{"id":118873,"date":"2021-09-10T09:22:26","date_gmt":"2021-09-10T07:22:26","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=118873"},"modified":"2021-09-12T19:29:16","modified_gmt":"2021-09-12T17:29:16","slug":"die-methode-fassbinder-schlafen-kann-ich-wenn-ich-tot-bin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/die-methode-fassbinder-schlafen-kann-ich-wenn-ich-tot-bin\/","title":{"rendered":"Die Methode Fassbinder \u2013 \u00abSchlafen kann ich, wenn ich tot bin\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Er verw\u00fcstete Hotelzimmer und konnte explodieren, wenn der Rotkohl nicht schmeckte: Rainer Werner Fassbinder gilt als Enfant terrible des deutschen Nachkriegsfilms. Doch die Bundeskunsthalle zeichnet jetzt ein anderes Bild. Von Christoph Driessen, dpa<\/h3>\n<p>1982 kam es in New York zu einer bizarren Begegnung von Pop Art-K\u00fcnstler Andy Warhol und Star-Regisseur Rainer Werner Fassbinder. Der Deutsche war Kettenraucher, Alkoholiker, stark \u00fcbergewichtig, totenbleich und bekanntermassen schwer kokainabh\u00e4ngig. Umso merkw\u00fcrdiger musste es auf ihn wirken, dass der drahtige Warhol ihm seine Gymnastiklehrerin vorstellte und sich erkundigte: \u00abTreiben Sie auch Gymnastik?\u00bb Fassbinder blickte seinem Gegen\u00fcber nur unverwandt ins Gesicht. In seinem Tagebuch hielt Warhol fest: \u00abEin merkw\u00fcrdiger Typ, dieser Fassbinder.\u00bb<\/p>\n<p>\u00abMerkw\u00fcrdig\u00bb war noch eine der mildesten Umschreibungen f\u00fcr den Filmemacher. Fassbinder galt als B\u00fcrgerschreck, der Hotelzimmer verw\u00fcstete und einen Wutanfal bekommen konnte, wenn der Rotkohl nicht so schmeckte wie bei seiner Mutter. Eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn von diesem Freitag bis zum 6. M\u00e4rz kommenden Jahres zeichnet jetzt aber ein anderes Bild. Hier erscheint Fassbinder als disziplinierter Arbeiter, umtriebiger Produzent und belesener Literaturkenner. Dabei st\u00fctzen sich die Kuratoren Susanne Kleine, Hans-Peter Reichmann und Isabelle Louise Bastian auf den umfangreichen Nachlass.<\/p>\n<p>Der 1945 nur wenige Tage nach der deutschen Kapitulation in Bayern geborene Fassbinder wuchs in M\u00fcnchen auf, wo er schon als F\u00fcnfj\u00e4hriger von seiner Oma mit ins Kino genommen wurde. \u00abIch habe alle meine Gef\u00fchle im Kino gelernt\u00bb, bekannte er. Fr\u00fch verk\u00fcndete er seiner Mutter, dass er sp\u00e4ter Filme machen werde. Etwas anderes stand f\u00fcr ihn ebenfalls fest, wie sie sich sp\u00e4ter erinnerte: \u00abMit 14 kam er zu mir in die K\u00fcche und sagte freudestrahlend: &#8222;Mutti, ich bin schwul.&#8220; Da dachte ich, jetzt muss er zum Psychiater.\u00bb<\/p>\n<p>Nach der Schauspielschule fand Fassbinder \u00fcbers Theater zum Film, sein Durchbruch kam 1969 mit \u00abLiebe ist k\u00e4lter als der Tod\u00bb. Wie kaum ein anderer K\u00fcnstler spiegelt er in seinem Werk die junge Bundesrepublik, mitunter jedoch so subtil, dass dies heute nicht mehr ohne weiteres erkennbar ist.<\/p>\n<figure id=\"attachment_118878\" aria-describedby=\"caption-attachment-118878\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Ausstellung_Methode_Fassbinder-70881180.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload wp-image-118878 size-large\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 425 294'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Ausstellung_Methode_Fassbinder-70881180-425x294.jpg\" alt=\"\" width=\"425\" height=\"294\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Ausstellung_Methode_Fassbinder-70881180-425x294.jpg 425w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Ausstellung_Methode_Fassbinder-70881180-300x208.jpg 300w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Ausstellung_Methode_Fassbinder-70881180-768x531.jpg 768w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Ausstellung_Methode_Fassbinder-70881180-1536x1063.jpg 1536w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Ausstellung_Methode_Fassbinder-70881180-2048x1417.jpg 2048w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Ausstellung_Methode_Fassbinder-70881180-561x388.jpg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Ausstellung_Methode_Fassbinder-70881180-1122x776.jpg 1122w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Ausstellung_Methode_Fassbinder-70881180-265x183.jpg 265w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Ausstellung_Methode_Fassbinder-70881180-531x367.jpg 531w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Ausstellung_Methode_Fassbinder-70881180-364x252.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Ausstellung_Methode_Fassbinder-70881180-728x504.jpg 728w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Ausstellung_Methode_Fassbinder-70881180-608x421.jpg 608w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Ausstellung_Methode_Fassbinder-70881180-758x524.jpg 758w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Ausstellung_Methode_Fassbinder-70881180-1152x797.jpg 1152w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Ausstellung_Methode_Fassbinder-70881180-69x48.jpg 69w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Ausstellung_Methode_Fassbinder-70881180-139x96.jpg 139w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Ausstellung_Methode_Fassbinder-70881180-400x277.jpg 400w\" data-sizes=\"(max-width: 425px) 100vw, 425px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-118878\" class=\"wp-caption-text\">Plakat zum Film \u00abAngst essen Seele auf\u00bb (Foto: Oliver Berg\/dpa)<\/figcaption><\/figure>\n<p>So hielt er sich in seiner Verfilmung von Theodor Fontanes \u00abEffi Briest\u00bb streng an die literarische Vorlage, s\u00e4mtliche Dialoge \u00fcbernahm er w\u00f6rtlich aus dem 1895 erschienenen Roman. Dennoch konnten vor allem viele Zuschauerinnen die verheerende Wirkung gesellschaftlicher Zw\u00e4nge und das Verhaftetsein in alten Strukturen sofort wiedererkennen.<\/p>\n<p>\u00abEr hatte Bilder im Kopf, und dann ist er sehr strukturiert daran gegangen, sie umzusetzen\u00bb, erl\u00e4utert Kleine. \u00abWir haben die Ausstellung deshalb bewusst &#8218;Methode Rainer Werner Fassbinder&#8216; genannt, weil wir sein methodisches Vorgehen, sein kluges \u00dcberlegen darstellen.\u00bb Seine 45 Filme entstanden in rasender Schnelligkeit, oft in nur wenigen Tagen. Und w\u00e4hrend er den einen Film noch drehte, sammelte er bereits F\u00f6rdermittel f\u00fcr den n\u00e4chsten. \u00abEin Tag ist ein Jahr ist ein Leben\u00bb, sagte er. \u00abSchlafen kann ich, wenn ich tot bin.\u00bb<\/p>\n<p>Privates und Berufliches war bei ihm nicht zu trennen &#8211; die Schauspieler und Schauspielerinnen, mit denen er zusammenarbeitete, waren auch seine Freunde und Liebhaber, seine Ersatzfamilie. \u00abEr leistete sich etwas, was die meisten Menschen sich nicht einfach leisten k\u00f6nnen\u00bb, sagte die Schauspielerin Brigitte Mira \u00fcber ihn. \u00abEr war er &#8211; und er war so undeutsch wie nur was.\u00bb<\/p>\n<p>Die Ausstellung vereint eine Vielzahl von Archivmaterial mit Fotos, Plakaten und Filmausschnitten. Durch alle R\u00e4ume zieht sich eine aufw\u00e4ndig gemachte Zeitleiste mit wichtigen Ereignissen aus Politik und Kultur der jungen Bundesrepublik. Dort kann man sich sofort festlesen. So wird der Besuch gerade f\u00fcr \u00c4ltere zu einem Gang durch ihr eigenes Leben.<\/p>\n<p>\u00abIch m\u00f6chte f\u00fcr das Kino sein wie Shakespeare f\u00fcrs Theater\u00bb, war Fassbinders Anspruch. Der Mann, der nie Urlaub machte, lebte so extrem, wie er arbeitete. Am 10. Juni 1982, zehn Tage nach seinem 37. Geburtstag, starb er in M\u00fcnchen an einer \u00dcberdosis Kokain. Danach sei der deutsche Film mit l\u00e4ppischen Kom\u00f6dien sofort wieder in die Provinzialit\u00e4t zur\u00fcckgesunken, sagt Reichmann. \u00abDas war der grosse Cut, der da stattgefunden hat.\u00bb<\/p>\n<p>Die Ausstellung \u00abMethode Rainer Werner Fassbinder\u00bb in der Bundeskunsthalle in Bonn l\u00e4uft vom 10. September 2021 bis zum 6. M\u00e4rz 2022. Ge\u00f6ffnet dienstags und mittwochs 10 bis 21 Uhr, donnerstags bis sonntags 10 bis 19 Uhr. Eintritt zehn Euro, erm\u00e4ssigt 6,50 Euro. Eintritt frei bis einschliesslich 18 Jahre.<\/p>\n<p><strong>Ein Schauspieler, der viel mit Fassbinder gedreht hat, ist Harry Baer. Der habe aber nicht alles mitgemacht, erz\u00e4hlt er im <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/2020\/09\/20\/rainer-werner-fassbinder-war-ein-freund-aber-einfach-nie-mein-typ\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Interview mit MANNSCHAFT+<\/a> \u2013 \u00abzum Beispiel seinen Theaterwahnsinn, als er nach Frankfurt zum Theater im Turm oder zum Zadeck nach Bochum ging. Und mir fehlt da gar nichts, denn ich kenne aus diesen Zeiten eigentlich nur Horrorgeschichten\u00bb.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er verw\u00fcstete Hotelzimmer und konnte explodieren, wenn der Rotkohl nicht schmeckte: Rainer Werner #Fassbinder gilt als Enfant terrible des deutschen Nachkriegsfilms. 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