{"id":124086,"date":"2021-11-22T15:11:24","date_gmt":"2021-11-22T14:11:24","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=124086"},"modified":"2021-11-23T12:32:24","modified_gmt":"2021-11-23T11:32:24","slug":"queer-in-belarus-wir-kaempfen-weiter-jeden-tag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/queer-in-belarus-wir-kaempfen-weiter-jeden-tag\/","title":{"rendered":"Queers in Belarus: \u00abWir k\u00e4mpfen weiter. Jeden Tag\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Tony Lashden, 27, ist Mitgr\u00fcnder*in der queer-feministischen Initiative \u00abtender for gender\u00bb in Minsk, Journalist*in, Autor*in und Menschenrechtsaktivist*in. Lashden ist eine wichtige Figur des Feminismus in Belarus und setzt sich f\u00fcr die Rechte und die Freiheit von queeren Personen und Frauen ein. Das Interview f\u00fchrte Sarah Tekath.<\/h3>\n<p><strong>Tony, wo befindest du dich gerade und bist du dort sicher?<\/strong><br \/>\nIch bin aktuell an einem sicheren Ort, aber ich kann nicht sagen, wo das ist. Viele Aktivist*innen k\u00f6nnen das derzeit nicht. Sie sind aber weit verbreitet \u00fcber viele L\u00e4nder. Ich werde aber in K\u00fcrze nach Hause reisen, nach Minsk. Ich bin jetzt drei Monate nicht mehr zu Hause gewesen und ich freue mich sehr darauf.<\/p>\n<blockquote><p>Trans Personen haben immer noch Schwierigkeiten, Impfungen zu bekommen.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Wie w\u00fcrdest du die aktuelle Situation f\u00fcr die LGBTIQ-Community in Belarus beschreiben?<\/strong><br \/>\nWenn wir die Wahlen in 2020 und die COVID-19-Pandemie in Betracht ziehen, dann muss wohl gesagt werden, dass die Lage entsetzlich ist. Eines der gr\u00f6ssten Probleme ist k\u00f6rperliche Sicherheit. Trans Personen haben immer noch Schwierigkeiten, Impfungen zu bekommen. In Belarus m\u00fcssen im Gesundheitssystem Ausweisdokumente vorgelegt werden, was zu Problemen f\u00fchren kann. Selbst f\u00fcr Personen, die nicht queer sind, ist es schwer, Impfungen zu bekommen, aber f\u00fcr marginalisierte Gruppen ist es umso schwieriger.<\/p>\n<p>Zudem wurden in Minsk viele LGBTIQ-freundliche Orte geschlossen, entweder durch die Regierung oder sie haben die Pandemie nicht \u00fcberstanden. Auch Anlaufstellen f\u00fcr psychologische Hilfe sind deutlich weniger geworden. Positiv ist allerdings, dass viele Initiativen immer noch weiter aktiv sind und versuchen, diese L\u00fccken zu schliessen und Menschen miteinander in Kontakt zu bringen, um sich gegenseitig zu unterst\u00fctzen. Allerdings ist es auch so, dass der Bedarf viel h\u00f6her ist als das, was diese Initiativen leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Wie ist die Gesetzeslage in <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/es-ist-kompliziert-hier-zu-leben-es-ist-moeglich\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Belarus<\/a> bez\u00fcglich LGBTIQ?<\/strong><br \/>\nEs ist legal, homosexuell zu sein. F\u00fcr Trans-Personen ist es m\u00f6glich, eine Operation durchf\u00fchren oder ihre Dokumente anpassen zu lassen. Offizielle Partnerschaften, gleichgeschlechtliche Ehen oder die Adoption von Kindern sind allerdings nicht erlaubt. Es gibt auch keine Anti-Diskriminierungsgesetze oder Gesetzgebung und Strafverfolgung f\u00fcr Hassverbrechen.<br \/>\nBez\u00fcglich LGBTIQ-Organisationen ist es wichtig zu wissen, dass es gesetzlich erlaubt ist, eine solche zu gr\u00fcnden und trotzdem gibt es in Belarus keine einzige. Das liegt daran, dass der Staat die LGBTIQ-Community nicht als schutzbed\u00fcrftige, marginalisierte Gruppe ansieht.<\/p>\n<blockquote><p>Marginalisierte Gruppen sind automatisch viel verwundbarer, weil auch ihr Umfeld mit hingezogen werden kann<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Geht der Staat gerade aktiv gegen die LGBTIQ-Community vor?<\/strong><br \/>\nIn aller Fairness, ich denke nicht, dass der Staat speziell gegen die Gruppe von LGBTIQ vorgeht. Menschen werden nicht daf\u00fcr verfolgt, dass sie nicht-heterosexuelle Identit\u00e4ten haben. Es ist aber so, dass viele Mitglieder der LGBTIQ-Community an friedlichen Aktionen gegen den Staat teilgenommen haben. Dadurch werden sie zur Zielscheibe. Ich w\u00fcrde aber nicht sagen, dass der Staat speziell darauf aus ist, etwas gegen LGBTIQ-Personen zu unternehmen. Aber schlussendlich ist das nat\u00fcrlich doch, was passiert, aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Durch den Mangel an sicheren Orten und durch permanente Durchsuchungen von Organisationen und Privatr\u00e4umen durch die Polizei f\u00fchlen wir uns aber trotzdem nicht sicher \u2013 und das gilt f\u00fcr alle Menschen in Belarus. Es scheint keine Grenze mehr zu geben, die der Staat nicht bereit ist, zu \u00fcberschreiten. Dabei m\u00fcssen wir aber auch bedenken, dass es ein Unterschied ist, ob eine Person verfolgt wird, die den sozialen Normen entspricht und eine, bei der das nicht so ist. Marginalisierte Gruppen sind automatisch viel verwundbarer, weil auch ihr Umfeld mit hingezogen werden kann oder im Fall von Personen, die nicht geoutet sind, weil ihre Identit\u00e4t \u00f6ffentlich gemacht werden k\u00f6nnte. Da Belarus kein tolerantes Land ist, kann das einen sofortigen negativen Effekt auf deren Leben haben.<\/p>\n<p><strong>Die Regierung versucht die Bev\u00f6lkerung und die Aktivist*innen durch Verfolgung einzusch\u00fcchtern. Denkst du, dass dies bei der LGBTIQ-Community gelingt? Haben viele ihren Aktivismus eingestellt?<br \/>\n<\/strong>Ich glaube, dass Aktivismus mit sehr viel Verantwortung verbunden ist. Es ist wichtig, daf\u00fcr zu sorgen, dass Veranstaltungen f\u00fcr alle Teilnehmenden sicher sind. Aber aktuell in Belarus ist es sehr schwer, einzusch\u00e4tzen, was sicher ist und was nicht. Ich glaube, dass die Menschen dadurch weniger aktiv sind in Formen von Aktivismus, die Pr\u00e4senz erfordern. Ein weiterer Grund ist meiner Meinung nach, dass die Aktivist*innen einfach m\u00fcde und ersch\u00f6pft sind. Viele von uns waren ununterbrochen seit Anfang 2020 aktiv, das ist mehr als ein Jahr und es hat inzwischen keinen einzigen Moment zum Durchatmen gegeben.<\/p>\n<p>Erst gab es die Wahlen, dann <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/zentralrat-der-judgen-praesident-sieht-verrohung-und-hetze-durch-corona\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">COVID-19<\/a> und jetzt die Belarus nahezu abgeschnitten vom Rest der Welt und wir k\u00f6nnen nirgendwo mehr hin. Deswegen glaube ich auch nicht, dass die Aktivist*innen nur eingesch\u00fcchtert sind. Sie haben wirklich Angst. Viele sind auch in die umliegenden L\u00e4nder gefl\u00fcchtet und agieren von dort aus, aber auch da ist die Lage nicht LGBTIQ-freundlich, wie beispielsweise in <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/polen-parlament-debattiert-ueber-verbot-von-pride-demos\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Polen<\/a> oder <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/mangels-lgbtiq-rechte-schritte-gegen-polen-und-ungarn-gefordert\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ungarn<\/a>. Trotzdem wird aber noch viel geleistet. Wir k\u00e4mpfen weiter. Jeden Tag.<\/p>\n<p><strong>Was denkst du \u00fcber die Darstellung von Belarus und der hiesigen LGBTIQ-Community in westlichen Medien?<\/strong><br \/>\n<em>CNN<\/em> hat k\u00fcrzlich ein Interview mit <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/verstoss-gegen-regeln-belarus-vom-esc-ausgeschlossen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lukaschenko<\/a> ver\u00f6ffentlicht und ihn dort als den \u201aletzten Diktator\u2018 bezeichnet. Ich halte es f\u00fcr sehr kontraproduktiv, jemandem, der unbedingt Aufmerksamkeit will, auch Aufmerksamkeit zu geben. Wenn die Medien von Belarus als der \u201aletzten Diktatur\u2018 sprechen, f\u00fchrt das meiner Meinung nach aber auch dazu, dass die Menschen das Land sowieso f\u00fcr verloren halten, in dem nichts mehr zu retten ist. Dadurch werden sie auch nie bemerken, dass es in Belarus noch Bewegungen gibt, die dringend Unterst\u00fctzung brauchen.<\/p>\n<blockquote><p>Es scheint keine Grenze mehr zu geben, die der Staat nicht bereit ist, zu \u00fcberschreiten.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Und \u00fcber die Darstellung von LGBTIQ-Aktivist*innen aus Belarus?<\/strong><br \/>\nIch weiss, dass die Medien es gut meinen und Aufmerksamkeit erreichen wollen f\u00fcr die LGBTIQ-Community in Belarus. Leider entwickelt es sich dabei aber fast schon zu einer Art \u201aTrauma-Porno\u2018, wobei LGBTIQ als Opfer immenser Unterdr\u00fcckung dargestellt werden. Das f\u00fchrt dazu, dass die Menschen zwar Mitleid haben, aber nicht unbedingt aktiv werden. Aber selbst wenn LGBTIQ in Belarus nat\u00fcrlich eine marginalisierte und verletzliche Gruppe sind, so sind sie doch keine passiven Opfer des Hasses. Wir sind seit Jahren aktiv und setzen uns ein, das Leben der Community besser zu machen. In meinem Fall sind es mehr als zehn Jahre und ich weigere mich einfach, mich als Opfer zu verstehen.<\/p>\n<p>Die LGBTIQ-Community hat wirklich bahnbrechende Kultur-Veranstaltungen organisiert, die sehr zur Sichtbarkeit beigetragen haben. Es gab ein eine Woche langes Event zu Queer-Themen mitten im Stadtzentrum und es wurde auch ein <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/zurich-film-festival-laesst-maenner-nur-mit-frauen-an-party\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">queeres Film Festival<\/a> veranstaltet. Ich finde, das sind grossartige Leistungen, wenn man bedenkt, wie konservativ Belarus ist. Da ist es eine wahnsinnige Herausforderung, solche Veranstaltungen zu organisieren. Gleichzeitig gab es Bem\u00fchungen, Diskriminierung und <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/hassverbrechen-in-zuerich-ab-jetzt-wird-gezaehlt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hassverbrechen<\/a> gegen LGBTIQ in die Gesetzgebung aufzunehmen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_124120\" aria-describedby=\"caption-attachment-124120\" style=\"width: 900px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/tony-black.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload wp-image-124120 size-full\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 900 500'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/tony-black.jpg\" alt=\"Tony Lashden\" width=\"900\" height=\"500\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/tony-black.jpg 900w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/tony-black-300x167.jpg 300w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/tony-black-425x236.jpg 425w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/tony-black-768x427.jpg 768w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/tony-black-192x108.jpg 192w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/tony-black-561x312.jpg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/tony-black-265x147.jpg 265w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/tony-black-531x295.jpg 531w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/tony-black-364x202.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/tony-black-728x404.jpg 728w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/tony-black-608x338.jpg 608w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/tony-black-758x421.jpg 758w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/tony-black-86x48.jpg 86w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/tony-black-173x96.jpg 173w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/tony-black-400x222.jpg 400w\" data-sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-124120\" class=\"wp-caption-text\">Tony ist seit dem 16. Lebensjahr aktiv im Feminismus<\/figcaption><\/figure>\n<p>Andere haben in Zusammenarbeit mit Universit\u00e4ten Kurse f\u00fcr mehr Inklusion angeboten. Klar gibt es immer noch grosse Probleme f\u00fcr die LGBTIQ-Community in Belarus, aber trotzdem denke ich, dass das, was schon alles erreicht wurde, auch in Relation gesehen werden muss. Denn was m\u00f6glicherweise nur wie ein kleiner Schritt aussieht, konnte vielleicht nur erreicht werden, weil viele mutige Menschen jahrelang daf\u00fcr gearbeitet haben.<\/p>\n<p><strong>Seit wann bist du als Aktivist*in aktiv und was war deine Motivation, mit Aktivismus anzufangen?<\/strong><br \/>\nIch weiss gar nicht genau, was der Grund f\u00fcr mich war. Ich bin schon sehr fr\u00fch in meinem Leben, mit 16 Jahren im Feminismus aktiv geworden. Dabei ging es vornehmlich darum, online Kampagnen f\u00fcr Frauen-, Lesben- und Bisexuellenrechte zu organisieren. Das erschien mir damals wie eine gute Sache, die ich unterst\u00fctzen wollte. Sp\u00e4ter ist mir dann auch bewusst geworden, dass diese Aspekte mich auch pers\u00f6nlich betreffen und mein Leben, meine Freiheit und meine Zukunft beeinflussen. Seit 2011 bin ich auch verst\u00e4rkt Teil von physischem Aktivismus. Das sind jetzt mehr als zehn Jahre und wenn ich dar\u00fcber nachdenke, ist es schon verr\u00fcckt, was f\u00fcr eine lange Zeit das ist.<\/p>\n<p><em>In der aktuellen Krise um Tausende Migrant*innen in Belarus, die in die EU einreisen wollen, setzt der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko auf ein Einlenken Europas. \u00abIch warte auf die Antwort der EU auf die Frage nach den 2000 Fl\u00fcchtlingen\u00bb, sagte er am Montag in der Hauptstadt Minsk. Er habe die EU und insbesondere Deutschland gebeten, diese Menschen \u00abuns abzunehmen\u00bb. Die gesch\u00e4ftsf\u00fchrende Kanzlerin Angela Merkel machte allerdings erneut deutlich, dass die Lage in Belarus europ\u00e4isch zu l\u00f6sen sei. Die EU sondierte mit dem belarussischen Aussenministerium zu einer m\u00f6glichen R\u00fcckf\u00fchrung. (dpa)<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>#tenderforgender Die Lage in #Belarus ist weiter angespannt, nicht zuletzt f\u00fcr #Queers. So haben #trans Personen haben immer noch Schwierigkeiten, #Impfungen zu bekommen. 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