{"id":118386,"date":"2021-09-03T09:20:11","date_gmt":"2021-09-03T07:20:11","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=118386"},"modified":"2021-09-03T11:21:55","modified_gmt":"2021-09-03T09:21:55","slug":"was-ausgrabungen-in-frueheren-konzentrationslagern-bringen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/was-ausgrabungen-in-frueheren-konzentrationslagern-bringen\/","title":{"rendered":"Was Ausgrabungen in fr\u00fcheren Konzentrationslagern bringen"},"content":{"rendered":"<h3>Ein Holzherz oder ein Schuh aus Reifenteilen: Arch\u00e4ologen haben in ehemaligen KZs viele Objekte entdeckt, die vom \u00dcberlebenswillen der Insassen zeugen. Doch zum Teil m\u00fcssen die Forscher die fr\u00fcheren Zwangslager erst einmal finden &#8211; denn l\u00e4ngt nicht alle sind bekannt. Von Violetta Heise, dpa<\/h3>\n<p>In der Schmiede des ehemaligen Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof s\u00fcdwestlich von Strassbourg\u00a0wachsen mittlerweile Birken, von den Mauern stehen zum Grossteil nur noch die Fundamente, der Boden ist fast \u00fcberall mit Gras bedeckt. Und doch verbergen sich hier und im Rest des fr\u00fcheren Lagers Erkenntnisse \u00fcber den allt\u00e4glichen Terror, dem die Gefangenen einst ausgesetzt waren. Das hoffen zumindest Arch\u00e4olog*innen, die in diesem Sommer hier, mitten in den els\u00e4ssischen Vogesen, Grabungen anstellen.<\/p>\n<blockquote><p>Was genau geschah in dem nahe gelegenen Steinbruch, in dem die Gefangenen schuften mussten?<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Leitung dieser Operation hat Juliette Brang\u00e9 inne, Master in Arch\u00e4ologie, gerade einmal 22 Jahre alt. Die Architektur einiger fr\u00fcherer Geb\u00e4ude habe man schon verstanden, doch viele Fragen seien noch offen: Was genau geschah in dem nahe gelegenen Steinbruch, in dem die Gefangenen schuften mussten? Wozu dienten die Tunnel, die sie in den Berg graben mussten? Und welche Arbeiten mussten sie in der Schmiede verrichten?<\/p>\n<p>Das KZ Natzweiler-Struthof bestand zwischen 1941 und 1944. In dieser Zeit kamen nach Angaben der heutigen Gedenkst\u00e4tte rund 52 000 Gefangenen hier an \u2013 aus ganz Europa. Es waren gr\u00f6sstenteils politische Deportierte, aber auch J\u00fcdinnen und Juden, Sinti und Roma sowie m\u00e4nnliche Homosexuelle. Der Grossteil von ihnen arbeitete im zugeh\u00f6rigen Steinbruch, viele kamen wegen der unmenschlich harten Arbeit und der schlechten Lebensbedingungen im Lager ums Leben.<\/p>\n<p>Derzeit sind Brang\u00e9 und 18 Freiwillige mit Grabungen auf einem Streifen zwischen einer alten Lagerhalle und der Schmiede besch\u00e4ftigt. Hier haben sie schon \u00dcberreste eines Teerdachs und einer von den Gefangenen angelegten Strasse gefunden. In der Schmiede entdeckten sie den Namen Ivan, den jemand in einen Steinsockel geritzt hat. Und in den B\u00fcror\u00e4umen unter der Schmiede l\u00e4sst sich sogar noch erahnen, wo einst Schreibtische und Regale standen, denn die Wandfarbe wurde aussen herum gestrichen.<\/p>\n<p>Doch wozu \u00fcberhaupt Grabungen, wenn es doch noch Archive mit Dokumenten aus der NS-Zeit und Zeitzeugenberichte gibt? Und \u00fcberhaupt: Ist das zeitlich nicht alles noch viel zu nah, um f\u00fcr die Arch\u00e4ologie interessant zu sein? Claudia Theune, Arch\u00e4ologie-Professorin an der Uni Wien mit Schwerpunkt auf NS-Zwangslager, widerspricht da. \u00abDie Arch\u00e4ologie ist sehr gut, wenn es um das allt\u00e4gliche Leben geht, auch unter extremen Bedingungen\u00bb, sagt sie. \u00abDie Funde geben uns Auskunft f\u00fcr \u00dcberlebensstrategien. Dar\u00fcber berichten in der Regel schriftliche Dokumente wenig. Und auch Zeitzeugen berichten h\u00e4ufig andere Dinge als den Tagesablauf, den allt\u00e4glichen Terror.\u00bb<\/p>\n<p>Erste Grabungen in ehemaligen NS-Zwangslagern gab es in den 1990er Jahren in Deutschland. Mittlerweile forschen Arch\u00e4olog*innen nahezu europaweit zu diesem Thema, wie Theune sagt. Sie interessieren sich etwa f\u00fcr die Struktur der Geb\u00e4ude, f\u00fcr die umliegende Infrastruktur, f\u00fcr die Einsatzorte der Zwangsarbeiter*innen \u2013 aber nat\u00fcrlich auch f\u00fcr die pers\u00f6nlichen Gegenst\u00e4nde der Gefangenen.<\/p>\n<blockquote><p>Insass*innen stellten sich selbst L\u00f6ffel her, um \u00fcberhaupt Suppe essen zu k\u00f6nnen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Besonders bedeutsam f\u00fcr sie als Forscherin seien Objekte, die den \u00dcberlebenswillen der Inhaftierten zeigten, sagt Theune. \u00abUnter anderem haben wir selbst gemachte Schuhe gefunden.\u00bb Diese seien aus mehreren Lagen Reifenresten zusammengenagelt worden, um die F\u00fcsse wenigstens ein bisschen zu sch\u00fctzen. Auch h\u00e4tten sich Insass*innen selbst L\u00f6ffel hergestellt, um \u00fcberhaupt Suppe essen zu k\u00f6nnen. Und &#8211; wohl um ihre Identit\u00e4t nicht ganz zu verlieren &#8211; h\u00e4tten sie Tassen oder Schalen mit ihren Initialen oder ihren Namen versehen. Im KZ Sachsenhausen habe sie ein kleines Holzherz gefunden &#8211; \u00abeine Erinnerung, die f\u00fcr wenige Sekunden ein angenehmes Gef\u00fchl ausl\u00f6st? Das ist alles wichtig zum \u00dcberleben\u00bb, sagt Theune.<\/p>\n<p>Auch Barbara Hausmair, Assistenzprofessorin f\u00fcr Mittelalter- und Neuzeitarch\u00e4ologie an der Uni Innsbruck, ist \u00fcberzeugt vom Nutzen der Arch\u00e4ologie f\u00fcr das bessere Verst\u00e4ndnis der NS-Zeit. Sie sagt: \u00abDie Idee, dass alles, was den NS-Terror betrifft, gut \u00fcberliefert worden ist, stimmt so nicht.\u00bb Es habe groben Sch\u00e4tzungen des United States Holocaust Memorial Museums zufolge im nationalsozialistischen Deutschland und den von ihm besetzten Gebieten rund 40 000 Zwangslager gegeben &#8211; nat\u00fcrlich nicht alles KZs, sondern auch sehr viel kleinere Zwangsarbeitslager mit nur zehn oder hundert Ausgebeuteten. \u00abMan darf sich das nicht immer wie diese ikonischen Bilder von Dachau oder Auschwitz vorstellen.\u00bb Diese kleineren Strukturen seien verh\u00e4ltnism\u00e4ssig noch sehr wenig erforscht. Bei manchen Lagern wisse man nicht einmal, wo sie sich befanden.<\/p>\n<p>Als Arch\u00e4ologin, die schon an diversen ehemaligen Lagern geforscht hat, interessiere sie besonders die Frage: \u00abWelche Handlungsm\u00f6glichkeiten hatten eigentlich Menschen, die unter solch extremen Bedingungen gefangen gehalten wurden?\u00bb Und da k\u00f6nnten arch\u00e4ologische Funde entscheidende Antworten liefern: Womit wurden die Menschen versorgt? Gab es M\u00f6glichkeiten, sich subversiv den Alltag zu verbessern? Konnten die Gefangenen etwa an zus\u00e4tzliche Nahrung, Genussmittel oder Medikamente gelangen?<\/p>\n<p>Die Arch\u00e4ologie k\u00f6nne aber auch einen wichtigen Beitrag dazu leisten, den Menschen der Gegenwart vor Augen zu f\u00fchren, dass die NS-Ausbeutung \u00abnicht versteckt in irgendwelchen Hinterzimmern, sondern oft direkt vor der Haust\u00fcr passiert ist\u00bb. Allein das KZ Natzweiler-Struthof habe im besetzten Elsass, in Baden-W\u00fcrttemberg und anderen Bundesl\u00e4ndern ungef\u00e4hr 50 Aussenlager gehabt &#8211; die wiederum meist nicht isoliert in der Landschaft gestanden h\u00e4tten, sondern an Produktionsst\u00e4tten, Firmen und Infrastruktur angeschlossen gewesen seien. Diese Standorte zu erforschen und sichtbar zu machen, sei von zentraler Bedeutung f\u00fcr die Aufarbeitung.<\/p>\n<p>Im KZ Natzweiler-Struthof soll im kommenden Sommer erneut gegraben werden. Dann will sich Juliette Brang\u00e9 mit ihrem Team unter anderem den mysteri\u00f6sen Tunneln widmen.<\/p>\n<p>Im Juli hatte die Leitung der Gedenkst\u00e4tte Ravensbr\u00fcck und der Vorstand der Stiftung Brandenburgische Gedenkst\u00e4tten dem Antrag f\u00fcr ein Gedenkzeichen f\u00fcr die lesbischen H\u00e4ftlinge im Frauen-KZ zugestimmt <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/lgbtiq-news-aus-deutschland-kurz-knapp-queer26\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>#Arch\u00e4ologie im #Konzentrationslager \u2013 Was bringen Ausgrabungen in fr\u00fcheren NS-Lagern? 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