{"id":117572,"date":"2021-08-21T08:53:08","date_gmt":"2021-08-21T06:53:08","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=117572"},"modified":"2021-08-21T09:00:29","modified_gmt":"2021-08-21T07:00:29","slug":"outing-gegen-homophobie-sichtbarkeit-um-jeden-preis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/outing-gegen-homophobie-sichtbarkeit-um-jeden-preis\/","title":{"rendered":"Outing gegen Homophobie \u2013 Sichtbarkeit um jeden Preis?"},"content":{"rendered":"<h3>Im Dezember ist es 30 Jahre her, dass Rosa von Praunheim in der RTL-Krawallshow \u00abExplosiv \u2013 Der heisse Stuhl\u00bb neben Hape Kerkeling auch Alfred Biolek zwangsoutete. Ist Sichtbarkeit eine emanzipative Forderung, die alle pers\u00f6nlich gut finden m\u00fcssen? Das fragt Jan Feddersen in seinem Kommentar*.<\/h3>\n<p>Neulich, als <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/der-entertainer-alfred-biolek-ist-tot\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Alfred Biolek<\/a> gestorben ist, hoch in den Achtzigern, flammte diese Diskussion wieder auf: n\u00e4mlich die ums Outing. Wir erinnern uns, \u00c4ltere k\u00f6nnen das locker: Rosa von Praunheim, die Filmregisseurslegende, der mit dem Streifen \u00abNicht der Homosexuelle ist pervers \u2026\u00bb Anfang der siebiger Jahre im \u00f6ffentlich-rechtlichen Fernsehen die erste offen schwule Sendung fabrizierte, hatte Anfang der neunziger Jahre auf RTL auf dem \u00abHeissen Stuhl\u00bb gesessen, ein gar nicht mal so schlechtes Format &#8211; krawallig, klar, aber Rosa von Praunheim hatte zum Thema \u00abOffenes Schwulsein\u00bb etwas zu sagen.<\/p>\n<p>Er beklagte nicht nur, dass die Zeiten gar nicht so liberal seien, denn sonst w\u00fcrden sich mehr schwule M\u00e4nner \u00f6ffentlich zeigen, auch prominente unter ihnen. Nein, er outete auch. N\u00e4mlich <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/mit-diesen-sendungen-meldet-sich-hape-kerkeling-zurueck\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hape Kerkeling<\/a> und Alfred Biolek \u2013 ersterer einer der popul\u00e4rsten Entertainer des Landes, letzterer der popul\u00e4rste Talkmaster, TV-K\u00fcchengastgeber und derlei mehr.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/PaeizrNUbjM\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Beide wurden durch das Outing geschockt, aber beide r\u00e4umten einige Zeit sp\u00e4ter ein, dass sie auf gewisse Weise f\u00fcr das ihnen auferzwungene Ende ihrer Versteckspiele seien. Damals wurde das Wort \u00abOuting\u00bb (oder \u00abouten\u00bb, \u00abgeoutet werden\u00bb) zu einem deutschen Verb: eine Sternstunde der Sprachsch\u00f6pfung im Fernsehen zur halbwegs besten Sendezeit, von Praunheim sei Dank \u2013 und auf ewig eben mit Kerkeling und Biolek verbunden. Aber ist das Outing eine Tugend?<\/p>\n<p>Nein, es geh\u00f6rt sich nicht, jemanden unfreiwillig zu outen. Aber es waren damals andere Zeiten; Biolek und Kerkeling, branchenweit in der Medienwelt als schwul bekannt, outeten sich nicht selbst, weil sie Angst vor negativen Reaktionen hatten \u2013 was sich als unbegr\u00fcndet erwies. Aber viele, um nicht zu sagen: Millionen hatten Furcht, als schwul blossgestellt zu werden. Ja, blossgestellt: Schwul ist ja nicht gerade die sexuelle Identit\u00e4t, nach der man sich als Pubert\u00e4rling sehnt, es ist ein, mit Freud gesprochen, \u00abTriebschicksal\u00bb, das es anzunehmen, zu akzeptieren gilt. Wer das schafft, ist psychisch von stabiler Art, aber nicht allen ist das gegeben.<\/p>\n<p>Meinen fr\u00fcheren Freund lernte ich in den fr\u00fchen Neunzigern kennen, ein Mann aus Vorpommern, Ingenieur, nach Hamburg ausgewandert, auch des Berufs wegen, aber auch, weil ihm das sexuelle Leben in der Millionenstadt attraktiver schien. Er wurde \u00fcber die Jahre eine t\u00fcchtige Sauna-Schluse, out bis heute nicht, immerhin wissen es mittlerweile seine Eltern, aber in seinem Jobumfeld niemand. Vor meiner Zeit mit ihm trug sich zu, dass er ein Verh\u00e4ltnis mit einem jungen Mann hatte, der nach einiger Zeit um Geld bat, sonst w\u00fcrde er ihn bei seinem Arbeitgeber als \u00abwarmen Bruder\u201c verpfeifen.<\/p>\n<p>Wie gesagt: Es waren die fr\u00fchen neunziger Jahre, nur eine Generation ist das her, es gab schon grosse CSDs und viele selbstbewusste Schwule auch. Mein heutiger Ex zog aus dieser N\u00f6tigungsandrohung seinen Schluss, bat den Erpresser um ein Treffen an einer keineswegs einsamen Bushaltestelle \u2013 traf ihn dort und verm\u00f6belte ihn k\u00f6rperlich bis zur Nasenblutigkeit.<\/p>\n<p>Er h\u00f6rte nie wieder etwas von diesem Kriminellen, doch diese Anekdote zeigt, wie sehr die Angst vor dem \u00f6ffentlichen Einstehen und Einstehenm\u00fcssen in puncto Homosexualit\u00e4t war \u2013 und millionenfach noch ist. Diese Furcht hat jede Menge von tief eingesunkener Homophobie zu tun, damit, dass Schwules nach wie vor, w\u00fcrde ich sagen, f\u00fcr sehr viele M\u00e4nner ein pures Gift, keine M\u00f6glichkeit, gl\u00fccklich zu werden. Wer sich outet, m\u00f6ge dies freiwillig tun; wer es nicht m\u00f6chte, mag es unterlassen.<\/p>\n<p>Und dann gibt es noch die F\u00e4lle, da wollen die Betreffenden nicht als schwul bezeichnet werden, schon gar nicht \u00f6ffentlich, weil sie ihr Begehren als selbstverst\u00e4ndlich empfinden, aber nicht als Menschen sichtbar sein wollen. Womit wir beim Thema w\u00e4ren: Sichtbarkeit. \u00dcberall ist jetzt von Sicht- und Sagbarkeit die Rede &#8211; aber ist das wirklich eine emanzipative Forderung, die alle pers\u00f6nlich gut finden m\u00fcssen? Debattieren wir also: Wie sichtbar m\u00fcssen wir sein \u2013 um als gute Homos zu gelten?<\/p>\n<p><em>*Die Meinung der Autor*innen von\u00a0<\/em><em>Kolumnen, Kommentaren oder Gastbeitr\u00e4gen\u00a0<\/em><em>spiegelt nicht zwangsl\u00e4ufig die Meinung der Redaktion wider.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>#Outing Bald 30 Jahre her, dass Rosa von Praunheim bei #RTL Kerkeling und Biolek zwangsoutete. 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