{"id":118193,"date":"2021-09-02T15:09:04","date_gmt":"2021-09-02T13:09:04","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=118193"},"modified":"2021-09-04T13:48:24","modified_gmt":"2021-09-04T11:48:24","slug":"fredrick-campeau-und-die-heilende-kraft-der-nackten-baeren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/fredrick-campeau-und-die-heilende-kraft-der-nackten-baeren\/","title":{"rendered":"Fredrick Campeau und die heilende Kraft der nackten B\u00e4ren"},"content":{"rendered":"<h3>Fredrick Campeau starb beinahe an einer seltenen Autoimmunkrankheit. Das Malen half ihm beim Heilungsprozess. Heute kreiert er mit \u00abFursty Men\u00bb schwule Kunst, bei der grosse, b\u00e4rige M\u00e4nner im Zentrum stehen.<\/h3>\n<p>Das Einzige, das Fredrick im Spital von Calgary noch bewegen konnte, waren seine Gesichtsmuskeln und Teile des Nackens. Sein Immunsystem hatte alle Nervenzellen ausserhalb des Gehirns und des R\u00fcckenmarks attackiert und deren isolierende Myelinschicht zerst\u00f6rt. Die Zellen konnten nicht l\u00e4nger Signale von Fredricks Gehirn empfangen.<\/p>\n<p><strong>In den H\u00e4nden anderer<\/strong><br \/>\nDas Guillain-Barr\u00e9-Syndrom ist \u00e4usserst selten \u2013 und Fredrick musste auch noch einen sehr schweren Verlauf durchmachen, der beinahe t\u00f6dlich endete. Er wurde an einen Respirator angeschlossen, weil er nicht mehr selber atmen konnte. \u00abVerwundbar\u00bb habe er sich gef\u00fchlt. Sein Schicksal lag in den H\u00e4nden anderer Menschen.<\/p>\n<p>Dabei hatte er zuvor doch erst gerade angefangen, sein Leben als selbst\u00e4ndiger, geouteter Mann in einem kleinen Skiort der Rocky Mountains zu geniessen.<\/p>\n<p><strong>\u00abViel schlechte Lyrik\u00bb<\/strong><br \/>\nFredrick Campeau wuchs in einem kleinen \u00d6rtchen mitten in Kanada auf. Er half auf der Familien-Farm, produzierte Kritzeleien von Monstern und \u00abviel schlechte Lyrik\u00bb, wie er heute sagt.<\/p>\n<p>Er outete sich mit 19 bei seiner Familie, obwohl er Angst vor der Reaktion seines Vaters hatte. In dessen Augen sollte Fredrick n\u00e4mlich einst eine nette Frau kennenlernen und eine Familie gr\u00fcnden. Tats\u00e4chlich schwieg sein Vater nach dem Coming-out f\u00fcr zwei lange Wochen. Dann nahm die Sache doch noch ein Happy End: Er umarmte seinen Sohn und sagte ihm, dass er ihn liebe und immer unterst\u00fctzen werde.<\/p>\n<p>Die Kunstschule in Edmonton brach Fredrick nach einem Semester ab. Er sah zwar sein Potenzial, wollte aber nicht mehr zur Schule, sondern sich selbst verwirklichen. Dies gelang ihm in den Rockies mit Jobs in Hotels und in einem Blumenladen. \u00abViele Partys, viel Lachen\u00bb, so beschreibt er diese Zeit heute. Dann kamen die Symptome.<\/p>\n<p><strong>Schmerzen und Bangen<\/strong><br \/>\nEs begann wie eine Grippe, doch dann wurden Zehen, Finger und die Zunge taub. Fredrick hatte zunehmend Probleme, zu trinken und sich in der Wohnung zu bewegen. V\u00f6llig dehydriert wurde er von seinem damaligen Freund in die Notaufnahme gebracht.<\/p>\n<p>Die rasche Diagnose: Guillain-Barr\u00e9-Syndrom. Die \u00c4rzt*innen sagten ihm, dass er bald vor\u00fcbergehend ganz gel\u00e4hmt sein wird. An die schrecklichen Tage danach kann sich Fredrick kaum mehr erinnern. Es folgte eine lange Zeit mit experimentellen Behandlungsweisen, Schmerzen, Bangen &#8211; und dann die Gewissheit: Er wird durchkommen. Sein Freund und seine Mutter standen ihm bei. Nach vier endlos scheinenden Monaten durfte er nachhause.<\/p>\n<p><strong>Eine Befreiung<\/strong><br \/>\nIn der Folge entdeckte Fredrick seine Spiritualit\u00e4t, fand Ruhe und Kraft im Meditieren \u2013 und im Zeichnen. Irgendwann hatte er genug Kraft in den Fingern, um einen Stift zu halten.<\/p>\n<p>\u00abEine ursch\u00f6pferische Kraft dr\u00fcckte sich in mir aus, roh und ungehindert. Sie kam durch feine Bewegungen auf das Blatt und erschien wie ein dunkler Geist des Traumas, das ich erlebt hatte. Es war eine Befreiung, ein Ausdruck von Heilung.\u00bb So beschreibt es Fredrick in einem autobiografischen Text f\u00fcr das <em>Bear World Magazine<\/em>.<\/p>\n<p>2012 erlebte er ein richtungsweisendes Malseminar in den italienischen Alpen. Es fing ein neues Kapitel in seinem Leben an und ein altes h\u00f6rte auf: Fredrick und sein Freund haben sich auseinandergelebt und ihre gemeinsame Beziehung beendet. Der n\u00e4chste grosse Schritt f\u00fchrte ihn nach Wien, wo er drei Jahre lang an der \u00abVienna Academy of Visionary Art\u00bb studierte. Dort lernte er auch seinen heutigen Ehemann kennen. Fredrick versteht sich als K\u00fcnstler des \u00abFantastischen Realismus\u00bb. Sein grosses Vorbild Ernst Fuchs durfte er noch vor dessen Tod 2015 als Sch\u00fcler kennenlernen. Die Institution, an der er sp\u00e4ter selbst lehrte, musste wegen der Pandemie 2020 f\u00fcr immer schliessen.<\/p>\n<p><strong>Reisen ins Innere<\/strong><br \/>\nIm vergangenen Jahr wollte Fredrick eigentlich als reisender Kunstlehrer verschiedene Orte in Europa und Nordamerika besuchen. Daraus konnte aus bekannten Gr\u00fcnden nichts werden. Im Pandemie-Jahr hatte er deshalb pl\u00f6tzlich viel Zeit und widmete sich digitaler Kunst \u2013 und B\u00e4ren. \u00abFursty Men\u00bb war geboren.<\/p>\n<p>Bisher habe er sich nie so recht die Erlaubnis und den Raum gegeben, die erotische Seite seiner Kunst zu entdecken. Fredrick erh\u00e4lt seine Inspiration w\u00e4hrend Meditationen und schamanischen Reisen ins Innere, und von dort stammen auch viele seiner Figuren.<\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet lazyload\" data-expand=\"600\" data-script=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\"  data-width=\"550\" data-dnt=\"true\">\n<p lang=\"en\" dir=\"ltr\">&#39;Numen&#39;<\/p>\n<p>Commissions are welcome!<a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/furstymen?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#furstymen<\/a> <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/gayillustration?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#gayillustration<\/a> <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/gayartwork?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#gayartwork<\/a> <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/gayart?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#gayart<\/a> <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/queer?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#queer<\/a> <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/queerart?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#queerart<\/a> <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/gayeroticart?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#gayeroticart<\/a> <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/maleeroticart?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#maleeroticart<\/a> <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/eroticart?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#eroticart<\/a> <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/fantasyart?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#fantasyart<\/a> <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/gaybeard?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#gaybeard<\/a> <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/gaycub?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#gaycub<\/a> <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/gaydaddy?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#gaydaddy<\/a> <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/bearsandcubs?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#bearsandcubs<\/a> <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/gaybear?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#gaybear<\/a> <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/gaybears?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#gaybears<\/a> <a href=\"https:\/\/t.co\/EWXjSUjnSq\">pic.twitter.com\/EWXjSUjnSq<\/a><\/p>\n<p>&mdash; FURSTY_MEN (@FurstyM) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/FurstyM\/status\/1292171125615714304?ref_src=twsrc%5Etfw\">August 8, 2020<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Zu heiss f\u00fcr Insta<\/strong><br \/>\nMystische, b\u00e4rtige M\u00e4nner, oftmals nackt. Zu heiss f\u00fcr Insta, wo er die Bilder nur bis zur G\u00fcrtellinie pr\u00e4sentieren darf. Doch auf Twitter kann man die B\u00e4ren in ganzer Pracht bewundern. Ist die Produktion von erotischer Kunst an sich ein erotischer Prozess? Nein, er betrachte den Gegenstand des Bildes mit dem gleichen Blick f\u00fcrs \u00c4sthetische wie bei anderen Arbeiten. \u00abEs ist also f\u00fcr mich kein erotisches Erlebnis \u2013 aber sich so auszudr\u00fccken, hat etwas sehr Befreiendes.\u00bb<\/p>\n<p>Die erotische Kunst ist ein neues Teilgebiet seines Schaffens. Seine Hauptt\u00e4tigkeit ist das Unterrichten von Sch\u00fcler*innen; ausserdem plant er Workshops in seinem neuen Atelier in Wien. \u00abFursty Men ist das Erkunden meines eigenen Schwulseins als K\u00fcnstler. Die Community dazu ist kleiner und besteht eigentlich ausschliesslich aus schwulen M\u00e4nnern. Dennoch ist das Feedback sehr wertvoll und motivierend.\u00bb<\/p>\n<p>Und was h\u00e4lt sein Ehemann davon, dass Fredrick nackte M\u00e4nner malt? \u00abIch lernte meinen Mann an der Akademie kennen und er unterst\u00fctzt mich seit Anfang an auf meinem Weg. Er kreiert manchmal selbst kinky Motive f\u00fcr seine Kleidermarke \u2013 daher mochte er meine Idee&#8230;\u00bb<\/p>\n<p><strong>Eine ganz andere Form von schwuler Kunst erschuf Erikas Mali\u0161auska. Der litauische K\u00fcnstler formte eine Wolke aus 400 homophoben Hassnachrichten gegen den Parlamentarier Tomas Raskevicius. Der Erl\u00f6s aus dem Kunstwerkverkauf geht an LGBTIQ-Gruppen. <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/kunstwerk-aus-homophobem-hass-finanziert-lgbtiq-gruppen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hier<\/a> geht&#8217;s zur ganzen Story.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fredrick Campeau starb beinahe an einer seltenen Autoimmunkrankheit. Das Malen half ihm beim Heilungsprozess. 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