{"id":123128,"date":"2021-11-08T10:24:58","date_gmt":"2021-11-08T09:24:58","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=123128"},"modified":"2021-11-10T23:22:25","modified_gmt":"2021-11-10T22:22:25","slug":"coming-out-in-der-arbeiterklasse-die-stimmung-wurde-viel-geloester","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/coming-out-in-der-arbeiterklasse-die-stimmung-wurde-viel-geloester\/","title":{"rendered":"Coming-out in der Arbeiterklasse: \u00abDie Stimmung wurde gel\u00f6ster\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Oft sind queere Menschen mit medialer Pr\u00e4senz entweder Akademiker*innen oder Kunstschaffende wie zuletzt der Schauspieler Vladimir Burlakov<a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/tatort-star-vladimir-burlakov-coming-out-auf-rotem-teppich\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> (MANNSCHAFT berichtete)<\/a>. Dadurch kann das verzerrte Bild entstehen, dass die Arbeiterklasse eine ziemlich cis-heterosexuelle Sache ist. Die folgenden drei Menschen beweisen das Gegenteil.<\/h3>\n<p>Was haben eine trans Installateurin, ein schwuler G\u00e4rtner und eine lesbische Tontechnikerin gemeinsam (neben der Tatsache dass alle drei queer sind)? Genau, keine*r von ihnen hat je einen Uniabschluss gemacht.<\/p>\n<p>Die Technikerin heisst Florina Diemer, die aktuell in einem Konzertlokal t\u00e4tig ist, in dem sie gastierende Musiker*innen und Bands betreut. \u00abViele Menschen stellen sich darunter einen unglaublich spannenden Job vor \u2013 aufregende G\u00e4ste und Rock \u2019n\u2019 Roll\u00bb, lacht sie, \u00abin Wirklichkeit gehts aber mehr ums Kabelverlegen\u00bb. Die 31-j\u00e4hrige erscheint an unserem Treffen zwar ohne Schirm, aber mit viel Charme und einem Cap. Als wir zusammen am Fluss sitzen, erz\u00e4hlt sie, sie habe in ihrem Leben immer wieder gleichgeschlechtliche Beziehungen gehabt und bei der Arbeit nie ein Geheimnis daraus gemacht. Ihr Coming-out hatte sie schon mit 15, also vor ihrem ersten Stellenantritt. Generell habe sie die interessante Beobachtung gemacht, dass viele m\u00e4nnliche Mitarbeiter froh seien, eine lesbische Kollegin zu haben. Sie w\u00fcrden sich mit ihr eher trauen, herumzutollen oder k\u00f6rperlich nahe zu sein, als mit einer Heterofrau.<\/p>\n<p>\u00abAusserdem habe ich immer in toleranten Betrieben wie Jugendkulturh\u00e4usern oder Kulturzentren gearbeitet, in denen ich nie Anfeindungen bef\u00fcrchten musste. Das ist ein Privileg, denn in grossen, kommerziellen Unternehmen gehts tendenziell ruppiger zu und her. Da arbeite ich lieber an einem Ort, an dem ich zwar weniger verdiene, aber mich daf\u00fcr wohlf\u00fchle im zwischenmenschlichen Umgang.\u00bb<\/p>\n<p>Trotzdem habe es auch einzelne Situationen gegeben, in denen sie sich zur\u00fcckgenommen habe, etwa bei fr\u00fcheren Arbeitseins\u00e4tzen an eher frommen Hochzeiten auf dem Land. Die Branche sei so wahnsinnig gross, dass da eine breite Palette an Menschen arbeite. \u00abBei riesigen Buden ist bestimmt ein J\u00fcrg dabei, der dumme Spr\u00fcche klopft\u00bb, sagt Florina augenrollend, \u00ababer auch in der kleineren, alternativen Technikszene kann es durchaus passieren. Dann muss ich halt mal Polizistin spielen\u00bb, grinst sie und dreht ihr Cap zurecht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_123131\" aria-describedby=\"caption-attachment-123131\" style=\"width: 900px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/working-class-heroes-dean.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-123131\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 900 600'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/working-class-heroes-dean.jpg\" alt=\"working class dean\" width=\"900\" height=\"600\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/working-class-heroes-dean.jpg 900w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/working-class-heroes-dean-300x200.jpg 300w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/working-class-heroes-dean-425x283.jpg 425w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/working-class-heroes-dean-768x512.jpg 768w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/working-class-heroes-dean-180x120.jpg 180w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/working-class-heroes-dean-561x374.jpg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/working-class-heroes-dean-265x177.jpg 265w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/working-class-heroes-dean-531x354.jpg 531w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/working-class-heroes-dean-364x243.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/working-class-heroes-dean-728x485.jpg 728w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/working-class-heroes-dean-608x405.jpg 608w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/working-class-heroes-dean-758x505.jpg 758w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/working-class-heroes-dean-72x48.jpg 72w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/working-class-heroes-dean-144x96.jpg 144w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/working-class-heroes-dean-400x267.jpg 400w\" data-sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-123131\" class=\"wp-caption-text\">Dean arbeitet immer noch im gleichen Dorf, in dem er aufgewachsen ist. (Bild: Cesare Macri)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Outing durchs Buschtelefon<\/strong><br \/>\nDen Tarif durchgeben musste Dean Tanner auch schon. Der schwule G\u00e4rtner mit dem urchig-charmanten Dialekt, der nach tiefster Zentralschweiz klingt, arbeitet noch immer im Dorf, in dem er aufgewachsen ist. Als wir uns auf dem Gel\u00e4nde der Gartenbaufirma treffen, bei der er angestellt ist, tr\u00e4gt er noch Arbeitsklamotten: graue Fleecejacke, gr\u00fcnschwarze Arbeitshose und massive Schuhe. \u00abGanz ehrlich, man h\u00f6rt unter G\u00e4rtnern schon \u00fcble Spr\u00fcche, und wenn du sie nicht einordnen kannst, wirst du verunsichert.\u00bb<\/p>\n<h3><strong>Mehr zum Thema: <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/schwuler-landwirt-bis-vor-zwei-jahren-habe-ich-ein-doppelleben-gefuehrt\/\">\u00abBis vor zwei Jahren habe ich ein Doppelleben gef\u00fchrt\u00bb<\/a><\/strong><\/h3>\n<p>Der heute 27-J\u00e4hrige habe mit 19 begonnen, sich zu outen, anf\u00e4nglich nur bei der Familie und engen Freund*innen. Als die Reaktionen allesamt gut ausgefallen seien, habe er den Mut gewonnen, auch in der damaligen Firma die Karten offenzulegen. Der dortige Vorgesetzte sei immer hinter ihm gestanden, wie auch der jetzige, der es vor Arbeitsbeginn schon gewusst habe: \u00abDas d\u00f6rfliche Buschtelefon nimmt dir gewisse Arbeiten ab\u00bb, lacht Dean.<\/p>\n<p>Damals sei ihm bewusst geworden, wie selten jemand \u2013 selbst in einem kleinen Dorf, selbst in einer Baubude \u2013 wirklich ein Problem mit Homosexuellen habe. \u00abKlar werden in dieser Branche Witze gerissen, aber f\u00fcr mich sind es dann halt einfach Witze. Darum kann er junge queere Personen, die einen handwerklichen Beruf erlernen wollen, nur dazu ermutigen. Ihr werdet auf mehr Offenheit stossen, als ihr denkt.\u00bb Positiv \u00fcberrascht habe ihn beispielsweise die Reaktion seines Vorgesetzten auf das anf\u00e4nglich angstbeladene Coming-out. \u00abEr sagte nur, dass das \u00fcberhaupt nichts \u00e4ndere zwischen uns. Aber dass er auch verstehen k\u00f6nne, dass ich bei der Gespr\u00e4chskultur meine Mitarbeiter als m\u00f6gliche Bedrohung s\u00e4he. Er war also sehr einf\u00fchlsam.\u00bb<\/p>\n<p>Es habe danach unter den G\u00e4rtnern h\u00f6chstens etwas Unsicherheit gegeben, wie sie von nun an mit ihm umgehen sollten: Welche Spr\u00fcche darf man noch klopfen? D\u00fcrfen wir Dean darauf ansprechen, oder f\u00fchlt er sich mit seiner Sexualit\u00e4t in diesem Umfeld wom\u00f6glich unwohl? Das habe dazu gef\u00fchrt, dass die meisten einfach geschwiegen h\u00e4tten; ein Schweigen, das dem frisch Geouteten eher unangenehm war. Um ihnen zu beweisen, dass er sein Schwulsein durchaus selbstbewusst lebe, habe er einfach begonnen, die anderen zu provozieren. \u00abDas waren dann so Kommentare wie: Okay, wenn ihr nackte Frauen aufh\u00e4ngt, h\u00e4nge ich daf\u00fcr einen M\u00e4nnerkalender auf!\u00bb Das habe f\u00fcr Entspannung gesorgt, die meisten h\u00e4tten es lustig gefunden und sind auf den Humor eingegangen.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abKlar werden in dieser Branche Witze gerissen.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Der unausweichliche Moment<\/strong><br \/>\nEtwas l\u00e4nger dauerte der Prozess f\u00fcr Domenica Priore, trans Frau und Sanit\u00e4r\u00adinstallateurin. Sie fing schon mit sechs Jahren an zu merken, dass sie sich mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht wohl f\u00fchlt. Bis sie aber auch \u00f6ffentlich dazu stehen konnte, sollten noch Jahrzehnte vergehen.<\/p>\n<p>Auch Domenica tr\u00e4gt noch ihre Arbeitskleidung, als wir uns f\u00fcrs Gespr\u00e4ch auf eine Parkbank setzen. Wunderbar irritierend ist dabei, dass unter ihrer etwas abgewetzten, traditionell m\u00e4nnlichen Kluft rote Fingern\u00e4gel zum Vorschein kommen. Die 53-J\u00e4hrige fing Anfang 20 an, in jenem Sanit\u00e4rgesch\u00e4ft zu arbeiten, bei dem sie heute noch angestellt ist. 30 Jahre also, wovon sie sich 20 gegen aussen als Mann gab. Das sei lange Zeit irgendwie machbar gewesen, da sie durch die Arbeit von ihrem wahren Selbst abgelenkt gewesen sei. \u00abAnfangs lebte ich mein Frausein nur zuhause aus, dann langsam, nachts, auch auf der Strasse. Den Arbeitgeber einzuweihen, hat zus\u00e4tzlich \u00dcberwindung gekostet.\u00bb<\/p>\n<p>Irgendwann habe sie es einfach nicht mehr ausgehalten \u2013 das Versteckspiel, ihre Psyche und ihr Verhalten h\u00e4tten immer mehr darunter gelitten. Die Arbeitskollegen h\u00e4tten zunehmend gemerkt, dass etwas nicht stimme. Auch ihr Aussehen ver\u00e4nderte sich immer mehr, irgendwann liess sie sich die Haare wachsen, sp\u00e4ter fing sie an, Ohrstecker zu tragen \u2013 nicht gerade \u00fcblich unter Installateuren. Als sie sich dann auch noch \u00abverplappert\u00bb und von sich selbst in der weiblichen Form gesprochen habe, sei eine Klarstellung unausweichlich gewesen. Sowohl Mitarbeitende als auch die Personalleitung h\u00e4tten von sich aus das Gespr\u00e4ch gesucht.<\/p>\n<p>Das sei der richtige Moment gewesen, sich erstmal bei der Gesch\u00e4ftsleitung zu outen. Diese sei anfangs etwas \u00fcberfordert gewesen, da sie bis dahin noch nie mit einer trans Angestellten umgehen mussten. Nachdem sich die Leitung bei ausl\u00e4ndischen Kolleg*innen Ratschl\u00e4ge eingeholt hatte, entschied sie, es mal zu versuchen \u2013 also Domenica ab sofort intern und extern als Frau zu behandeln und vorzustellen. Das Team wurde, zusammen mit Domenica und ihrer damaligen Psychologin, informiert. \u00abDanach war die Stimmung untereinander viel gel\u00f6ster, da alle wussten, woran sie waren. Sie konnten mein Verhalten und mein Aussehen endlich einordnen.\u00bb<\/p>\n<blockquote><p>\u00abM\u00e4nner erz\u00e4hlten mir von ihrer eigenen weiblichen Seite.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p>Einige Mitarbeiter seien sogar offener und pers\u00f6nlicher geworden im Gespr\u00e4ch: \u00abSie erz\u00e4hlten mir von ihrer eigenen weiblichen Seite, zum Beispiel von Dingen, die sie m\u00f6gen, obwohl sie in ihren Augen typisch weiblich sind.\u00bb Als sie das sagt, ist in ihrer Stimme Freude und Genugtuung zu sp\u00fcren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_123134\" aria-describedby=\"caption-attachment-123134\" style=\"width: 900px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/domenica-sanitaer.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-123134\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 900 1073'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/domenica-sanitaer.jpg\" alt=\"domenica\" width=\"900\" height=\"1073\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-123134\" class=\"wp-caption-text\">Nachdem sich Domenica verplappert hatte, war sie ihrem Arbeitgeber eine \u00abErkl\u00e4rung\u00bb schuldig. (Bild: Cesare Macri)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Nur keine Angriffsfl\u00e4che bieten<\/strong><br \/>\nEine allgemeine Erleichterung war auch in Deans Arbeitsalltag zu sp\u00fcren. \u00abBauern, Lastwagenfahrer und Bauarbeiter, mit denen ich bei der Arbeit zu tun habe, fragten mich fr\u00fcher, ob ich denn nun endlich eine Freundin h\u00e4tte. Heute erkundigen sie sich einfach nach einem Freund.\u00bb Es sei sch\u00f6n, an ihrem Privatleben teilzuhaben und auch selbst danach gefragt zu werden. Sein Chef frage vor dem Gesch\u00e4ftsessen immer, welche Partnerinnen und Partner dabei sein werden. Einige Kolleg*innen n\u00e4hmen Dean sogar in Schutz, wenn jemand hinter seinem R\u00fccken l\u00e4stere.<br \/>\n\u00abDer Vorteil, sich in einer eher konservativen Branche zu outen, ist, dass man extrem daran w\u00e4chst. Du weisst danach genau, wer du bist und wof\u00fcr du einstehst\u00bb, meint Dean mit ernster Miene.<\/p>\n<p>\u00abIch habe gelernt, dass du, solange du keine Angriffsfl\u00e4che bietest, auch kein Mobbingopfer werden kannst.\u00bb Solange seine Mitmenschen respektvoll und konstruktiv blieben, habe er kein Problem mit Sticheleien. \u00abSogenannt dumme Spr\u00fcche habe ich eigentlich immer akzeptiert, sie machen das Leben lockerer, weniger kompliziert \u2013 und lustiger.\u00bb Humor gebe ihm auch das Gef\u00fchl, integriert und akzeptiert zu sein; schliesslich mache sein Chef auch Witze \u00fcber seine Heterokollegen, wenn sie zum Beispiel zu lange einer Frau nachschauten. Das sei Dean lieber als irgendeine Spezialbehandlung. Diese Direktheit sei auch eins von den Dingen, die er an dieser Branche am liebsten m\u00f6ge. Damals, w\u00e4hrend seiner kaufm\u00e4nnischen Ausbildung, sei das ganz anders gewesen; Kolleg*innen seien immer wieder \u00abfake\u00bb gewesen, also nett im Gespr\u00e4ch, aber absch\u00e4tzig in seiner Abwesenheit.<\/p>\n<p>Auch die Verh\u00e4ltnisse auf dem Land werden von aussen oft falsch eingesch\u00e4tzt. Es gebe sicher einzelne Gemeinden, wo Intoleranz herrsche, aber in seiner sei das nicht so. Er k\u00f6nne sich zum Beispiel an einen Shuttlebus-Chauffeur erinnern, der einen Schwulen nicht habe fahren wollen. \u00abDieser ist im Dorf ziemlich druntergekommen und hat auch seine Stelle verloren\u00bb, erz\u00e4hlt Dean, w\u00e4hrend er sich Kaffee macht.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abMaterial schleppen ist f\u00fcr viele immer noch M\u00e4nnersache.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p>Es sei ganz erstaunlich, wie Handwerker und Bauarbeiter, die normalerweise den Macho raush\u00e4ngen lassen, im Vertrauen ganz andere Seiten von sich zeigten \u2013 vor allem wenn sie angeheitert seien, schmunzelt Dean. \u00abSchlussendlich wollen wir doch alle nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommen und den Kopf in Schoss unserer Partner*innen legen \u2013 die Frage ist nur, ob wir es zugeben oder nicht.\u00bb Und da ist es wieder, das verschmitzte L\u00e4cheln. \u00abIch glaube mittlerweile, dass viele vermeintlich homofeindliche M\u00e4nner in Wahrheit die Abneigung gar nicht wirklich haben; sie werden von ihrem Umfeld dazu gezwungen. Sie haben Angst, jemand k\u00f6nne Verdacht sch\u00f6pfen, sie seien selbst schwul, wenn sie sich f\u00fcr Minderheiten einsetzen.\u00bb<\/p>\n<p>Einen Job unter Handwerkern zu haben, kann jedoch auch Schwierigkeiten mit sich bringen \u2013 und je m\u00e4nnerlastiger die Branche, desto mehr. Das kann Florina best\u00e4tigen: \u00abDas ist voll schwul! Den Spruch h\u00f6re ich auch heute noch immer wieder auf und hinter den B\u00fchnen.\u00bb Sie habe da einiges an Aufkl\u00e4rung betreiben m\u00fcssen, und mittlerweile konnte sie unter anderem ihren Chef dazu erziehen, das Wort \u00abschwul\u00bb nicht mehr als Kraftausdruck zu benutzen. Und dieser tue dasselbe mit anderen. Aber man sei halt nicht davor gefeit, ausserhalb des Teams auf Homo- und Transphobie zu stossen. Unter Techniker*innen, die von Bands mitgebracht werden, k\u00f6nne so ein kaputtes Kabel schnell mal \u00abvoll schwul\u00bb sein. Und je nach Musikgenre und Szene seien auch intolerante Musiker*innen dabei: \u00abIn einer Hip-Hop-Crew herrscht ein anderer Umgangston als in einer Indieband\u00bb, meint Florina etwas genervt. Viele Vorurteile betr\u00e4fen allerdings eher das Frau- als das Lesbischsein. Aufgaben wie schweres Material zu schleppen oder komplexe Technik zu verstehen, seien f\u00fcr viele immer noch M\u00e4nnersache und w\u00fcrden ihr drum nicht zugetraut.<\/p>\n<figure id=\"attachment_123137\" aria-describedby=\"caption-attachment-123137\" style=\"width: 900px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/flurina-working-class-heroes.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-123137\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 900 600'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/flurina-working-class-heroes.jpg\" alt=\"florina\" width=\"900\" height=\"600\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/flurina-working-class-heroes.jpg 900w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/flurina-working-class-heroes-300x200.jpg 300w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/flurina-working-class-heroes-425x283.jpg 425w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/flurina-working-class-heroes-768x512.jpg 768w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/flurina-working-class-heroes-180x120.jpg 180w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/flurina-working-class-heroes-561x374.jpg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/flurina-working-class-heroes-265x177.jpg 265w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/flurina-working-class-heroes-531x354.jpg 531w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/flurina-working-class-heroes-364x243.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/flurina-working-class-heroes-728x485.jpg 728w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/flurina-working-class-heroes-608x405.jpg 608w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/flurina-working-class-heroes-758x505.jpg 758w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/flurina-working-class-heroes-72x48.jpg 72w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/flurina-working-class-heroes-144x96.jpg 144w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/flurina-working-class-heroes-400x267.jpg 400w\" data-sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-123137\" class=\"wp-caption-text\">Florina konnte unter anderem ihren Chef dazu erziehen, das Wort \u00abschwul\u00bb nicht mehr als Kraftausdruck zu benutzen. (Bild: Lea Reutimann)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ein weiteres leidiges Thema sei das Misgendern, also mit dem falschen Geschlecht angesprochen zu werden. Das passiere ihr vor allem mit Menschen, die sich noch nie mit Queerfeminismus auseinandergesetzt h\u00e4tten: \u00abDurch mein androgynes Aussehen werde ich oft als Mann gelesen, was zu angespannten Situationen f\u00fchren kann.\u00bb Leute seien ihr schon ins Damenklo gefolgt, um ihr zu sagen, sie sei am falschen Ort. Und manche f\u00e4nden es sogar obsz\u00f6n und seien dar\u00fcber emp\u00f6rt, dass sich eine Frau nicht traditionell weiblich gebe. \u00abWenn mich andere misgendern, habe ich immer etwas Angst, dass sie mich als Freak sehen, Ber\u00fchrungs\u00e4ngste haben, mich nicht ernst nehmen\u00bb, sagt sie, und man sp\u00fcrt, wie sehr sie das besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p><strong>Die Sache mit dem Umziehen<\/strong><br \/>\nDomenicas schlimmste Bef\u00fcrchtungen haben sich gl\u00fccklicherweise nicht erf\u00fcllt. Sie habe zwar sichergestellt, dass sie bei Diskriminierungen eine interne Anlaufstelle habe (die damals erst einmal geschaffen werden musste), aber darauf zur\u00fcckgreifen musste sie nie. \u00abK\u00f6rperlich bedroht oder angegriffen wurde ich nie\u202f\u2013 zumindest nicht w\u00e4hrend der Arbeit\u00bb, erz\u00e4hlt sie, \u00abund wenn mich mal jemand beschimpft hat, konnte ich es immer selbst regeln.\u00bb Die gr\u00f6sste Schwierigkeit nach dem Coming-out sei die Sache mit dem Vornamen und den Pronomen gewesen. Es habe ungef\u00e4hr ein Jahr gedauert, bis es die Leute im Team g\u00e4nzlich geschafft h\u00e4tten, sie nicht mehr mit altem Namen anzusprechen.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie bei Florina seien viele Hindernisse zur Gleichstellung mit dem Frausein in einer M\u00e4nnerbranche verbunden. Das meiste sei immer noch ausschliesslich auf M\u00e4nner ausgerichtet, beispielsweise gibt es oft nur einen Umkleideraum. \u00abDas f\u00fchrt dazu, dass ich auf Baustellen als Erste kommen oder als Letzte gehen muss, um mich nicht gleichzeitig umziehen zu m\u00fcssen.\u00bb<br \/>\nDomenica hat im Sanit\u00e4rgesch\u00e4ft eine Leitungsfunktion, was ihr zwei Vorteile einbringe: eine gewisse Autorit\u00e4t beziehungsweise Macht und wenig Kontakt mit Kund*innen. Ausserdem gehe sie davon aus, dass sie durch ihr sp\u00e4tes Coming-out weniger Konflikte gehabt habe: \u00abMein Gef\u00fchl sagt mir, dass sich gewisse Leute eher trauen, eine junge trans Person anzufeinden als eine \u00e4ltere.\u00bb<\/p>\n<p>Aber ja, auch f\u00fcr sie gebe es halt das Problem mit Externen; da sei es auch schon sehr unangenehm geworden. \u00abEiner ist aufgrund meines Aussehens automatisch davon ausgegangen, dass ich etwas von ihm wolle, ein anderer hat sich nach meinen Geschlechtsteilen erkundigt. Als ich dann damit gedroht habe, zu ihren Vorgesetzten zu gehen, hatte ich schnell meine Ruhe.\u00bb<br \/>\nAls wir uns schon fast verabschiedet haben, f\u00fcgt Domenica hinzu, dass sie in ihrer Bude ein zweites Coming-out gehabt habe, n\u00e4mlich als lesbische Frau. Das sei f\u00fcr viele eine doppelte Irritation gewesen, da die Allgemeinheit immer noch davon ausgehe, dass trans Frauen auf M\u00e4nner st\u00fcnden. \u00abDas ist vielleicht das Einzige, das ich mir wirklich w\u00fcnsche: mehr Aufkl\u00e4rung in den Betrieben, besonders unter Arbeitgeber*innen. Und zwar nicht immer auf einen Teilbereich beschr\u00e4nkt\u202f\u2013 entweder sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentit\u00e4t \u2013 sondern intersektional gedacht.\u00bb<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/lgbtiq-news-die-neue-mannschaft-ehe-fuer-alle-evan-hansen-etheridge\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Dieser Artikel ist zun\u00e4chst in der Herbst-Ausgabe (2021) der MANNSCHAFT erschienen.<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oft sind #LGBTIQ mit medialer Pr\u00e4senz Akademiker*innen oder intellektuelle Kunstschaffende. Die #Arbeiterklasse als cis-heterosexuelle Sache? Diese 3 Queers beweisen das Gegenteil. (MANNSCHAFT+) <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/coming-out-in-der-arbeiterklasse-die-stimmung-wurde-viel-geloester\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2100,"featured_media":123134,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10,4371],"tags":[5431,5442],"wps_subtitle":"Was haben eine trans Installateurin, ein schwuler G\u00e4rtner und eine lesbische Tontechnikerin gemeinsam?","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/123128"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2100"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=123128"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/123128\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":123274,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/123128\/revisions\/123274"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/123134"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=123128"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=123128"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=123128"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}