{"id":123547,"date":"2021-11-26T16:43:46","date_gmt":"2021-11-26T15:43:46","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=123547"},"modified":"2021-11-30T12:35:21","modified_gmt":"2021-11-30T11:35:21","slug":"ohne-xxx-kein-dating-oder-die-angst-vorm-screenshot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/ohne-xxx-kein-dating-oder-die-angst-vorm-screenshot\/","title":{"rendered":"Ohne \u00abXXX\u00bb kein Dating oder: Die Angst vorm Screenshot"},"content":{"rendered":"<h3>Peter F\u00e4sslacher ist Moderator und Sendungsverantwortlicher bei ORF III und Stimme des Podcasts <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/2020\/02\/06\/podcast-schwul-schluss-mit-dem-schweigen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00abReden ist Gold\u00bb<\/a> \u00fcber Liebe und Leben von LGBTIQ. In seinem Kommentar* erkl\u00e4rt er, warum verfallende Fotos in Dating-Apps einen solchen Reiz haben. Der Text stammt aus der <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/lgbtiq-news-die-neue-mannschaft-ehe-fuer-alle-evan-hansen-etheridge\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Herbst-Ausgabe der MANNSCHAFT<\/a>.<\/h3>\n<p>Alle tun es. Oder haben es zumindest schon einmal getan. Relativ wenige geben es offen zu. Und wer es tats\u00e4chlich nicht tut, blickt oft moralisch triumphierend auf diejenigen, die es tun. Seit Ewigkeiten gibt es die sieben Tods\u00fcnden. Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, V\u00f6llerei, Neid, Faulheit. Und seit Kurzem gibt es eine achte: Das Versenden von explizitem Bildmaterial privater K\u00f6rperregionen im Internet.<\/p>\n<p>Gerade im schwulen Onlinedating l\u00e4sst sich immer h\u00e4ufiger ohne so genannte \u00abxxx?\u00bb gar kein Treffen mehr arrangieren. Vorbei scheint die romantische Zeit des neugierigen Erforschens und<br \/>\nEntdeckens vor Ort. Aus neugierig wurde gierig. Zu gross ist wohl die Angst vor einer Frustration. Oder vielleicht zu klein? Bevor man sich trifft, hat man schon alles gesehen. Man weiss zwar nichts \u00fcber den anderen, glaubt aber trotzdem, alles zu kennen. Zumindest k\u00f6nnen keine Erwartungen mehr entt\u00e4uscht werden. Das glaubt man jedenfalls.<\/p>\n<p>Dieser charmante Zeitgeist bringt manche in eine moralische Zwickm\u00fchle mit der \u00dcberschrift \u00abSowas tut man nicht!\u00bb. Solche Fotos verschickt man nicht! Das geh\u00f6rt sich nicht! Das ist doch wirklich niveaulos! Und das bin ich nicht. Ich bin keiner von denen, die so etwas tun! Ausserdem ist das viel zu pers\u00f6nlich! Viel zu intim! Nein, ich verschicke solche Fotos sicher nicht! Sicher nicht?<br \/>\nImmer, wenn die Lust mit der Moral kommt, kommen die Dating-Apps mit Angeboten. Wie gehe ich mit dem Dilemma um, es zu wollen, aber nicht zu sollen? Eine fast philosophische Frage, auf die es seit einiger Zeit eine fast unphilosophische Antwort gibt: Das verfallende Foto. Pl\u00f6tzlich gibt es die M\u00f6glichkeit, es zu tun. Und es gleichzeitig nicht zu tun. Endlich kann ich mit gutem Gewissen s\u00fcndigen.<\/p>\n<p>Ein normales Foto sagt: Sei vorsichtig, was du verschickst! Geh lieber kein Risiko ein! Wenn das in die falschen H\u00e4nde ger\u00e4t! Sowas hat schon manche Karriere beendet! Das verfallende Foto sagt: Trau dich! Wir sagen es auch keinem weiter! Mit mir bist du sicher! Und nicht nur das: Fotos mit eingebautem Verfallsdatum geben einem das Gef\u00fchl der Kontrolle zur\u00fcck. Ich entscheide! Man kann damit die T\u00fcr einen Spalt weit \u00f6ffnen. Aber dann schnell wieder schliessen. Es ist, als w\u00e4re nichts geschehen. Man sagt damit: Ich bin eher ein Vorsichtiger. Einer, der Wert auf Seriosit\u00e4t legt. Eine gute Partie. Aber selbst ich bin in schwachen Momenten auch nur ein Mann! Wie menschlich!<\/p>\n<p>Das \u00d6ffnen des Fotos wird zu etwas Besonderem, das nur f\u00fcr meine Augen bestimmt ist. Und ich muss schnell hinschauen, denn gleich ist es wieder weg! Die Welt des Onlinedating teilt sich pl\u00f6tzlich in zwei Teile: In sichtbar und unsichtbar, offiziell und inoffiziell, erlaubt und verboten. Oder wie Freud es sagen w\u00fcrde: In \u00abIch\u00bb und \u00abEs\u00bb.<\/p>\n<p>Die Freude \u00fcber die immer liberaler werdende Gesellschaft ist bei allen \u2013 zu Recht \u2013 so gross, dass man dabei schnell etwas \u00fcbersieht: Die Ehe f\u00fcr alle, Regenbogenfamilien und die immer<br \/>\ngr\u00f6sser werdende Sichtbarkeit der LGBTIQ-Community nehmen einem die Lust am Verstecken. Ein Aspekt, der gerne vergessen und \u00fcbersehen wird. Verstecken kann auch etwas sehr Reizvolles sein! Und das ist jetzt wieder m\u00f6glich. Zumindest ein bisschen.<\/p>\n<p>Verfallende Fotos geben dem schwulen Onlinedating das Verbotene zur\u00fcck. Pl\u00f6tzlich gibt es wieder einen Bereich des Unsichtbaren. Es ist wieder m\u00f6glich, die Lust im Verborgenen zu leben. Und damit kennen sich schwule M\u00e4nner nun wirklich aus. Damals waren diese dunklen Orte die Parks. Heute sind es die Dating-Apps. Damals herrschte die Angst vor der Polizei. Heute ist es die Angst vor dem Screenshot.<\/p>\n<p><em>*Jeden Samstag ver\u00f6ffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar oder eine Glosse zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsl\u00e4ufig die Meinung der Redaktion wider.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im schwulen #Onlinedating l\u00e4sst sich h\u00e4ufig ohne sog. \u00abxxx\u00bb-Bilder gar kein Treffen mehr arrangieren. 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