{"id":120607,"date":"2021-09-29T09:29:24","date_gmt":"2021-09-29T07:29:24","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=120607"},"modified":"2021-09-29T09:39:34","modified_gmt":"2021-09-29T07:39:34","slug":"ulrich-matthes-wir-haben-mit-actout-ein-zeichen-gesetzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/ulrich-matthes-wir-haben-mit-actout-ein-zeichen-gesetzt\/","title":{"rendered":"Ulrich Matthes: \u00abWir haben mit #Actout ein Zeichen gesetzt\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Am Freitag wird der Deutsche Filmpreis verliehen. Ein Gespr\u00e4ch mit Akademiechef Ulrich Matthes \u2013 \u00fcber #Actout, sein eigenes Coming-out und die simple Frage: Wie wird man eigentlich zum besseren Menschen?\u00a0 Interview: Julia Kilian, dpa<\/h3>\n<p>Monatelang waren die Kinos geschlossen &#8211; nun wird am Freitag der Deutsche Filmpreis verliehen. Schauspieler Ulrich Matthes ist Pr\u00e4sident der Deutschen Filmakademie und erkl\u00e4rt im Interview, warum er Fragen zur Aktion #allesdichtmachen nicht mehr h\u00f6ren kann und warum ihn Olympia zu Tr\u00e4nen r\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>Herr Matthes, die Kinos haben wieder offen. Waren Sie schon?<\/strong>Was f\u00fcr eine Frage, nat\u00fcrlich war ich schon!<\/p>\n<p><strong>Und, wie war&#8217;s?<br \/>\n<\/strong>Ich habe das herbeigesehnt und wieder den Unterschied zwischen den Streamingangeboten und dem Kino gesp\u00fcrt. Ich bin kein Ver\u00e4chter von Netflix und Co &#8211; im Gegenteil, ich habe so manche Stunde gebingewatched w\u00e4hrend der Corona-Zeit. Aber es ist dann doch ein riesiger Unterschied.<\/p>\n<p><strong>Aber zuhause hat man einen K\u00fchlschrank. Und ein Sofa.<br \/>\n<\/strong>Jaja, na klar. Aber so gem\u00fctlich es ist, mal einen verkuschelten Abend vor der Glotze zu haben mit der K\u00e4sestulle &#8211; es ist dann doch ein v\u00f6llig anderes Erlebnis, im Kino zu sitzen. Und ein Gesicht, eine Landschaft, eine Emotion um ein Vielfaches vergr\u00f6ssert zu erleben. Aber beides hat seine Berechtigung.<\/p>\n<blockquote><p>W\u00e4hrend Olympia habe ich bei jeder zweiten Siegerehrung eine Tr\u00e4ne verdr\u00fcckt.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Weinen Sie eigentlich auch mal beim Filmgucken?<br \/>\n<\/strong>Ich bin echt nah am Wasser gebaut. W\u00e4hrend Olympia habe ich bei jeder zweiten Siegerehrung eine Tr\u00e4ne verdr\u00fcckt. Ich glaube, w\u00e4hrend des Films \u00abHerr Bachmann und seine Klasse\u00bb hatte ich durchgehend feuchte Augen. Ich k\u00f6nnte auch andere Filme nennen. Ich bin sehr schnell zu r\u00fchren und sch\u00e4me mich dessen auch nicht.<\/p>\n<p><strong>Der Dokumentarfilm, den Sie eben erw\u00e4hnten, ist auch r\u00fchrend. Wie viel Redebedarf besteht eigentlich, wenn die Filmbranche nun zum Deutschen Filmpreis zusammentrifft?<br \/>\n<\/strong>Ich glaube, es besteht weniger Rede- als Umarmungsbedarf. Neulich war ich auf einem Geburtstag, und es war sofort sp\u00fcrbar, wie sch\u00f6n es ist, mal wieder unbefangen in der Gruppe beieinander zu hocken, sich zu umarmen, sich auf die Wange zu knutschen. Wir haben alle Nachholbedarf. Aber ich ahne, worauf Sie hinauswollen. Nat\u00fcrlich gab es in diesen anderthalb Corona-Jahren auch die eine oder andere Verwerfung bei uns in der Branche.<\/p>\n<p><strong>Mehrere Menschen aus der Filmszene haben im Fr\u00fchjahr mit der Aktion #allesdichtmachen f\u00fcr Diskussionen gesorgt. Einige Videos waren satirische Kommentare zum Umgang mit der Pandemie. Wie ist in den vergangenen Wochen noch dar\u00fcber diskutiert worden?<br \/>\n<\/strong>Ach Mensch, es ist vor allem eine Frage, die sich Journalistinnen und Journalisten stellen. In der Branche selber ist das kein Thema mehr. In meinen Augen war das eine verkorkste Aktion, ich habe damals meinen Senf dazu gesagt und mich gleichzeitig vor meine Kollegen gestellt, wenn es pl\u00f6tzlich hiess, die sollten irgendwelche Rollen nicht mehr spielen. Ich reagiere auch deswegen etwas gereizt darauf, weil es der Tiefpunkt meiner dreij\u00e4hrigen Amtszeit war, weil es hart war, sich gegen rund 50 Kolleginnen und Kollegen zu stellen.<\/p>\n<p><strong>Es gab noch eine zweite Kampagne, die viel Aufmerksamkeit bekommen hat &#8211; die Aktion #actout <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/offensiv-gegen-den-karriereknick-schauspielstars-outen-sich\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>. Mehrere Kolleginnen und Kollegen haben \u00f6ffentlich gemacht, dass sie zum Beispiel schwul, lesbisch oder bisexuell sind. Sie waren auch dabei. Haben Sie lange \u00fcberlegt?<br \/>\n<\/strong>Spontan habe ich erst abgesagt: \u00abSexualit\u00e4t ist privat, das geht keinen was an.\u00bb Aber es gibt ja selbst in unserer vermeintlich supertoleranten Branche noch Ressentiments, Getuschel, Vorurteile. Wie \u00fcberall. Und dann dachte ich: \u00abWenn ich gefragt werde bei einer so grossen Aktion, dann kann ich denen weder als privater Uli noch als Pr\u00e4sident der Filmakademie meine Solidarit\u00e4t versagen.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Und wie waren die Reaktionen?<br \/>\n<\/strong>Es gab sehr viele positive Reaktionen und ein paar negative.<\/p>\n<p><strong>Die Kampagne wurde im Magazin der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em> ver\u00f6ffentlicht &#8211; was hat sich seitdem getan?<br \/>\n<\/strong>Naja, das ist ein Gespr\u00e4chsangebot in die Gesellschaft hinein, da kann sich nicht von heute auf morgen etwas tun. Aber wir haben ein Zeichen gesetzt, das ist wahrgenommen worden. Viele haben vielleicht ein paar Gespr\u00e4che gef\u00fchrt, Gedanken ausgetauscht. Manche haben gesagt: \u00abOch, haben die&#8217;s n\u00f6tig?\u00bb Und andere haben gesagt: \u00abMensch, selbst in der Filmbranche gibt es offenbar immer noch Vorurteile.\u00bb Und wieder andere haben sich vielleicht gefragt: \u00abHabe ich selber noch Ressentiments?\u00bb Mehr ist es nicht, als sich ein paar Gedanken zu machen. Das gilt auch f\u00fcr andere Themen.<\/p>\n<p><strong>Zum Beispiel?<br \/>\n<\/strong>Zum Beispiel f\u00fcr das grosse Thema Rassismus. Da kann man sich auch fragen: \u00abWann bin auch ich rassistisch?\u00bb Mehr will doch so eine Aktion im Grunde nicht. Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn wir unser Bewusstsein immer wieder ein bisschen frisch machen und uns fragen: \u00abWann benehme ich mich im Alltag eigentlich daneben?\u00bb<\/p>\n<p><strong>Weil wir uns alle mal ein bisschen daneben benehmen?<br \/>\n<\/strong>Na klar! Weil wir Menschen sind, Fehler machen und wir alle Vorurteile haben. Die einen mehr, die anderen etwas weniger. Und wenn man nicht ganz verbl\u00f6det ist, dann ist es doch sch\u00f6n, sich ein bisschen im Alltag darum zu bem\u00fchen, im Schneckengang ein besserer Mensch zu werden. Das macht ja auch Spass. Man bekommt bessere Laune &#8211; und die Menschen um einen herum auch.<\/p>\n<p><strong>Das klingt 1a wie aus einem Lebensratgeber.<br \/>\n<\/strong>Au weia, finden Sie das zu \u00abLehrer L\u00e4mpel\u00bb-haft?<\/p>\n<p><strong>Nein, in der Regel haben diese B\u00fccher ja recht, so abgedroschen sie manchmal auch klingen. Wenn wir schon beim Freundlichsein sind: Haben Sie &#8211; wie versprochen &#8211; Ihre Supermarktbelegschaft schon ins Theater eingeladen?<br \/>\n<\/strong>Antwort: Neulich hat eine der Ladys schon gefragt: \u00abWas ist denn eigentlich aus Ihrer Einladung geworden? Haben Sie schon vergessen, was?\u00bb Und da habe ich gelacht und gesagt: \u00abNee, keineswegs. Aber ein voll besetztes Haus ist doch sch\u00f6ner als so eine Schachbrettmusterbude.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Im vergangenen Jahr wurde der Deutschen Filmpreis im Fernsehen vergeben &#8211; ohne viel \u00abTschingderassabum\u00bb, wie Sie damals sagten. Was passiert diesmal &#8211; lassen Sie es wieder knallen?<br \/>\n<\/strong>Ich freue mich riesig, dass wir wieder ein grosses Fest haben. Wir waren ja &#8211; wahrlich nicht nur die Filmbranche &#8211; zum Teil existenziell von diesen anderthalb Jahren bedroht. Und etliche sind es noch. Ich nehme uns wirklich nicht wichtiger als wir sind &#8211; aber f\u00fcr einen Mikrokosmos wie unsere Filmbranche ist es sch\u00f6n, mal einen Abend Party zu machen. Und zu sagen: \u00abUns gibt es noch, wir leben, wir haben tolle Leistungen in diesem wirklich schwierigen Jahr erbracht.\u00bb<\/p>\n<p><em>Ulrich Matthes (62) ist Pr\u00e4sident der Deutschen Filmakademie. Er hat in Filmen wie dem Weltkriegsdrama \u00abDer Untergang\u00bb mitgespielt und arbeitet am Deutschen Theater in Berlin. In seinem neuen Film \u00abFreunde\u00bb ist er an der Seite von Justus von Dohn\u00e1nyi zu sehen &#8211; die beiden spielen zwei alte Bekannte, die sich nach langer Zeit in einer schwierigen Zeit wiedersehen. Der Film l\u00e4uft am 20. Oktober (20.15 Uhr) im Ersten.<\/em><\/p>\n<p>Vorg\u00e4ngerin von Matthes war Iris Berben als Pr\u00e4sidentin der Deutschen Filmakademie, bis 2019 \u00fcbte sie das Amt aus. Jetzt \u00e4usserte sie sich \u00fcber einen missgl\u00fcckten Aprilscherz: ihr Coming-out <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bin-die-koenigin-der-jungs-in-der-schwulsten-gegend-berlins\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Freitag wird der Deutsche #Filmpreis verliehen. 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