{"id":124822,"date":"2021-11-26T11:56:58","date_gmt":"2021-11-26T10:56:58","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=124822"},"modified":"2021-11-28T10:49:00","modified_gmt":"2021-11-28T09:49:00","slug":"jakob-stutz-der-volksdichter-mit-der-weiblichen-seele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/jakob-stutz-der-volksdichter-mit-der-weiblichen-seele\/","title":{"rendered":"Jakob Stutz: Der Volksdichter mit der \u00abweiblichen Seele\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Ein Leben lang versuchte Jakob Stutz seine Homosexualit\u00e4t zu verdr\u00e4ngen, was ihm nicht gelingen wollte. Am morgigen Samstag feiert der beinahe vergessene Schweizer Volksdichter mit der selbstattestierten \u00abweiblichen Seele\u00bb seinen 220. Geburtstag.<\/h3>\n<p>Als kleiner Junge wollte Jakob Stutz seinen Kinderrock einfach nicht gegen eine Hose tauschen. \u00abIch wollte und mochte kein Knabe sein, sondern ein M\u00e4dchen\u00bb, schrieb er in seinem autobiografischen Roman \u00abSieben mal sieben Jahre aus meinem Leben\u00bb, der 1853 erschien. In seinen Tageb\u00fcchern haderte der Z\u00fcrcher Oberl\u00e4nder Dichter und P\u00e4dagoge mit seinem Schicksal und mit Gott, der ihm \u00abeine Weibesseele in einen m\u00e4nnlichen K\u00f6rper\u00bb gesetzt habe. Die Zuneigung zu jungen M\u00e4nnern habe ihn um sein \u00abEhegl\u00fcck\u00bb gebracht.<\/p>\n<p>Unter dieser \u00abverkehrten Neigung\u00bb, wie er in einem Brief schrieb, leide er schon seit Kindheit. Diese verbrachte Jakob Stutz zun\u00e4chst in der N\u00e4he von Pf\u00e4ffikon im Kanton Z\u00fcrich. Die Familie war gut situiert, der Vater Bauer und Textilunternehmer. Doch als die Eltern 1813 starben \u2013 seine Mutter kam bei der Geburt ihres 16. Kindes ums Leben \u2013 musste sich Jakob als Knecht verdingen.<\/p>\n<p><strong>Quelle f\u00fcr Sozialgeschichte<\/strong><br \/>\nAuf Empfehlung eines Pfarrers erhielt er 1827 eine Stelle als Arbeitslehrer an der \u00abZ\u00fcrcher Blindenanstalt\u00bb. Er entwickelte erfolgreich neue, modernere Unterrichtsmethoden. Dank ihm w\u00fcrden sp\u00e4ter in der Schweiz das Werken, Theaterauff\u00fchrungen und Leihbibliotheken Bestandteile des Schulalltags werden. Trotzdem wurde er 1836 entlassen. Der Vorwurf \u00abUnzucht\u00bb tauchte ein erstes Mal auf.<\/p>\n<p>Es war auch das Jahr, in dem er das Schauspiel \u00abDer Brand von Uster\u00bb und damit den dritten Band seiner damals popul\u00e4ren literarischen Reihe \u00abGem\u00e4lde aus dem Volksleben\u00bb ver\u00f6ffentlichte. Sie stellt die fr\u00fcheste Quelle f\u00fcr die Sozialgeschichte des Z\u00fcrcher Oberlandes dar. Sein Werk ist ausserdem eines der ersten Zeugnisse Schweizer Mundartliteratur \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p><strong>Der ge\u00e4chtete \u00abVolksdichter\u00bb<\/strong><br \/>\nTats\u00e4chlich kostete seine Sexualit\u00e4t \u2013 oder vielmehr sein Umgang mit ihr \u2013 Jakob Stutz sein damaliges Ansehen und seinen Nachruhm. Er konnte sie nie akzeptieren und gleichzeitig nie verdr\u00e4ngen, stand immer im Kampf mit ihr und verlor eins ums andere Mal.<\/p>\n<p>Das zweite Mal 1841, als er Lehrer an einer Privatschule f\u00fcr \u00abTaubstumme und Schwerh\u00f6rige\u00bb im appenzellischen Schwellbrunn war. Der damals bekannte Schriftsteller wurde des sexuellen \u00dcbergriffs auf einen Sch\u00fcler angeklagt. Die genauen Umst\u00e4nde und den Wahrheitsgehalt der Vorw\u00fcrfe lassen sich nicht mehr rekonstruieren. Fakt ist, dass Jakob Stutz zu mehreren Wochen Gef\u00e4ngnis verurteilt wurde und fortan in Sternenberg als Einsiedler lebte \u2013 fernab jeder Versuchung, wie er hoffte. Bald gesellten sich junge Anh\u00e4nger zu ihm; die \u00abZ\u00fcrcher Oberl\u00e4nder Dichterschule\u00bb philosophierte \u00fcber Sozialreformen und die Rolle der Literatur.<\/p>\n<p>Doch 1856 lautete der Vorwurf abermals \u00abUnzucht\u00bb, diesmal setzte es eine dreij\u00e4hrige Verbannung aus dem Kanton Z\u00fcrich. Gerichtsakten legen nahe, dass ihm junge M\u00e4nner k\u00f6rperlichen Kontakt anboten und ihn dann erpressen wollten. Frustriert haben sie ihn angezeigt, nachdem sie bemerkt hatten, dass beim mittellosen Dichter kein Geld zu holen war.<\/p>\n<p>Fast alle wandten sich nun von ihm ab. Der mittlerweile ge\u00e4chtete Volksdichter wanderte umher und schlug sich mal als Privatlehrer, mal als Hausknecht durch. 1867 wurde er schliesslich von seiner Nichte in B\u00e4retswil im Z\u00fcrcher Oberland aufgenommen, wo er zehn Jahre sp\u00e4ter verstarb.<\/p>\n<p><strong>Von Beh\u00f6rden ignoriert<\/strong><br \/>\nMan k\u00f6nnte Jakob Stutz einen literarischen und p\u00e4dagogischen Pionier nennen. Als solcher ist er aber nie in die Geschichte eingegangen. Unter der \u00dcberschrift \u00abAls Dichter geachtet, als Mensch ge\u00e4chtet\u00bb berichtete vor genau 20 Jahren die <em>NZZ<\/em> \u00fcber den verstossenen \u00abChronisten der Industrialisierung\u00bb.<\/p>\n<p>Der 200. Geburtstag des Schriftstellers wird dort eher trostlos dargestellt: \u00abIn B\u00e4retswil ist vor einer Woche die Enth\u00fcllung eines Gedenksteins an der l\u00e4ngst aufgehobenen Grabst\u00e4tte von Jakob Stutz von den Beh\u00f6rden ignoriert worden wegen der homosexuellen Neigungen des Dichters und seiner diesbez\u00fcglichen Verfehlungen.\u00bb<\/p>\n<p>Immerhin: Es gibt eine Jakob-Stutz-Strasse in Hittnau und einen 23 Kilometer langen Jakob-Stutz-Wanderweg. Dieser f\u00fchrt von seinem Geburtshaus bis zur St\u00e4tte seiner einstigen \u00abDichterschule\u00bb.<\/p>\n<p>Die Strasse und den Wanderweg findest du nebst hunderten weiteren Eintr\u00e4gen in unserer <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/von-mercury-bis-meysel-so-queer-sind-unsere-strassen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Auflistung von LGBTIQ-Strassennamen<\/a> in Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz (mit MANNSCHAFT+).<\/p>\n<p><strong>MANNSCHAFT bedankt sich bei Ernst Ostertag und <a href=\"https:\/\/schwulengeschichte.ch\/home\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Schwulengeschichte.ch<\/a> f\u00fcr die Unterst\u00fctzung bei der Recherche.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Leben lang versuchte Jakob Stutz seine #Homosexualit\u00e4t zu verdr\u00e4ngen. Am 27. November feiert der beinahe vergessene #Schweizer #Volksdichter mit der \u00abweiblichen Seele\u00bb seinen 220. 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