{"id":121581,"date":"2021-10-14T11:50:38","date_gmt":"2021-10-14T09:50:38","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=121581"},"modified":"2021-10-16T17:35:03","modified_gmt":"2021-10-16T15:35:03","slug":"gustav-peter-woehler-angst-vorm-coming-out-dann-scheiss-auf-die-rolle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/gustav-peter-woehler-angst-vorm-coming-out-dann-scheiss-auf-die-rolle\/","title":{"rendered":"\u00abAngst vorm Coming-out? Dann scheiss auf die Rolle!\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Der Schauspieler Gustav Peter W\u00f6hler feierte am 31. Juli seinen 65. Geburtstag. W\u00f6hler lebt mit seinem Mann Albert Wiederspiel in Hamburg und Berlin. Wiederspiel wiederum ist Festivalleiter des Hamburger Filmfests, das Anfang Oktober stattfand.<\/h3>\n<p><strong>Gustav, f\u00fcr die meisten K\u00fcnstler*innen war 2020 Corona-bedingt ein schlechtes Jahr, weil viele Theatervorstellungen und Konzerte ausfielen. Wie lief es f\u00fcr dich?<\/strong><br \/>\nEinerseits fielen einige Auftritte der Gustav Peter W\u00f6hler Band aus, auch Lesungen. Oder es waren so wenige G\u00e4ste erlaubt, dass es sich finanziell nicht lohnte, hinzufahren und zu spielen. Das erste grosse Gl\u00fcck war dann, dass ich im \u00abJedermann\u00bb in Salzburg mitgespielt habe. Ich habe auch gedreht. Tats\u00e4chlich wird mehr gedreht, als man denkt. Zum einen habe ich einen sehr interessanten Kinofilm gemacht: \u00abOscars Kleid\u00bb, mit Florian David Fitz, der auch das Drehbuch geschrieben hat. Ich fand das Buch ganz toll: Florian spielt einen Polizisten, ich bin sein Chef. Dieser Polizist hat einen 10 Jahre alten Sohn, um den er sich pl\u00f6tzlich k\u00fcmmern muss, und da erf\u00e4hrt er, dass dieser Junge trans ist. Das findet der Vater erstmal ganz schrecklich \u2026 \u00a0Dann habe ich noch in zwei Serien mitgespielt, \u00abBetty\u2019s Diagnose\u00bb und \u00abNord Nord Mord\u00bb.<\/p>\n<p><strong>L\u00e4uft doch gut! Du bist seit \u00fcber 40 Jahren out.<\/strong><br \/>\nJa, damals habe ich nur \u00a0Theater gespielt. Ich bin jetzt nicht zu Claus Peymann gegangen und hab gesagt: \u00abHallo, ich bin Gustav Peter W\u00f6hler und ich bin schwul.\u00bb Aber immer wenn die Sprache darauf kam oder jemand Schwulenwitze machte, hab ich dazu was gesagt, dass ich es bl\u00f6d finde, weil ich selber schwul sei. Da gab es dann \u00fcberraschte Reaktionen, auch Verst\u00f6rtheit. Aggressionen hab ich aber eigentlich nie mitgekommen.<\/p>\n<blockquote><p>Hey Gustav, komm mal her, hier ist genauso eine schwule Sau wie du!<\/p><\/blockquote>\n<p>Nur damals, als Peymann Bochum \u00fcbernommen hatte, da gab es einen schwulen Kollegen, und Peymann hat so eine Liste gef\u00fchrt und da stand \u00fcber den Kollegen drauf: \u00abTunte, aber willig\u00bb. Die Liste ist dann irgendwie an die \u00d6ffentlichkeit gekommen. Da wusste man, Peymann hat so seine Probleme damit. Nat\u00fcrlich hatten wir beiden auch Querelen, aber ich habe das bewusst nie auf mein Schwulsein zur\u00fcckgef\u00fchrt. Ich wollte nicht sagen: Ach, der hat ein Problem mit mir, weil ich schwul bin. Sondern ich wollte es rein beruflich und professionell betrachten<\/p>\n<p><strong>Aber eine super Entscheidung!<\/strong><br \/>\nJa, f\u00fcr mich war das ganz wichtig. Ein eigentlich wunderbarer Kollege, in den ich mal verliebt war, rief mir zu, als ein anderer schwuler Kollege aus Z\u00fcrich in unser Ensemble kam: \u00abHey Gustav, komm mal her, hier ist genauso eine schwule Sau wie du!\u00bb Da haben wir beide so gedacht: H\u00e4? Mitten in der Kantine, vor allen Leuten? Also, uns war es egal, wir waren ja beide geoutet. Aber dass man das so rausstellen muss, und dann noch als schwule Sau\u2026 Er war Bayer und hatte so was herzlich Derbes. Ich habe tats\u00e4chlich mehr Anfeindungen in der schwulen Community erlebt als im Theater, um ehrlich zu sein.<\/p>\n<p><strong>Fernsehen und Film kamen erst sp\u00e4ter \u2026<\/strong><br \/>\nJa, so Anfang der 90er Jahre.<\/p>\n<p><strong>.. aber du bekamst Rollen, obwohl dir vermutlich der Ruf vorauseilte, dass du schwul bist.<\/strong><br \/>\nIch hab es ja auch fr\u00fch in Interviews gesagt, in schwulen Magazinen wie dem <em>Hinnerk<\/em> damals. Ich habe mich in der schwulen Szene immer auch politisch bet\u00e4tigt, z. B. in der AIDS-Hilfe Hamburg. Deshalb war schon klar, der W\u00f6hler ist schwul. Das wussten alle.<\/p>\n<p><strong>R\u00fcckblickend kann man nicht sagen, es h\u00e4tte dir geschadet, oder? Wobei man ja weiss nicht, welche Rollen du nicht bekommen hast.<\/strong><br \/>\nMan h\u00f6rt nur vielleicht im Hintergrund so Sachen wie: Naja, der kann ja keinen Ehemann mit zwei Kindern spielen \u2026<\/p>\n<p><strong>Und \u2013 wie viele Ehem\u00e4nner hast du gespielt?<\/strong><br \/>\nIch habe jedenfalls mehr heterosexuelle M\u00e4nner gespielt als homosexuelle. Im Grunde habe ich nur ein einziges Mal einen Schwulen gespielt, in Doris D\u00f6rries \u00abErleuchtung garantiert\u00bb, outet er sich am Ende des Films.<\/p>\n<p><strong>Es gibt Forderungen, wonach \u00fcberhaupt nur Schwule schwule Rollen spielen sollten, nur trans Personen trans Rollen usw.<\/strong><br \/>\nDiese Diskussion finde ich gef\u00e4hrlich. Warum d\u00fcrfen Schwule keine Heten spielen, warum Heten keine Schwulen? Das ist ein schauspielerischer Vorgang. Nat\u00fcrlich w\u00fcrde es mir leichter fallen, einen Schwulen zu spielen, weil ich schwul bin, weil ich das aus meinem Leben, meiner Erfahrung heraussch\u00f6pfe. Aber ich habe auch nie Angst davor gehabt, Sexszenen mit Frauen zu spielen. Ich habe mir gesagt: Gut, das ist jetzt mein Beruf, das ist jetzt Handwerk. Es hat auch nie Probleme gegeben.<\/p>\n<p>Ich finde es schwierig, jetzt alles nach Gender und Identit\u00e4t zu besetzen. Wenn man es hinkriegt und gute Leute findet &#8211; super! Schau dir die <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/dritte-staffel-von-pose-dank-hohen-einschaltquoten-bestaetigt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Serie \u00abPose\u00bb<\/a> an, die ja mit trans Menschen besetzt ist \u2013 in Amerika geht das, denn dort hast du eine viel gr\u00f6ssere Bandbreite an LGBTIQ-Schauspielern, mit denen du arbeiten kannst..<\/p>\n<p><strong>Du bist schon lange im Gesch\u00e4ft. Was ist mit den jungen Kolleg*innen? Sind die mutig genug?<\/strong><br \/>\nMan lebt doch mittlerweile sehr offen schwul, man kriegt das mit, nicht nur in der Langen Reihe in Hamburg oder im Kiez in Berlin-Sch\u00f6neberg. Man kann mittlerweile offen mit seiner Homosexualit\u00e4t umgehen. Es kann dir eigentlich nichts passieren, ausser dass vielleicht so ein rechtes Arschloch daher kommt &#8230; Ich finde es nat\u00fcrlich toll, dass es viele junge Kollegen gibt, die offen mit ihrer Homosexualit\u00e4t umgehen. Aber ich habe das beim letzten Panel der <a href=\"https:\/\/www.queermediasociety.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Queer Media Society<\/a> bei FilmfestHamburg gesehen: Da stand jemand auf und meinte, es gibt so viele junge Kollegen, die Angst haben, sich zu outen weil sie dann vielleicht keine Rollen mehr kriegen. Und da bin ich ja ganz konsequent und sage: Dann scheiss auf die Rolle!<\/p>\n<p>Ich hab mir immer gedacht: Mein Leben ist mir wichtiger als der Beruf. Also wenn es Leute gibt, die mich aufgrund meines Schwulseins diffamieren, dann muss ich mit denen auch nicht arbeiten. Dann kann ich auch was anderes machen. Und je mehr Kollegen sich outen, umso st\u00e4rker bekommen wir eine Lobby um die man nicht herumkommt. Wenn es aber weiterhin nur drei oder vier Leute sind, k\u00f6nnen die Redakteure und Caster immer sagen: Ja, aber da gibt es ja noch ganz viele andere. Ich habe einen Kollegen, eine Hypertucke. Der kam irgendwann zu mir und sagte: Also, Gustav du musst echt aufpassen. Dauernd erz\u00e4hlst du, dass du schwul bist. Ich mache das nicht, sonst kriege ich gar keine Rollen mehr. Ich sagte nur: Meine Liebe, das musst du selber wissen.<\/p>\n<p><strong>Wo kommt dieses Selbstbewusstsein her? Hast du das immer schon gehabt?<\/strong><br \/>\nDie ersten Jahre nicht. Ich hab dann 1978 \u00abBr\u00fchwarm\u00ab gesehen, die Theatertruppe von Corny Littmann. Und da wusste ich: Ich kann mein Schwulsein nach aussen tragen. Auch wenn es damals noch als verboten galt. Ich hab mich immer f\u00fcr den politischen Hintergrund der Homosexualit\u00e4t interessiert. Nicht nur das Private, auch das \u00d6ffentliche. Das bringt dir auch ein anderes Bewusstsein als Schwuler.<\/p>\n<p>Ich habe damals meine schwule Identit\u00e4t im Fernsehen erfahren, durch <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/rosa-von-praunheim-50-jahre-ist-jetzt-nicht-mehr-der-homosexuelle-pervers\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rosa von Praunheims Filme<\/a>, die im WDR liefen, durch Werner Schroeter und Fassbinder. Das Fernsehen war &#8211; damals viel mutiger als heute. Danach kam eigentlich ein R\u00fcckschritt. Wir m\u00fcssen wieder Redakteure und Produzenten finden, die sich diesen Themen \u00f6ffnen. Darum finde ich die QMS so gut, weil es eine Sammlung von Menschen ist, die sich zugeh\u00f6rig f\u00fchlen. Da habe ich Leute kennengelernt, die ich vorher gar nicht so mitbekommen hatte. Das hat was sehr Aufbauendes. Jeder sieht hier: Ich bin nicht allein &#8211; da sind mehr und wir k\u00f6nnen uns zusammentun. Es ist super, dass auch Nico Hoffman mit an Bord ist.<\/p>\n<p><strong>Du hast \u00abPose\u00bb genannt. Gibt es Beispiele aus Deutschland, die Du mutig und divers findest? Hast Du das Gef\u00fchl, dass es da langsam besser wird?<\/strong><br \/>\nNee, leider nicht. Ich habe immer noch das Gef\u00fchl, den\u00a0Filmemachern fehlt es an Mut und Wissen..<br \/>\nMein Mann Albert leitet Filmfest Hamburg, und aus vielen L\u00e4ndern kommen Filme, die sich mit LGBTIQ-Themen auseinandersetzen, gerade aus dem asiatischen Raum oder aus den USA. Und hier in Deutschland haben wir \u00abFutur 3<strong>\u00bb<\/strong> <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/futur-drei-unser-anliegen-ist-gutes-inklusives-queeres-postmigrantisches-kino\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(zum MANNSCHAFT+-Interview mit Hauptdarsteller Benjamin Radjaipour)<\/a>.<\/p>\n<p>Es ist ein wunderbarer Film. Aber Herrgott, das ist mal <em>ein <\/em>Film! Eigentlich h\u00e4tten wir schon zehn von der Sorte haben k\u00f6nnen. Angeblich ist es nicht m\u00f6glich, weil sich zu viele hier dagegen stellen. Im deutschen Fernsehen sowieso. Wenn du in den deutschen Medien Schwule siehst , dann sind die immer so, wie Tante Frieda sich die vorstellt. Mit der schwulen Realit\u00e4t hat das ganz wenig zu tun. Man sch\u00e4mt sich so fremd. Es ist so stilisiert und null erotisch.<\/p>\n<p><strong>Die QMS fordert, dass 7% des turnusm\u00e4ssigen Outputs aller Medien-Produktionen mit und von LGBTIQ-Inhalten und -Akteur*innen besetzt werden. In den USA gibt es keine Quote, gef\u00fchlt klappt es mit den Produktionen von dort in Sachen Diversit\u00e4t ziemlich gut.<\/strong><br \/>\nQuote ist per se kein Ziel. Es ist eine Notwendigkeit, um weiter zu kommen. Der Sinn der Quote muss sein, sie \u00fcberfl\u00fcssig zu machen. Insgesamt haben wir in Deutschland bei Diversit\u00e4t in den Medien viel nachzuholen. Nicht nur bei LGBTIQ.<\/p>\n<p><strong>Wenn du mal \u00fcberschl\u00e4gst, wie viele lesbische oder schwule Kolleg*innen du kennst, die geoutet sind?<\/strong><br \/>\nLass es\u00a020\u00a0Leute sein.<\/p>\n<p><strong>Und diejenigen, die nicht geoutet sind?<\/strong><br \/>\nDas sind zehn bis 20 H\u00e4nde voll. Vielleicht untertreibe ich da noch. Das Ding ist doch: Je mehr wir dar\u00fcber reden und diskutieren, ob wir uns outen sollen oder nicht, umso weniger wird es passieren und umso weniger kommen wir voran. Jeder, der dazu st\u00f6sst, ist gut. Er oder sie hilft damit, einen grossen Schritt weiterzukommen.<\/p>\n<p><em>* Das Interview ist zuerst im Schauspiegel des BFFS erschienen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abAngst vorm #Comingout? Dann scheiss auf die Rolle!\u00bb, sagt Gustav Peter W\u00f6hler. W\u00f6hler lebt mit seinem Mann Albert Wiederspiel in Hamburg &#038; Berlin. Wiederspiel ist Festivalleiter des Hamburger Filmfests. 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