{"id":115490,"date":"2021-07-23T22:09:26","date_gmt":"2021-07-23T20:09:26","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=115490"},"modified":"2021-07-24T12:36:26","modified_gmt":"2021-07-24T10:36:26","slug":"csd-bremen-keine-fetische-was-folgt-darauf-keine-oeffentlichen-zungekuesse-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/csd-bremen-keine-fetische-was-folgt-darauf-keine-oeffentlichen-zungekuesse-mehr\/","title":{"rendered":"Kein Fetisch beim CSD? Was denn noch: Keine \u00f6ffentlichen Zungenk\u00fcsse?"},"content":{"rendered":"<h3>Der Verein CSD Bremen bat darum, auf der Parade auf die Darstellung sexueller Handlung zu verzichten. Das hat vor allem die schwule Fetisch-Szene aufgebracht. Beim <a href=\"https:\/\/www.csd-bremen.org\/2021\/pressemitteilung-38\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">CSD Bremen<\/a> f\u00fchlte man sich missverstanden, hat aber im strittigen Passus mittlerweile das Wort \u00abFetisch\u00bb durch \u00abSex\u00bb ersetzt und sich entschuldigt. Unser Kommentator* warnt dennoch: Wer Fetischhaftes aussparen will, kann auch gleich fordern, das Schwules oder Lesbisches nicht zu laut ge\u00e4ussert werde.<\/h3>\n<p>\u00dcber diesen Fall hat sich in den vergangenen Tagen die halbe queere Community ausgelassen, zustimmend oder ablehnend, emp\u00f6rt oder gelassen: Die CSD-Verantwortlichen in Bremen hatten n\u00e4mlich dies f\u00fcr ihre Veranstaltung Ende August bekanntgegeben: \u00abKeine Fetischdarstellung.\u00bb Lapidar, klar und verstehbar.<\/p>\n<figure id=\"attachment_115542\" aria-describedby=\"caption-attachment-115542\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Bildschirmfoto-2021-07-23-um-21.44.07.png\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload wp-image-115542 size-full\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 1102 1372'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Bildschirmfoto-2021-07-23-um-21.44.07.png\" alt=\"CSD Bremen\" width=\"1102\" height=\"1372\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-115542\" class=\"wp-caption-text\">Seit Herbst 2020 online, f\u00fchrte dieser Passus nun zu grosser Emp\u00f6rung (Foto: Screenshot)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ich finde es beinah in pers\u00f6nlicher Hinsicht kurios, dass der klassische Konflikt innerhalb der LGBTI-Szene seit jeher sich in Bremen abspielt, eine eher sonst unbeachtete Stadt von mittlerer Gr\u00f6sse, die eine gewisse Bedeutung nur deshalb \u00fcber das Bremische hinaus hat, weil es, aus historischen Gr\u00fcnden, ein eigenes Bundesland in der Deutschland ist, einschliesslich aller Einflusschancen im gesetzesmitbestimmenden Bundesrat. Kurios deshalb, weil in Bremen 1979 \u2013 neben Westberlin \u2013 der erste deutsche CSD stattfand, und ich war dabei.<\/p>\n<p>Jedenfalls ist der ganze Schutt der Diskussion auf die armen bremischen CSD-Leute gest\u00fcrzt, m\u00e4chtig. Dabei haben sie doch nur eben den Konflikt aller Konflikte unserer Szene offen artikuliert: Wie wollen wir uns darstellen? Und was halten wir aus, also bei Menschen, die nicht so sind wie wir selbst. (Hier kann jede*r davon ausgehen, dass alle erstmal anders als man selbst ist.)<\/p>\n<p>So heisst es beim CSD Bremen w\u00f6rtlich zur queeren Parade Ende August: \u00abWir wollen \u00fcber die Probleme von queeren Menschen in der Gesellschaft aufkl\u00e4ren.\u00bb Das ist nobel als programmatische Erkl\u00e4rung, hinter diesem Satz verbirgt sich der Wunsch nach Vermittlung. Gut so. Viele CSDs, was auch in Ordnung war und ist, wollen gar nichts aufkl\u00e4ren, sondern nur kl\u00e4ren, da zu sein. Pures Dasein \u2013 als Zeichen gegen Unsichtbarkeit und \u00dcbergangenwerden.<\/p>\n<p>Weiter heisst es eher defensiv: \u00abWir wollen nicht bewerten, wessen Probleme gr\u00f6sser oder kleiner sind. Aber das Darstellen von Fetischen in der \u00d6ffentlichkeit finden wir nicht hilfreich, wenn wir bei der gleichen Demonstration und Kundgebung \u00fcber Themen wie Asylrecht, Trans-Rechte oder queere Krankenversorgung sprechen m\u00f6chten.\u00bb So weit, so gut (oder je nach Perspektive: schlecht). Die Paradenveranstalter benennen das Problem: Darstellungsf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>Damals in Bremen, vor, ich staune selbst ob der vielen Jahre, die seither vergangen sind, 42 Jahren waren wir ungef\u00e4hr 300 Leute, \u00fcberwiegend schwule M\u00e4nner, viele lesbische Frauen, manche Alliierte, wie man heute sagt. Und unter uns M\u00e4nner waren ganz wenige im Fummel, einige mehr hatten sich die Augenr\u00e4nder mit Kajal umschw\u00e4rzelt, um \u00abschwuler\u00bb, nichtheterom\u00e4ssig auszusehen. Es gab indes keine grossen Debatten, ob M\u00e4nner in Textilien, die gew\u00f6hnlich Frauen tragen, das \u00f6ffentliche Bild st\u00f6rten. Oder ob geschminkte Augen Frauen verh\u00f6hnen. Oder oder oder: Es waren ohnehin alles Schwulenbewegte. Der oder die gew\u00f6hnliche Homosexuelle traute sich noch l\u00e4ngst nicht, in dieser Weise \u00f6ffentlich zu catwalken.<\/p>\n<p><strong>Nachrichtensendungen wollen grelle, antipolitisch anmutende Bilder<br \/>\n<\/strong>Aber der Hinweis auf die Vermittlung von konkreten, lebensweltlichen Problemen ist ja nicht falsch: Asylrecht, Trans-Rechte oder Krankenversorgung \u2013 nun ja, das ist wichtig zu er\u00f6rtern und f\u00fcr die politische \u00d6ffentlichkeit ein Ding, das sie begreifen sollen. Das ist keine leichte Aufgabe: Dass ein CSD immer politisch ist, versteht der Heteromainstream meist nicht und zeigt, etwa in Sendungen wie der \u00abTagesschau\u00bb, \u00abheute\u00bb oder \u00abRTL aktuell\u00bb, in der Regel Bilder von Drag Queens (und manchen Kings), flamboyant anmutende Karnevalsv\u00f6gel*innen, die gewiss auch Emanzipatorisches im Sinne haben \u2013 aber die Nachrichtensendungen wollen grelle, antipolitisch anmutende Bilder, und deshalb geht alles Politische in der Message so unten wie ein Zinnsoldat im Sp\u00fclwasser.<br \/>\nWeiter heisst es indes in der Bremer \u00abBitte\u00bb: \u00abGerade bei Fetischen, die f\u00fcr Zuschauende sexuell gelesen werden, stellt sich zus\u00e4tzlich das Problem, dass das Publikum nicht einwilligen kann (fehlender Konsens im Sinne von Safe, sane, consensual).\u00bb<\/p>\n<blockquote><p>Wer Fetischhaftes, so gesehen, aussperren will, kann gleich fordern, das Schwules oder Lesbisches nicht so laut ge\u00e4ussert wird.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und, gleich im n\u00e4chsten Absatz: \u00abGanz zu schweigen davon, dass die Sexualisierung von Frauen* im Allgemeinen und Minderheiten im Besonderen problematisch genug ist.\u00bb Nun, das ist ein Satz wie eine Perlenkette voller Abstrusit\u00e4ten. Denn: Fetische sollen, m\u00fcssen aber nicht sexuell gelesen werden. Kinder k\u00f6nnen Dildos \u00fcber Spielzeug halten, sie kennen Ger\u00e4tschaften dieser Art ja (noch) nicht. Aber die Distanzierung vom Sexuellen \u00fcberhaupt deutet auf eine gewisse Unterstr\u00f6mung in der queeren Community hin, die man als eine der Pr\u00fcderie bezeichnen muss. Sexuelles, Sexualit\u00e4ten sind das Einende der queeren Community. Und wer jetzt sagt: Nein, das ist das Identit\u00e4re, der l\u00fcgt. Schwules, Lesbisches etc. meint Sexuelles \u2013 und wer dies wie liest oder empfindet, tut das sowieso in einer Weise, die nicht bestimmt werden kann. Wer Fetischhaftes, so gesehen, aussperren will, kann gleich fordern, das Schwules oder Lesbisches nicht so laut ge\u00e4ussert wird.<\/p>\n<p>Die ganze queere Bewegung, seit Stonewall 1969, seit Bremen mit dem ersten CSD 1979 war immer sexualisiert, sexuell und sexhaft. <em>So what?<\/em> Wem das nicht behagt, muss aushalten lernen. Alle m\u00fcssen wir uns Zumutungen gefallen lassen, und wir, damals in Bremen, waren f\u00fcr die Umstehenden unserer Bonsai-Parade, waren eine Zumutung. Wer Fetische ausgespart sehen will, wird eines Tages auch zur Debatte stellen, keine Zungek\u00fcsse \u00f6ffentlich auszutauschen. Ausserdem: Wer sich sexuell gelesen zu werden verweigert, darf sich nicht wundert, wenn pl\u00f6tzlich am Rande Reaktion\u00e4re, Klerikale und offen Homo- wie Transphobe stehen und lauthals fordern, nicht getriggert zu werden, durch \u00f6ffentliche Queers.<\/p>\n<p>Nebenbei: Es gibt gerade viele Frauen, die sich als sexpositiv verstehen \u2013 und sexbejahend gelesen werden wollen. Sie verdienen Wertsch\u00e4tzung, nicht die Zeigefinger, die sie als unz\u00fcchtig erkennen m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Nein, wer Fetischhaftes in die chemische Reinigung der Zumutbarkeitspr\u00fcfung f\u00fcr den Mainstream bringt, hat den Kampf um \u00f6ffentliche Impulse, ja, Provokationen schon verloren.<\/p>\n<p><em>*Jeden Samstag ver\u00f6ffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar oder eine Glosse, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsl\u00e4ufig die Meinung der Redaktion wider.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kein #Fetisch beim @csdbremen ? Wer Fetischhaftes in die chemische Reinigung der Zumutbarkeitspr\u00fcfung f\u00fcr den #Mainstream bringt, hat den Kampf um \u00f6ffentliche Impulse schon verloren, kommentiert @JanFeddersen <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/csd-bremen-keine-fetische-was-folgt-darauf-keine-oeffentlichen-zungekuesse-mehr\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1871,"featured_media":115536,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10,3270],"tags":[5454],"wps_subtitle":"\u00dcber diesen Fall hat sich in der vergangenen Woche die halbe LGBTIQ Community ausgelassen","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/115490"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1871"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=115490"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/115490\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":115564,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/115490\/revisions\/115564"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/115536"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=115490"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=115490"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=115490"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}