{"id":115728,"date":"2021-07-27T07:57:52","date_gmt":"2021-07-27T05:57:52","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=115728"},"modified":"2022-07-07T09:09:02","modified_gmt":"2022-07-07T07:09:02","slug":"jagdszenen-in-der-motzstrasse-was-passierte-nach-berlin-pride","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/jagdszenen-in-der-motzstrasse-was-passierte-nach-berlin-pride\/","title":{"rendered":"\u00abJagdszenen in der Motzstrasse\u00bb? Was passierte nach Berlin Pride?"},"content":{"rendered":"<h3>Am Samstag fand die Parade zum Christopher Street Day mit etlichen Zehntausenden Menschen statt. In dem Zusammenhang gab es am Abend und in der Nacht homophobe \u00dcbergriffe gegen Mitglieder der LGBTIQ-Community <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/homofeindliche-angriffe-und-landfriedensbruch-nach-berlin-pride\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>. Am Abend in der Motzstrasse im Regenbogenkiez soll sogar die Polizei rabiat gegen Feiernde vorgegangen sein. Die l\u00e4sst die Vorw\u00fcrfe intern untersuchen.<\/h3>\n<p>Der Berliner Anwalt <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/niko.haerting\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Niko H\u00e4rting<\/a> war am Abend privat vor Ort und ist Augenzeuge. Er spricht bei Facebook von \u00abJagdszenen in der Motzstrasse\u00bb, die die Polizei veranstaltet h\u00e4tte.<\/p>\n<p>In der Motzstrasse, aber auch in der Fuggerstrasse, wo sich am Abend noch viele Menschen auf der Strasse aufhielten und feierten, setzte die Polizei die Maskenpflicht durch. Problem nur, sagt H\u00e4rting gegen\u00fcber MANNSCHAFT: Es gibt gar keine Maskenpflicht mehr im Freien. Nur bei Versammlungen oder Veranstaltungen, und beides sei es am Samstagabend nicht gewesen.<\/p>\n<p>Der Anwalt spricht von einem \u00abRechtsbruch\u00bb seitens der Polizei und erkl\u00e4rt: \u00abEs gab nur eine Strassensperre, das war mit Polizei und Bezirk abgesprochen, damit die Wirte da viel Fl\u00e4che haben und innen nicht \u00f6ffnen, um den Ansturm zu vermeiden.\u00bb<\/p>\n<p>Nun gibt es Berichte von Besucher*innen der Motzstrasse, die klagen, es gab \u00abkeinerlei Abst\u00e4nde, keinerlei Masken, riesiges Gedr\u00e4nge\u00bb. Stundenlang habe es niemanden interessiert, was die Polizei erz\u00e4hlt. Man wollte nach dem Marsch einfach noch irgendwo was trinken gehen, \u00ababer das war echt ein Superspreader-Event\u00bb, schreibt uns eine MANNSCHAFT-Leserin.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" style=\"border: none; overflow: hidden;\" src=\"https:\/\/www.facebook.com\/plugins\/post.php?href=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2Fphoto.php%3Ffbid%3D254918036439587%26set%3Da.181100180488040%26type%3D3&amp;show_text=true&amp;width=500\" width=\"500\" height=\"375\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Andere sind fr\u00fchzeitig gegangen, weil es die Polizei die ganze Zeit mit ihrer Pr\u00e4senz schon so \u00abungem\u00fctlich werden\u00bb liess, sagt Anwalt H\u00e4rting. In einigen F\u00e4llen kam es sogar zu handfesten Auseinandersetzungen.<\/p>\n<p>Martin Soboll hat es erlebt und beschreibt es gegen\u00fcber MANNSCHAFT so: Sie waren zu dritt auf dem CSD. Der 55-J\u00e4hrige mit seinem Lebensgef\u00e4hrten und sein j\u00fcngerer Bruder Oliver, der selber nicht schwul ist. \u00abEr kam aus lauter Solidarit\u00e4t mit und hat dann noch die volle Wucht abgekommen.\u00bb Der 38-j\u00e4hrige Bruder wohnt gerade bei dem Paar, wegen Sanierungsarbeiten in seiner Wohnung \u2013 die drei M\u00e4nner sind also aktuell ein Haushalt.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" style=\"border: none; overflow: hidden;\" src=\"https:\/\/www.facebook.com\/plugins\/post.php?href=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2Fmartin.soboll%2Fposts%2F4559570150734482&amp;show_text=true&amp;width=500\" width=\"500\" height=\"685\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Sie waren noch im Regenbogenkiez essen, und wollten eigentlich schon nach Hause und ein Taxi rufen, aber am \u00abRomeo &amp; Romeo\u00bb, in der Motzstrasse Ecke Eisenacher, beschlossen sie, noch ein Bier zu trinken, als Absacker. \u00abDas war der grosse Fehler.\u00bb<\/p>\n<p>Sie h\u00e4tten dort nicht lange gestanden, dann seien die ersten Polizisten schon \u00abbreitbeinig\u00bb auf das Trio zugekommen und h\u00e4tten gerufen: \u00abMaske auf!\u00bb Martin entgegnete, es gebe auf der Motzstrasse keine Maskenpflicht. \u00abAber das wollten die nicht h\u00f6ren. Wir w\u00fcrden die Hygieneregeln nicht einhalten, sagten sie.\u00bb<\/p>\n<p>Martin erkl\u00e4rte, dass er und sein Partner geimpft seien, der Bruder sei genesen. Doch der Polizist wurde immer aggressiver. Sein Bruder hatte an dem Abend viel getrunken und sagte, er setze keine Maske auf. Dann wurde es handgreiflich.<\/p>\n<p>\u00abEin Polizist hat ihn geschubst, warum auch immer. Oliver rief dann: Fass mich nicht an! Und dann ging es wohl los: Die Polizisten st\u00fcrzten dann auf ihn, es waren 15 &#8211; 20 locker. Er lag sofort auf dem Boden, dann haben sie einen Kreis gebildet und ihn da rein geschleift.\u201c Was dann passiert ist, konnte Martin nicht sehen, aber er sagt: Da m\u00fcssen sie ihn zugerichtet haben.<\/p>\n<p>Sein Verdacht: \u00abDie stellen sich drum rum und einer verpr\u00fcgelt den, damit es keiner sieht.\u201c Fest steht: Danach war seine Kleidung zerrissen, Hemd und Hose, und auch seine Brille war weg. Und dann sei sein Bruder noch von den Beamten verh\u00f6hnt worden. \u00abMein Bruder ist ein bisschen f\u00fcllig. \u201aDu Fettsack, zieh mal deine Hose hoch\u2018, riefen sie. Und dann: \u201aAch nee, kannste ja nicht!\u2018\u00bb<\/p>\n<p>Martin erinnert sich, wie sein Bruder immer wieder schrie: \u00abMartin, Martin, mein Auge! Ich kann nicht mehr sehen!\u00bb<\/p>\n<p>Er wurde dann von der Polizei mitgenommen und mitten in der Nacht am Platz der Luftbr\u00fccke entlassen. Von dort musste er selbst mit einem Taxi zur Notfallaufnahme im Elisabeth-Krankenhaus fahren. \u00abDabei wollten ihn sogar die Sanit\u00e4ter sofort dort hinbringen\u00bb, erkl\u00e4rt Martin. \u00abIch bin zutiefst ersch\u00fcttert!\u00bb<\/p>\n<p>Bei Oliver bestand der Verdacht auf eine Sch\u00e4del-Hirn-Trauma. \u00abDie Verletzungen am Auge r\u00fchren von einem Polizeistiefel\u00bb, sagt Martin. Beweisen l\u00e4sst sich das vorerst nicht.<\/p>\n<p>Am Montagabend wurde er entlassen. Er habe immer noch starke Kopfschmerzen, das CT war unauff\u00e4llig. Dienstag morgen muss er zum Augenarzt. Das Krankenhaus empfehle eine weitere Betreuung durch Hausarzt. Dazu kommt: Der Bruder ist schwer traumatisiert, vermutet Martin.<\/p>\n<p>Auch den anderen beiden gegen\u00fcber habe sich die Polizei unangemessen verhalten. \u00abSie redeten mit mir als w\u00e4re ich der letzte Penner aus der Gosse\u00bb, sagt Martin. Er habe sich mindestens 500 Meter entfernen m\u00fcssen, dabei wollte er doch wissen, was mit seinem Bruder passiert. Bei seinem Lebensgef\u00e4hrten, einem geb\u00fcrtigen Kubaner, habe man mit der Hand die Hosentaschen durchsucht und die Beine breit gestellt.<\/p>\n<p>Bis Montag h\u00e4tten sich bei Anwalt H\u00e4rting insgesamt drei Personen gemeldet, die \u00e4hnliche Vorf\u00e4lle gesehen oder erlebt haben. \u00abWir k\u00f6nnen von drei gravierenderen F\u00e4llen ausgehen\u00bb. Ein offizielles Mandat von ihnen hat er noch nicht, aber er geht davon aus, dass die Betroffenen ihn bitten, dass er sie unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Seit M\u00e4rz 2020 gibt eine Corona-Helpline in seiner Kanzlei, dort w\u00fcrden immer wieder auch Polizei\u00fcbergriffe gemeldet. Auch Wirte h\u00e4tten ihn angesprochen. Polizisten sollen bei regelm\u00e4ssigen Kontrollen teils \u00absehr massiv\u00bb geworden sein gegen\u00fcber Wirten. Teils seien ganze Mannschaften von Beamten in die L\u00e4den gekommen, h\u00e4tten \u00abauf schikan\u00f6se Weise\u00bb nach der Schanklizenz oder dem Hygienekonzept gefragt.<\/p>\n<p>Immer wieder h\u00f6rt er Berichte \u00fcber eine Sonderstaffel, \u00abdie gingen ziemlich rabiat vor\u00bb. Sein Eindruck: Die Pandemiebedingungen f\u00fchren dazu, dass die Leute nicht mehr so genau hinschauen, was die Polizei da eigentlich macht. Viele gingen davon aus, es habe angesichts der Pandemie schon seine Richtigkeit, was sie tun.<\/p>\n<p>Sowohl H\u00e4rting wie Martin Soboll betonen aber auch, tags\u00fcber auf der Demo habe man die Polizei anders erlebt, es habe immer wieder freundliche Ansagen gegen, nach dem Motto: &#8218;Liebe Leute, bitte denkt dran, Abstand zu halten!&#8216;<\/p>\n<p>Er hat es auch auf CSDs in der Vergangenheit immer so erlebt, dass die Polizei zum Schutz der Community da sei. Die aber, die am Samstagabend unterwegs waren \u2013 \u00abdas schien eine andere Truppe zu sein.\u00bb<\/p>\n<blockquote><p>Nach wie vor gilt in der \u00d6ffentlichkeit der Mindestabstand von 1,5 Metern.<\/p><\/blockquote>\n<p>Am Montagabend kann Polizeisprecher Thilo Cablitz noch nicht viel zu den Vorw\u00fcrfen sagen. Was die Maskenpflicht im Freien angehe, so sei die tats\u00e4chlich aufgehoben. Aber: \u00abNach wie vor gilt in der \u00d6ffentlichkeit der Mindestabstand von 1,5 Metern, darum waren die Kollegen auch im Einsatz. Sie haben Ansammlungen von Menschen verstreut: \u201aGehen Sie weiter oder halten Sie Abstand.\u2018\u00bb<\/p>\n<p>Was nun den verletzten Oliver angeht, werde ermittelt. Was online dazu an Video-Material ver\u00f6ffentlicht wurde, habe man gesichert und weitergeleitet an das Kommissariat f\u00fcr Beamtendelikte beim LKA. Dort m\u00fcsse gekl\u00e4rt werden, ob der Verdacht begr\u00fcndet ist, so Cablitz gegen\u00fcber MANNSCHAFT.<\/p>\n<p>Allerdings w\u00fcrden die Festnahmen auch von den Beamt*innen selber dokumentiert. Es seien immer Kolleg*innen mit Kamera vor Ort. Einige filmten drumherum, andere filmen die Festnahmen an sich. Auch dieses Material werde jetzt ausgewertet. Es drohten Konsequenzen f\u00fcr die Kolleg*innen, wenn die Vorw\u00fcrfe belegt werden, \u00abohne Wenn und Aber\u00bb.<\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\">\n<p dir=\"ltr\" lang=\"de\">Kolleg. zeigte an, dass zwei Mitarbeitende sich mehrfach im Dienst unter anderem rassistisch &amp; menschenverachtend ge\u00e4u\u00dfert haben sollen. Die EG Zentral beim <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/LKA?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#LKA<\/a> f\u00fchrt die Ermittlungen. Disziplinarrechtlichen Ma\u00dfnahmen laufen in diesem Fall parallel.<a href=\"https:\/\/t.co\/jJcYwnKmQ6\">https:\/\/t.co\/jJcYwnKmQ6<\/a><br \/>\n^yt<\/p>\n<p>\u2014 Polizei Berlin (@polizeiberlin) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/polizeiberlin\/status\/1419656622050271233?ref_src=twsrc%5Etfw\">July 26, 2021<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script><\/p>\n<p>Was die Einkreisung bei Festnahmen angeht, sagt Cablitz: Diese m\u00fcssten gesichert werden. Es sei am Samstag in einem anderen Fall auch zu einer versuchten Gefangenenbefreiung gekommen. Dies gelte es zu verhindern.<\/p>\n<p>Insgesamt kam es am Samstag zu 12 Verst\u00f6ssen gegen die Infektionsmassnahmen: Sechs Strafanzeigen wegen Widerstands gegen die Polizei und t\u00e4tlichen Angriffs sowie der eine Fall von Gefangenenbefreiung.<img data-expand=\"600\" class=\"lazyload\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 1 1'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/2dcce4d44a294492bc3a75be15bd33f3\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>#Berlin Am Samstag fand die Demo zum #CSD mit etlichen Zehntausenden Menschen statt. Abends im #Regenbogenkiez soll die Polizei rabiat gegen Feiernde vorgegangen sein. 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