebt sie manchmal in ihren Privatnachrichten, h\u00e4ufig von Frauen, die fragen: \u00abWarum stellst du dich so dar?\u00bb Aber die sch\u00f6nen Seiten ihrer Social-Media-Pr\u00e4senz \u00fcberwiegen. \u00abJunge M\u00e4dchen schreiben mir, dass sie durch mich zum Rugby gefunden haben. Dass ihnen auch gesagt wurde: Du bist zu dick, du bist zu gross. Und dass sie im Rugby gemerkt haben: Das kann etwas Gutes sein.\u00bb Sie l\u00e4chelt. \u00abDann muss ich manchmal schon weinen.\u00bb<\/p>\n<p>Es w\u00e4re denn auch ein Traum von ihr, dereinst ihren Beruf in der Pflege mit der Begeisterung f\u00fcr den Sport zu vereinbaren: Sie h\u00e4tte gerne ein eigenes Gym, erz\u00e4hlt sie, f\u00fcr Jugendliche, die M\u00fche mit ihrem K\u00f6rper haben, die Ausgrenzung erfahren. \u00abIm Gym k\u00f6nnten sie ihre Aggressionen loswerden. Und ich k\u00f6nnte ihnen einen Raum bieten, in dem sie angenommen werden, so wie sie sind.\u00bb Aber das sei ein Zukunftstraum, sagt sie und lacht, im Moment fehlten ihr dazu noch die finanziellen Mittel.<\/p>\n<p><strong>Unterbezahlter Frauensport<\/strong><br \/>\nIm Vergleich zu den M\u00e4nnern hat Frauenrugby <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/wir-zelebrierten-es-dass-wir-das-einzige-team-ohne-lesbe-waren\/\">nicht nur weniger mediale Pr\u00e4senz<\/a>, sondern auch weniger Sponsoren. \u00abDas einzige Geld, das ich mit Rugby verdiene, kommt \u00fcber meinen Instagram-Account rein, wo ich manchmal mit Sportmarken zusammenarbeite\u00bb, erz\u00e4hlt mir Angela Elena. Wir sind inzwischen auf dem Weg zum Training. Angela Elenas Wohnung liegt nur wenige Gehminuten vom Spielfeld entfernt, sie schiebt ihr Fahrrad neben sich her. Das Thema der ungleichen Bezahlung macht sie w\u00fctend: \u00abEs ist ein Skandal. Wenn ich mit dem Nationalteam zu einem Spiel fahre, m\u00fcssen wir in Luftschutzkellern \u00fcbernachten. Nach acht Stunden Training am Tag im Keller schlafen? Das geht doch nicht!\u00bb Sie setzt sich seit Jahren daf\u00fcr ein, dass dem Frauenrugby die Beachtung und finanziellen Mittel zukommen, die ihm zustehen \u2013 aber der Weg dahin ist noch lang, und bis dahin ist Angela Elena auf ihren Job im Spital angewiesen. \u00abIch mache diesen Job gerne\u00bb, sagt sie, \u00ababer ich bin auch ausgelaugt. Ich mag nicht mehr f\u00fcr meine Rechte k\u00e4mpfen. Viele Frauen in meinem Alter, die den Job machen, haben Kinder und arbeiten Teilzeit \u2013 oder sie haben die Branche gewechselt, weil sie es nicht mehr aushalten.\u00bb<\/p>\n<p>Wenn es m\u00f6glich w\u00e4re, sagt Angela Elena, w\u00fcrde sie sich nur noch aufs Rugby konzentrieren. \u00abIch m\u00f6chte den Leuten zeigen: Man kann als Frau einen uralten M\u00e4nnersport machen. Das geht. Und es kann sehr sch\u00f6n sein.\u00bb Rugby sei eine harte, aber solidarische Sportart, sagt sie, als wir das Feld betreten: \u00abDie Mentalit\u00e4t ist eine andere als im Fussball. Nach dem Spiel gehen wir zu unseren Gegnerinnen und entschuldigen uns f\u00fcr besonders harte St\u00f6sse. Wir sagen, sorry, ich weiss, der hat bestimmt wehgetan. Wir sind nicht verfeindet untereinander.\u00bb<\/p>\n<p>Dann begr\u00fcsst sie ihre Teamkolleginnen, es wird umarmt und geherzt, Neuigkeiten werden ausgetauscht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_125954\" aria-describedby=\"caption-attachment-125954\" style=\"width: 1200px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-125954\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 1200 800'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-rugby-dangels.jpg\" alt=\"rugby\" width=\"1200\" height=\"800\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-rugby-dangels.jpg 1200w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-rugby-dangels-300x200.jpg 300w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-rugby-dangels-425x283.jpg 425w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-rugby-dangels-768x512.jpg 768w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-rugby-dangels-180x120.jpg 180w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-rugby-dangels-561x374.jpg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-rugby-dangels-1122x748.jpg 1122w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-rugby-dangels-265x177.jpg 265w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-rugby-dangels-531x354.jpg 531w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-rugby-dangels-364x243.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-rugby-dangels-728x485.jpg 728w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-rugby-dangels-608x405.jpg 608w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-rugby-dangels-758x505.jpg 758w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-rugby-dangels-1152x768.jpg 1152w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-rugby-dangels-72x48.jpg 72w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-rugby-dangels-144x96.jpg 144w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Angela-Stadelmann-rugby-dangels-400x267.jpg 400w\" data-sizes=\"(max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-125954\" class=\"wp-caption-text\">Rugby vermittelte Angela Elena ein Gef\u00fchl von Zugeh\u00f6rigkeit und Selbstsicherheit. (Bild: Monika Jia Rui Scherer\/Mannschaft Magazin)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ich stehe immer noch am Rand des Spielfelds. Ich sp\u00fcre meine Nasenspitze, meine Zehen und meine Finger nicht mehr. Nach unz\u00e4hligen Kraft\u00fcbungen zum Aufw\u00e4rmen \u00fcben die Spielerinnen jetzt Szenarien, versuchen mit dem Ball an einer Spielerin vorbeizukommen, w\u00e4hrend diese blockiert. Sie feuern einander an, geben sich gegenseitig Tipps. Ihr Atem steht in der Luft \u00fcber dem Spielfeld. Sie ziehen nach und nach Trainingsjacken und -pullis aus und werfen sie an den Rand, manchen steht der Schweiss in der Stirn. Ich drehe einen Rugbyball zwischen meinen H\u00e4nden, um die Finger ein wenig aufzuw\u00e4rmen. Er ist weicher als gedacht, griffig, liegt gut in der Handfl\u00e4che. Als ich mich auf den Weg mache, rennt Angela Elena kurz zu mir r\u00fcber und verabschiedet sich. \u00abIch freu mich, dass du am Samstag kommst\u00bb, sagt sie. \u00abDann siehst du ein echtes Spiel.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Das Ende der Saison<\/strong><br \/>\nAm darauffolgenden Samstag findet der letzte Match der Rugbysaison statt. Die Sonne scheint; das Luzerner Messegel\u00e4nde liegt kitschig und taufrisch unter dem blauen Himmel. Ich stehe \u2013 wiederum \u2013 etwas scheu am Spielfeldrand und hoffe, dass der Ball nicht in meine Richtung fliegt (was er dann nat\u00fcrlich tut). Aber ein paar Minuten nach Spielbeginn vergesse ich meine Pr\u00e4senz \u2013 ich versuche, dem Spiel zu folgen, das unglaublich schnell, intensiv und von einer merkw\u00fcrdigen Euphorie ist, die ich noch nie bei einem Sport erlebt habe. Angela Elenas Mannschaft, die Dangels, gewinnen. Die Spielerinnen tragen heute ihre neuen Rugbysocken, die ihnen der Trainer geschenkt hat. Sie sind gestreift, in Regenbogenfarben.<\/p>\n<p><strong>In Frankreich l\u00e4sst der Rugby-Verband seit diesem Jahr trans Personen bei Wettk\u00e4mpfen zu <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/frankreichs-rugby-verband-laesst-trans-personen-bei-wettkaempfen-zu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>. Auch deutsche Rugby Vereine wie die Berlin Bruisers positionieren sich gegen den Ausschluss von trans Frauen <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/kein-platz-fuer-transphobie-im-rugby-sport\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angela Elena Stadelmann ist eine der besten #Rugby-Spielerinnen der Schweiz. Sie liebt den Schlamm des Spielfelds, den Zusammenhalt im Team, ihre High Heels. MANNSCHAFT+ erz\u00e4hlt sie ihre Geschichte. <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/angela-elena-stadelmann-rugby-ist-meine-therapie\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":47,"featured_media":125950,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4371,1340,4447],"tags":[5478,1401,5543],"wps_subtitle":"\u00abWenn ich mit blutigem Gesicht auf dem Spielfeld stehe, bin ich immer noch eine Lady.\u00bb","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/125949"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/47"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=125949"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/125949\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":125966,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/125949\/revisions\/125966"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/125950"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=125949"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=125949"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=125949"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}