{"id":125207,"date":"2021-12-01T10:52:16","date_gmt":"2021-12-01T09:52:16","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=125207"},"modified":"2022-02-25T12:21:21","modified_gmt":"2022-02-25T11:21:21","slug":"hiv-laesst-sich-nicht-totschweigen-die-geschichte-von-max","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/hiv-laesst-sich-nicht-totschweigen-die-geschichte-von-max\/","title":{"rendered":"HIV l\u00e4sst sich nicht totschweigen: Die Geschichte von Max"},"content":{"rendered":"<h3>Max lebt seit \u00fcber 25 Jahren mit HIV. Aus Angst erz\u00e4hlte er lange niemandem davon und verzichtete auf eine Therapie \u2013 mit schlimmen Folgen.<\/h3>\n<p>\u00abBisch w\u00fcrkli e L\u00f6l!\u00bb Dieser an sich selbst gerichtete schweizerdeutsche Tadel ging Max Krieg Ende des Jahres 1999 durch den Kopf. Ein positiver HIV-Test. Er musste sich vier oder f\u00fcnf Jahre zuvor bei einer von zwei ungesch\u00fctzten aktiven Analpenetrationen angesteckt haben. Ausgerechnet Max, ein AIDS-Aktivist der ersten Stunde.<\/p>\n<p>Wir reisen noch weiter zur\u00fcck in die Vergangenheit: 1981 erf\u00e4hrt die Schweizer LGBTIQ-Community von den ersten AIDS-F\u00e4llen in den USA. Die Nachrichten ver\u00e4ngstigen und alarmieren vor allem schwule M\u00e4nner.<\/p>\n<p>Doch die meisten h\u00e4tten den Ernst der Lage damals noch nicht erkannt, wie sich Max erinnert. \u00abViele dachten, es w\u00e4ren bloss die betroffen, die f\u00fcr promiskuitive Aktivit\u00e4ten nach Los Angeles oder New York reisten.\u00bb Es dauerte eine Weile, bis klar war, dass AIDS alle betrifft.<\/p>\n<p><strong>Kondomschmuggler f\u00fcr Italien<\/strong><br \/>\nMax, der in der N\u00e4he von Olten aufwuchs, lebte damals aus beruflichen Gr\u00fcnden in Lugano. Dort half er mit, ab 1985 die Aidshilfe Tessin aufzubauen. Er bet\u00e4tigte sich gar als internationaler Kondomschmuggler: In Italien waren die Pr\u00e4servative schwieriger zu bekommen, die Hemmschwelle, danach zu fragen, gross. Mit dem \u00ab<a href=\"https:\/\/schwulengeschichte.ch\/epochen\/7-aids-und-seine-folgen\/aids-hilfe-schweiz-ahs\/ahs-im-ersten-jahr\/hot-rubber\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hot Rubber<\/a>\u00bb produzierte die <em><a href=\"https:\/\/aids.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Aids-Hilfe Schweiz<\/a><\/em> ausserdem ein speziell f\u00fcr den Analverkehr designtes Kondom. Sicher, reissfest \u2013 und mit stilisiertem Penis darauf. \u00abAlle drei bis vier Monate schmuggelte ich einige Kartons davon in eine Mail\u00e4nder Buchhandlung.\u00bb<\/p>\n<p>Auch organisierte Max anonyme HIV-Tests in Tessiner Spit\u00e4lern. So hatte man die M\u00f6glichkeit, sich lediglich unter einem Pseudonym oder Codewort testen zu lassen und nach drei bis vier Tagen die Resultate zu erhalten. Diese wurden n\u00e4mlich normalerweise dokumentiert und dem Bundesamt f\u00fcr Gesundheit mit Namen weitergegeben; eine Praxis, die nat\u00fcrlich auf viele Schwule abschreckend wirkte. Er selbst liess sich im Zuge von verdeckten Kontrollen dort mehrfach testen \u2013 immer mit negativem Resultat. \u00abDas gab mir f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre eine tr\u00fcgerische Sicherheit\u00bb, sagt Max. Seinen n\u00e4chsten Test w\u00fcrde er erst 1999 aufgrund von wiederkehrenden Zuckungen der Gesichtsmuskulatur machen.<\/p>\n<p><strong>Schweigen aus Scham<\/strong><br \/>\nDas positive Testresultat hielt er geheim \u2013 aus Angst vor Stigmatisierung und weil es ihm peinlich war, dass ausgerechnet ihm das passiert ist. Der heute 75-J\u00e4hrige fasste damals ausserdem einen verheerenden Entschluss: Er verzichtete auf die standardm\u00e4ssige Therapie mit drei Medikamenten, obwohl sein CD4-Wert bereits auf 200 abgesunken war.<\/p>\n<p>CD4-Lymphozyten sind f\u00fcr den Informationsaustausch zwischen den Abwehrzellen verantwortlich; gesunde Menschen haben davon 500-1&#8217;400 pro Mikroliter Blut. Ab 200 besteht ein hohes Risiko f\u00fcr schwere, aidsdefinierende Krankheiten.<\/p>\n<p>Doch der erfolgsversprechende Medikamenten-Cocktail passte seiner Ansicht nach nicht zu seinem Lebensstil. Max wollte seinem K\u00f6rper, in dem er sich ja eigentlich gesund f\u00fchlte, keine \u00abChemie\u00bb zumuten. Stattdessen experimentierte er mit alternativen Heilmethoden, was er r\u00fcckblickend sehr bereut. \u00abIch war damals wie die Impfverweigerer von heute: Es gab ein Mittel, aber ich wollte es einfach nicht nehmen.\u00bb<\/p>\n<p>Er ern\u00e4hrte sich vegetarisch und lebte ausserdem mit der Eigenurintherapie, die einen Verzicht auf chemische Arzneimittel erforderte. Hinzu kamen alternative Methoden wie die t\u00e4gliche Elektrostimulation an den Handgelenken und silberjodiertes Wasser. Das habe ihm vielleicht schon ein bisschen geholfen, aber es war dann einfach zu wenig, meint Max.<\/p>\n<p>Er hielt die Infektion geheim, er verzichtete auf eine normale Therapie \u2013 wollte er das Virus einfach verdr\u00e4ngen? Das k\u00f6nne man so nicht sagen, findet Max. Er habe es ja schliesslich t\u00e4glich auf seine Art \u00abtherapiert\u00bb und gewusst, dass es einmal schlimmer werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Verh\u00e4ngnisvoller Verzicht<\/strong><br \/>\nAus heutiger Sicht erscheint es schon fast absurd, dass ein HIV-Aktivist und -Betroffener stur auf die neuesten Fortschritte der Wissenschaft verzichtet. Doch man darf nicht vergessen, dass bis Mitte der 90er-Jahre den Infizierten keine andere Wahl blieb, als medizinisch zu experimentieren. Da bis etwa 1995 keine wirksamen Medikamente zur Verf\u00fcgung standen, habe man \u00abeinfach alles ausprobiert\u00bb, erinnert sich Max. Gleichzeitig weiss er, dass das keine Ausrede sein darf. Er war selbst schuld an dem, was unaufhaltsam auf ihn zukam.<\/p>\n<p>Im Jahr 2002 erlitt er einen Zusammenbruch. Sein CD4-Wert lag zeitweise bei 20, acht Wochen verbrachte er im Berner Inselspital. Jetzt startete er endlich die Dreier-Therapie und sie war so erfolgreich, dass er bald darauf wieder arbeiten konnte.<\/p>\n<p>Doch zwei Jahre sp\u00e4ter traten pl\u00f6tzliche, etwa 30 Minuten anhaltende Verluste der Sehkraft auf. Schliesslich kam es zu einem erneuten Zusammenbruch mit Spitaleinweisung. Sein Chef wollte damals wissen, ob das etwas mit HIV zu tun habe \u2013 und Max gab ihm die ehrliche Antwort. Daraufhin versuchte man, ihn in die IV auszulagern. Dank neuen Therapieerfolgen mit angepasster Medikation schaffte er es zur\u00fcck in die Berufst\u00e4tigkeit und konnte die Auslagerung verweigern. 2011 ging er im Alter von 65 Jahren regul\u00e4r in Pension.<\/p>\n<p><strong>\u00abAlles auch aus Dankbarkeit\u00bb<\/strong><br \/>\nHeute lebt er mit einem CD4-Wert von \u00fcber 400 und so gut wie beschwerdefrei. Ohnehin erachte er Menschen mit HIV, welche die Therapien und die regelm\u00e4ssigen Kontrollen einhalten w\u00fcrden, als \u00abdie medizinisch am besten versorgten Menschen\u00bb \u00fcberhaupt. In diesem Jahr wechselte er die Medikation auf lediglich eine Tablette pro Tag.<\/p>\n<p>Max, der seit 1989 in Bern wohnt, engagierte sich \u00fcber die Jahre in zahlreichen LGBTIQ-Organisationen: Von 1971 bis 1993 war er bei der \u00abSchweizerische Organisation der Homophilen\u00bb und arbeitete f\u00fcr deren Monatszeitschrift <em>hey<\/em>. Er war Mitgr\u00fcnder von \u00ab<a href=\"https:\/\/sev-online.ch\/de\/aktuell\/spezialausgabe-sev-zeitung-100-jahre-100-gesichter\/pinkrail-2019052802-13\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pink Rail<\/a>\u00bb, Mitinitiator der SGB-Mitgliederkommission, Vorstandsmitglied bei der \u00ab<a href=\"https:\/\/habqueerbern.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hab queer bern<\/a>\u00bb, seit 1993 Mitglied bei \u00ab<a href=\"https:\/\/www.pinkcross.ch\/de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pink Cross<\/a>\u00bb und mittlerweile dort ebenfalls im Vorstand \u2013 das ist nur ein Auszug der Liste seiner Aktivit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Sein HIV-Engagement parallel dazu hat sich ver\u00e4ndert: Er steht jetzt offener zu seinem Leben mit dem Virus. Damit leistet er einen Beitrag im Kampf gegen Tabuisierung, Stigmatisierung und Vorurteile. \u00abAlles auch aus Dankbarkeit f\u00fcr mein zweites Leben, denn es h\u00e4tte noch viel schlimmer kommen k\u00f6nnen.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Eine etwas k\u00fcrzere Version dieses Portr\u00e4ts findest du in unserer neusten Ausgabe als Teil des Beitrags zu 40 Jahre AIDS. Noch kein Abo? <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/product-category\/abo-print-digital\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hier geht\u2019s zu unserem Abo-Shop<\/a>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Max lebt seit \u00fcber 25 Jahren mit #HIV. Aus Angst erz\u00e4hlte er lange niemandem davon und verzichtete auf eine Therapie \u2013 mit schlimmen Folgen. Unser Portr\u00e4t zum #WeltAIDSTag. 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