{"id":121181,"date":"2021-10-07T11:57:26","date_gmt":"2021-10-07T09:57:26","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=121181"},"modified":"2021-10-09T09:49:05","modified_gmt":"2021-10-09T07:49:05","slug":"titane-auch-heute-sprechen-mich-immer-noch-leute-als-mann-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/titane-auch-heute-sprechen-mich-immer-noch-leute-als-mann-an\/","title":{"rendered":"\u00abAuch heute sprechen mich immer noch Leute als Mann an\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>\u00abTitane\u00bb ist die Kino-Sensation des Jahres: Eine junge T\u00e4nzerin mit Aggressionsproblem und Auto-Fetisch wird zur Serienkillerin und findet irgendwann bei einem verzweifelten Feuerwehrmann Unterschlupf, der sie f\u00fcr seinen vermissten Sohn h\u00e4lt.<\/h3>\n<p>In den H\u00e4nden von Regisseurin Julia Ducorunau wird aus der Geschichte wieder eine aufregend-wilde Mischung von Genre-Elementen, inklusive viel Sex und Gewalt, aber auch viel Z\u00e4rtlichkeit und einem dezidiert weibliche Blick auf K\u00f6rperlichkeit und M\u00e4nnlichkeitsrituale. In Cannes wurde der Film, der ab dem 7. Oktober in den deutschen und Schweizer Kinos zu sehen ist (in \u00d6sterreich erst ab November), ebenso \u00fcberraschend wie verdient mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Und auch die Hauptdarstellerin ist preisverd\u00e4chtig: Agathe Rousselle, 1988 geborene Franz\u00f6sin, ist in ihrer ersten Rolle eine echte Entdeckung, von der man den Blick kaum lassen kann. Wir konnten ihr ein paar Fragen stellen.<\/p>\n<p><strong>Agathe, \u00abTitane\u00bb<\/strong> <strong>ist ein ungew\u00f6hnlicher, krasser und waghalsiger Film, in dem Sie die kaum weniger ungew\u00f6hnliche und krasse Protagonistin spielen. Hatten Sie zu dieser Figur und Geschichte auf Anhieb einen Bezug?<\/strong><br \/>\nDefinitiv nicht \u2013 und das spricht eigentlich f\u00fcr mich, oder? Denn diese Alexia ist ja eine echte Psychopathin. Zumindest zu Beginn des Films geht Ihr eigentlich jegliche Menschlichkeit ab. Weswegen ich zur Vorbereitung auch unter anderem ganz viele Videointerviews mit Serienkiller*innen wie Ted Bundy oder Aileen Wuornos geguckt habe. Aber dann trifft sie eben auf einen Mann, der seinerseits ziemlich am Ende ist \u2013 und gemeinsam k\u00f6nnen sie sich helfen. Dank ihm beginnt sie, zum ersten Mal in ihrem Leben etwas zu f\u00fchlen \u2013 und er kann endlich ein paar Wunden seiner Vergangenheit heilen lassen.<\/p>\n<p><strong>Thematisch steckt in \u00abTitane\u00bb sehr viel mehr drin als man beim Schlagwort \u00abBody Horror\u00bb. Was hat Sie denn am Drehbuch besonders angesprochen?<\/strong><br \/>\nZum Wahlfamilien-Aspekt, der in der Beziehung dieser beiden Figuren steckt, hatte ich zum Beispiel sofort einen Bezug. Weil ich mir selbst \u00fcber die Jahre Menschen gesucht habe, die f\u00fcr mich wie eine Familie und die gr\u00f6\u00dfte St\u00fctze \u00fcberhaupt sind. Gleichzeitig fand ich auch interessant, was unsere Regisseurin Julia Ducournau \u00fcber Mutterschaft und Schwangerschaft erz\u00e4hlt. Gerade weil ich selbst noch nie schwanger war. Aber mir gefiel es einfach, dass der Film eine Frau zeigt, die schwanger wird, das Baby allerdings gar nicht haben will. Denn in unserer Gesellschaft hat man ja oft den Eindruck, dass man besser nicht dar\u00fcber sprechen sollte, wenn man keine Kinder m\u00f6chte oder nicht happy \u00fcber eine Schwangerschaft ist.<\/p>\n<p><strong>Eine grosse Portion Queerness und ein Verwischen von Gender-Grenzen kommt dann obendrein auch noch ins Spiel &#8230;<\/strong><br \/>\nStimmt, und auch damit traf \u00abTitane\u00bb bei mir einen Nerv. Als Alexia auf Vincent trifft, wird sie zu einem Jungen, zu seinem verschwundenen Sohn. Das ist kein Ringen mit ihrer Gender-Identit\u00e4t, keine Krise oder so. Sie schl\u00fcpft nur einfach in diese m\u00e4nnliche \u00abRolle\u00bb, weil es ihr und Vincent gelegen kam \u2013 und weil Gender f\u00fcr sie eben genau das ist: lediglich eine Rolle, eine Form, eine H\u00fclle. Nichts, was den Kern eines Menschen ausmacht. Das geht mir \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Meine Gender-Identit\u00e4t war immer etwas, womit ich gespielt und ausprobiert habe. Das war in meiner Modelkarriere so, wo Androgynit\u00e4t und Geschlechterlosigkeit bei vielen meiner Jobs gross geschrieben wurden. Aber auch privat. Schon als Kind wurde ich mehrmals die Woche f\u00fcr einen Jungen gehalten, und auch heute sprechen mich immer noch Leute als Mann an. Vielleicht nicht im Kleid auf dem roten Teppich in Cannes, aber wenn ich morgens ungeschminkt mit dem Hund spazieren gehe. Ich fand das immer spannend und reizvoll, nie nervig.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/htqcfPJd-oU\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p><strong>Apropos Modeln: \u00abTitane\u00bb ist Ihr erster Film als Schauspielerin \u2013 und Sie wurden f\u00fcr die Rolle auf Instagram entdeckt, nicht wahr?<\/strong><br \/>\nDas stimmt, aber letztlich kam ich nicht zuf\u00e4llig zur Schauspielerei, sondern habe seit meiner Jugend von diesem Beruf getr\u00e4umt. Schon zu Schulzeiten habe ich ein bisschen Theater gespielt. In meinen wilden Zwanzigern ergaben sich dann nur pl\u00f6tzlich ganz viele andere M\u00f6glichkeiten und ich habe die unterschiedlichsten Dinge ausprobiert. Die Schauspielerei kehrte dann in mein Leben zur\u00fcck, als ich offensichtlich daf\u00fcr bereit war.<\/p>\n<p><strong>Was haben Sie denn alles gemacht, ausser der Arbeit als Model?<\/strong><br \/>\nIm Grunde habe ich zw\u00f6lf verschiedene Leben gef\u00fchrt. Ich hatte eine Stickerei-Firma und habe ein Magazin herausgegeben, war Coach und Casting-Director, Fotografin und Produzentin. In all der Zeit habe ich den Traum von der Schauspielerei nie aufgegeben, aber ich hatte auch einfach nie Lust, D\u00e4umchen zu drehen und zu warten, bis mich jemand entdeckt. Weswegen es umso lustiger ist, dass genau das dann am Ende aber doch passiert ist \u2013 und Julia auf Instagram auf mich aufmerksam wurde.<\/p>\n<p>In jedem Fall weiss ich jetzt, dass ich da angekommen bin, wo ich hingeh\u00f6re. Die Arbeit an \u00abTitane\u00bb war das erste Mal in meinem Leben, dass mir wirklich gar nichts fehlte. Von meinem Kopf \u00fcber meinen K\u00f6rper bis hin zu meinen Gef\u00fchlen \u2013 alles passte. Ich war im Himmel und h\u00e4tte meinetwegen auch zwei Jahre an dem Film drehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Gleichzeitig war die Rolle doch aber auch sicher eine enorme Herausforderung. Was war f\u00fcr Sie die gr\u00f6sste Schwierigkeit?<\/strong><br \/>\nDas Psychologische fand ich nicht im eigentlichen Sinne schwierig, nachdem ich mir die Figur erarbeitet hatte. Und auch die Nackt- und Sexszenen waren eigentlich easy, denn ich f\u00fchle mich nackt nicht unwohl und Julia hatte von Anfang an versprochen, dass in diesen Momenten immer m\u00f6glichst wenig Menschen am Set sein w\u00fcrden und ich so oft wie m\u00f6glich kaum sichtbare \u00abNacktw\u00e4sche\u00bb tragen konnte&#8230; Die gr\u00f6sste Herausforderung waren also vielleicht die Szenen, in denen ich mir meine Br\u00fcste abgebunden habe. Ich will nicht sagen, dass ich da Schmerzen hatte, aber eng und beklemmend war das schon. Aber auch spannend, denn es ver\u00e4nderte meine Haltung und K\u00f6rpersprache \u2013 und f\u00fcr mein Spiel war es gar nicht schlecht, mich nicht zu wohl zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p>In Cannes lief auch das Drama \u00abGrosse Freiheit\u00bb \u00fcber die Unterdr\u00fcckung von Homosexuellen nach 1945 in Deutschland <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/grosse-freiheit-starker-film-beim-festival-cannes\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>. <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/10-queere-filme-zum-wiederentdecken\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">MANNSCHAFT empfiehlt:<\/a> 10 queere Filme zum (Wieder)Entdecken! Vom Mutter-Tochter-Drama \u00fcber den Thriller am See bis zur Lovestory im Waschsalon.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>#Titane ist eine #Kino-Sensation: Eine junge T\u00e4nzerin mit Aggressionsproblem und Auto-Fetisch wird zur Serienkillerin. 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