{"id":115505,"date":"2021-07-23T13:19:29","date_gmt":"2021-07-23T11:19:29","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=115505"},"modified":"2021-07-25T09:47:18","modified_gmt":"2021-07-25T07:47:18","slug":"alfred-biolek-zwangsouting-hat-eine-verspanntheit-geloest-die-danach-weg-war","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/alfred-biolek-zwangsouting-hat-eine-verspanntheit-geloest-die-danach-weg-war\/","title":{"rendered":"Das Zwangsouting hat \u00abVerspanntheit gel\u00f6st, die danach weg war\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Alfred Biolek war der Talk- und Kochshow-Pionier, er war eine Marke mit drei Buchstaben: Bio. Am Ende seines Lebens konnte er zufrieden feststellen, dass Deutschland ein bisschen so geworden war wie er. Christoph Driessen, dpa<\/h3>\n<p>Das Belgische Viertel ist das Geniesser-Viertel von K\u00f6ln, und dort konnte man Alfred Biolek in seinen letzten Jahren immer mal wieder begegnen. Er ging ganz langsam und schob einen Rollator vor sich her. Am Schluss machte er nur noch winzige Schritte und musste von seinem Adoptivsohn Scott Biolek-Ritchie gest\u00fctzt werden. Sehr schmal und schwankend war er geworden, und doch zweifelte man keinen Augenblick daran, dass er es war. Das Professorengesicht mit der runden Brille war eben doch unverkennbar. Und wenn er dann zum Beispiel in einem Restaurant etwas Gutes vorgesetzt bekam, dann ging noch immer ein Leuchten \u00fcber sein Gesicht: \u00abHmmmm! Lecker!\u00bb<\/p>\n<p>Nun ist Alfred Biolek, der grosse Pionier des deutschen Fernsehens, in K\u00f6ln gestorben. Er schlief am Freitag friedlich ein, wie die Deutsche Presse-Agentur von seinem Adoptivsohn Scott Biolek-Ritchie erfuhr <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/der-entertainer-alfred-biolek-ist-tot\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete).<\/a><\/p>\n<p>Biolek hatte \u00fcber Jahrzehnte die Erneuerung der deutschen TV-Landschaft vorangetrieben. Zwei Formate hat er wesentlich mitbegr\u00fcndet: die Talkshow und die Kochshow. Aber er hat nicht nur das Fernsehen gepr\u00e4gt, er hat \u00fcber dieses Medium auch die Gesellschaft beeinflusst. Am Ende seines Lebens konnte er mit grosser Genugtuung feststellen, dass die Deutschen ein wenig so geworden waren wie er: dem guten Essen zugetan, offen f\u00fcr alle m\u00f6glichen kulturellen Einfl\u00fcsse aus dem Ausland und im Allgemeinen tolerant gegen\u00fcber Minderheiten.<\/p>\n<p>\u00abVon den grossen L\u00e4ndern &#8211; Frankreich, England, Italien, Spanien &#8211; hat sich Deutschland am weitesten ge\u00f6ffnet und verkrustete Strukturen aufgebrochen\u00bb, sagte er r\u00fcckblickend der Deutschen Presse-Agentur. Allerdings machte er in seinen letzten Lebensjahren eine Einschr\u00e4nkung: Dass die Rechten wieder aktiv w\u00fcrden, das finde er schlimm, sagte er. Vielleicht k\u00f6nnten die Menschen eben doch nicht aus der Geschichte lernen.<\/p>\n<p>Der Anwaltssohn Biolek wurde 1934 in Freistadt &#8211; heute Tschechien &#8211; geboren und verlebte eine beh\u00fctete Kindheit in einem grossb\u00fcrgerlichen katholischen Elternhaus. Nach dem Krieg floh die Familie in den Westen, und wie sein Vater studierte Biolek Jura und promovierte zum Doktor der Rechtswissenschaften. Zeitlebens hatte er immer etwas von einem zerstreuten Professor: Die runde Brille, die K\u00e4rtchen, mit denen er vor der Kamera hantierte, die vielen \u00ab\u00c4hs\u00bb, die abgebrochenen S\u00e4tze.<\/p>\n<p>Bioleks Karriere w\u00e4re heute undenkbar. Als Justiziar begann er 1963 beim neugegr\u00fcndeten ZDF, wechselte aber bald darauf ins Redaktionelle. Bei seinem ersten Auftritt vor der Kamera gab er \u00abTipps f\u00fcr Autofahrer\u00bb.<\/p>\n<p>1970 kam er zum WDR nach K\u00f6ln und entwickelte dort mit Rudi Carrell die Samstagabendshow \u00abAm laufenden Band\u00bb, die erfolgreichste Sendung der 1970er Jahre. Parallel sammelte er im \u00abK\u00f6lner Treff\u00bb erste Moderationserfahrung und bekam 1978 seine eigene Sendung, \u00abBio&#8217;s Bahnhof\u00bb. Danach war er im deutschen Fernsehen 30 Jahre st\u00e4ndig pr\u00e4sent. Allein seine Talkshow \u00abBoulevard Bio\u00bb lief zw\u00f6lf Jahre lang. Seine \u00c4ra endete erst 2007 mit der letzten Folge der Kochsendung \u00abAlfredissimo\u00bb.<\/p>\n<figure id=\"attachment_115507\" aria-describedby=\"caption-attachment-115507\" style=\"width: 721px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Alfred-Biolek_70269800.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload wp-image-115507 size-full\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 721 910'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Alfred-Biolek_70269800-e1627039022807.jpg\" alt=\"Alfred Biolek\" width=\"721\" height=\"910\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-115507\" class=\"wp-caption-text\">Die Moderatoren Alfred Biolek (l) und Thomas Gottschalk freuen sich \u00fcber den Deutschen Fernsehpreis (Archivbild: J\u00f6rg Carstensen\/dpa)<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u00abBio\u00bb war ein enormer Kenner der Kulturszene nicht nur in Deutschland, sondern zum Beispiel auch in den USA, in England und den Niederlanden. Er war es, der Monty Python und Herman van Veen nach Deutschland holte, der zum ersten Mal Sting im Ersten auftreten liess. In seiner Wohnung in K\u00f6ln empfing er Weltstars wie Tina Turner zum Essen. Sein sch\u00f6nstes Kompliment bekam er von Sammy Davis jr. in \u00abBio&#8217;s Bahnhof\u00bb: \u00abIch bin seit 53 Jahren im Showbusiness, und ich muss sagen, dies ist die originellste und am Besten zusammengestellte Fernsehshow, in der ich jemals auftreten durfte.\u00bb<\/p>\n<blockquote><p>Ich habe da einen Schlag bekommen, der sehr wehgetan hat, aber irgendwo hat dieser Schlag eine Verspanntheit gel\u00f6st, die danach weg war.<\/p><\/blockquote>\n<p>Mit seiner Homosexualit\u00e4t hat sich Biolek lange schwer getan. Erst im Alter von etwa 30 Jahren gestand er sich selbst ein, dass er schwul war, gab bei dieser Gelegenheit all seine Anz\u00fcge in die Altkleidersammlung und trug eine Zeit lang nur noch Pullover und Lederjacke. \u00d6ffentlich sprach er nie dar\u00fcber. Sein Coming-out \u00fcbernahm ein anderer f\u00fcr ihn: Der Filmemacher <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/rosa-von-praunheim-in-zuerich-fuer-sein-lebenswerk-geehrt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rosa von Praunheim<\/a> verk\u00fcndete 1991 in einer RTL-Sendung, Biolek sei \u00abstockschwul\u00bb. Der empfand das zun\u00e4chst als \u00abunfair\u00bb, doch sp\u00e4ter war er froh dar\u00fcber: \u00abIch habe da einen Schlag bekommen, der sehr wehgetan hat, aber irgendwo hat dieser Schlag eine Verspanntheit gel\u00f6st, die danach weg war.\u00bb<\/p>\n<p>Lange war Biolek ein fester Bestandteil der Berliner Gesellschaft. Wenn er eines seiner rauschenden Feste gab, kamen alle: der Regierende B\u00fcrgermeister, der Ex-Kanzler, der Bundespr\u00e4sident. Doch dann ver\u00e4nderte sich sein Leben von einem Tag auf den anderen: 2010 st\u00fcrzte er auf der Treppe, zog sich Kopfverletzungen zu und fiel ins Koma. Danach war sein Ged\u00e4chtnis weg. Erst beim Lesen seiner Autobiografie kehrte die Erinnerung zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Anschliessend zog er nach K\u00f6ln zur\u00fcck und verschwand aus der \u00d6ffentlichkeit. \u00abMir war aufgefallen, dass ich in Berlin zwar sehr viele Bekannte hatte, meine richtigen Freunde aber \u00fcberwiegend in K\u00f6ln wohnen.\u00bb Von seiner Wohnung aus blickte er \u00fcber die Wipfel des Stadtgartens mit uralten B\u00e4umen. Dort ging er immer spazieren und sah den Kindern einer nahe gelegenen Schule zu, die dort die Pause verbrachten. Einen Partner hatte er nicht mehr, aber sein Adoptivsohn Scott und seine Freunde k\u00fcmmerten sich liebevoll um ihn. Zum Kochen oder Verreisen war er zu schwach, aber er konnte immer noch ins Restaurant oder in die Philharmonie gehen.<\/p>\n<p>Angst vor dem Tod hatte der Katholik nicht. Einmal sagte er der Deutschen Presse-Agentur: \u00abIch habe das Gef\u00fchl, ich werde den Tod genauso entspannt erleben wie alle Dinge in meinem Leben.\u00bb<\/p>\n<blockquote><p>Mit Alfred Biolek verlieren wir ein Allroundtalent des deutschen Fernsehens.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der WDR-Intendant und ARD-Vorsitzende Tom Buhrow hat Biolek als begnadetes Multi-Talent gew\u00fcrdigt. Er sei nicht nur Talkmaster, sondern auch \u00abIdeengeber, Entdecker, F\u00f6rderer und \u00e4usserst kreativ\u00bb gewesen, erkl\u00e4rte Buhrow (62) am Freitag in K\u00f6ln. Er fasste zusammen: \u00abMit Alfred Biolek verlieren wir ein Allroundtalent des deutschen Fernsehens.\u00bb<\/p>\n<p>Bioleks Interesse habe den Menschen gegolten, der Kunst, der Kultur und der anspruchsvollen Unterhaltung. Als Beispiel nannte er auch Bioleks Kochsendung \u00abalfredissimo\u00bb. \u00abMit wieviel Freude und Humor er sie zusammen mit seinen prominenten G\u00e4sten zelebrierte, das war mir beim Zuschauen immer ein Vergn\u00fcgen\u00bb, sagte Buhrow.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alfred Biolek war der Talk- und Kochshow-Pionier, er war eine Marke mit drei Buchstaben: Bio. Am Ende seines Lebens konnte er zufrieden feststellen, dass #Deutschland ein bisschen so geworden war wie er.  <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/alfred-biolek-zwangsouting-hat-eine-verspanntheit-geloest-die-danach-weg-war\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1950,"featured_media":115506,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10],"tags":[5442],"wps_subtitle":"Mit seiner Homosexualit\u00e4t hat sich Alfred Biolek lange schwer getan","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/115505"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1950"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=115505"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/115505\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":115618,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/115505\/revisions\/115618"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/115506"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=115505"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=115505"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=115505"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}