{"id":114997,"date":"2021-07-12T10:55:43","date_gmt":"2021-07-12T08:55:43","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=114997"},"modified":"2021-08-16T20:39:59","modified_gmt":"2021-08-16T18:39:59","slug":"20-jahre-schuh-des-manitu-lachen-auf-schwulenkosten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/20-jahre-schuh-des-manitu-lachen-auf-schwulenkosten\/","title":{"rendered":"20 Jahre \u00abSchuh des Manitu\u00bb: Lachen auf Kosten von Schwulen?"},"content":{"rendered":"<h3>Ist deutscher Humor nur erfolgreich, wenn er auf Kosten von Minderheiten geht? 20 Jahre nach dem Bully-Film \u00abDer Schuh des Manitu\u00bb stellt sich die Frage: Darf man auf Schwulenkosten lachen? Von Gregor Tholl, dpa<\/h3>\n<p>Es war vor 20 Jahren &#8211; zwei Monate vor dem 11. September und gut einen Monat nach Klaus Wowereits \u00abIch bin schwul &#8211; und das ist auch gut so!\u00bb. Am 19. Juli 2001 kam die Karl-May-Film-Parodie \u00abDer Schuh des Manitu\u00bb in die deutschen Kinos (20. Juli \u00d6sterreich, 4. Oktober Deutschschweiz). Michael \u00abBully\u00bb Herbigs Persiflage auf die alten Winnetou-Filme l\u00f6ste damals mit 11,7 Millionen Besucher*innen die 80er-Jahre-Kom\u00f6die \u00abOtto &#8211; Der Film\u00bb als erfolgreichsten bundesdeutschen Nachkriegskinostreifen ab.<\/p>\n<p>Radikale Klischee-Verdichtung und ihre \u00abAufhebung im kompletten Nonsens &#8211; all das macht den besonderen Reiz dieser Westernklamotte aus\u00bb, rezensierte damals die Nachrichtenagentur dpa.<\/p>\n<p>In dem Film geht es um die beiden zu Unrecht des Mordes beschuldigten Blutsbr\u00fcder Abahachi (Herbig) und Ranger (Christian Tramitz). Die Abbilder der legend\u00e4ren Blutsbr\u00fcder Winnetou und Old Shatterhand sprechen einen sehr speziellen S\u00fcdstaatendialekt: Bayerisch. Sie suchen nach einer Schatzkarte f\u00fcr einen Edelstein, der ihnen helfen k\u00f6nnte, sich freizukaufen. Doch der wahre M\u00f6rder, Gangsterboss Santa Maria (Sky du Mont), ist auf ihren Fersen. Und dann ist da noch der bislang verschwiegene schwule Abahachi-Zwillingsbruder Winnetouch, der auf der \u00abPuder Rosa Ranch\u00bb eine Sch\u00f6nheitsfarm betreibt und in die Jagd nach dem Schatz hineingezogen wird.<\/p>\n<p>An dieser Figur \u00fcbt der Autor<a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/johannes-kram-feiert-10-jahre-nollendorfblog\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> Johannes Kram<\/a> seit Jahren Kritik. In seinem Buch \u00abIch hab ja nichts gegen Schwule, aber&#8230; &#8211; Die schrecklich nette Homophobie in der Mitte der Gesellschaft\u00bb wirft er dem Film vor, Klischees kultiviert und lange daf\u00fcr gesorgt zu haben, dass queere Belange nicht ernst genommen wurden. \u00abDeutschland kann endlich \u00fcber sich selber lachen, bildete es sich damals ein. Dabei lachte es vor allem \u00fcber Homosexuelle, besser gesagt tuntige Schwule.\u00bb Wer das aber sage, gelte als Spielverderber, so die These.<\/p>\n<p>Kram sieht beim \u00abSchuh des Manitu\u00bb humortechnisch \u00abeine Renaissance des Schenkelklopferspasses der Wirtschaftswunderzeit\u00bb. Bullys Tuntenparodien seien im Gegensatz zu anderen Schwulenwitzen rund um das Jahr 2000 &#8211; etwa von Stefan Raab oder Oliver Pocher &#8211; oft fein beobachtet und gekonnt gespielt. Dennoch dr\u00e4nge sich der Verdacht auf, dass man in der damals rot-gr\u00fcnen Republik mit der neuen Eingetragenen Lebenspartnerschaft f\u00fcr Lesben und Schwule irgendwie erwartete, dass die Homos nun zufrieden sein m\u00fcssten und gef\u00e4lligst bei ihrer L\u00e4cherlichmachung mitlachen sollten.<\/p>\n<p>Randnotiz: W\u00e4hrend Bully Herbigs Tuntenkomik 2001 Lieblingsspass der Deutschen war, hatten die Niederlande schon die vollwertige Ehe f\u00fcr Frauenpaare und M\u00e4nnerpaare eingef\u00fchrt <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/eheoeffnung-niederlande-so-einen-moment-hatten-nicht-mal-heteros\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>. Deutschland brauchte daf\u00fcr noch 16 Jahre.<\/p>\n<p>Angesprochen auf solche Kritik sagte Herbig 2015 dem <em>Zeit<\/em>-Magazin: \u00abWir w\u00fcrden es genau so wieder machen.\u00bb Man lache die Tunten nicht aus. \u00abIch habe mir das ja nicht ausgedacht, sondern abgeguckt.\u00bb Schwule Freunde h\u00e4tten Tr\u00e4nen gelacht, sich weggeschmissen.<\/p>\n<blockquote><p>Bin mir nicht sicher, ob ich diesen Film heute nochmal so machen w\u00fcrde, weil man sich selber auch ver\u00e4ndert hat.<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter reagierte Herbig 2020 in einem dpa-Interview schon anders: \u00abIch bin mir nicht sicher, ob ich diesen Film heute nochmal so machen w\u00fcrde, weil man sich selber auch ver\u00e4ndert hat.\u00bb Und zur Frage, ob man Schwule parodieren d\u00fcrfe: \u00abWir arbeiten in einer Branche, in der man st\u00e4ndig mit schwulen Kollegen zu tun hat.\u00bb Man m\u00f6ge sich. \u00abWenn da jemals einer gekommen w\u00e4re und uns gesagt h\u00e4tte, ihr tut uns weh damit, h\u00e4tten wir sofort die Finger davon gelassen.\u00bb<\/p>\n<p>Die ganze Debatte sticht ins Wespennest politischer Korrektheit. Kram kontert jedoch, er wolle gar nicht Spasspolizei spielen. Nat\u00fcrlich d\u00fcrfe man auch \u00fcber Homosexuelle lachen. \u00abUnd nat\u00fcrlich kann Humor nicht gerecht sein, er muss inkorrekt sein, \u00fcberzeichnen, Klischees strapazieren.\u00bb Doch ob Lustiges etwa schwulenfeindlich sei, sehe man simpel daran, ob es abwerte. \u00abAuch wenn man ihn wie Bully charmant findet, den dummen Homo. Wenn es der dumme Homo ist, weil er dumm ist, weil er homo ist: Dann ist es Homophobie.\u00bb<\/p>\n<p>Bleibt die Frage: Ist deutscher Humor nur dann erfolgreich, wenn er sich \u00fcber Minderheiten wie Schwule oder auch Schwarze lustig macht?<\/p>\n<p>35 Jahre nach \u00abOtto &#8211; der Film\u00bb wurde 2020 \u00fcber rassistische Begriffe darin debattiert. In einer Szene verkauft Otto einen Schwarzen (gespielt von G\u00fcnther Kaufmann) als angeblichen Sklaven an eine \u00e4ltere Dame. Dabei f\u00e4llt auch \u00f6fter der fr\u00fcher \u00fcbliche Begriff f\u00fcr schwarze Menschen (das sogenannte N-Wort). Otto Waalkes rechtfertigte dies k\u00fcrzlich in einem Interview der \u00abFrankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung\u00bb: \u00abWenn man satirisch mit solchen Themen umgeht, versucht man, Rassismus zu entlarven. Darum geht es in der Szene, die Frau war ja unbewusst rassistisch. So etwas kann falsch aufgefasst werden, das Risiko geht man ein, aber es hat funktioniert.\u00bb<\/p>\n<p>Auf den Einwand des F.A.Z.-Interviewers, seinen beiden T\u00f6chtern erschliesse sich die vermeintlich subversive Komik der Szene heute nicht, antwortete Otto: \u00abDann m\u00fcssten Sie es ihnen erkl\u00e4ren.\u00bb<\/p>\n<p>Blackfacing und Witzchen auf Kosten von Schwulen \u2013 ohne ging es in der deutschen (und internationalen) Comedy fr\u00fcher nicht. Einige zeigen sich letztes Jahr einsichtig <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/heute-sagen-wir-nicht-mehr-schwul-die-reue-der-comedystars\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist deutscher #Humor nur erfolgreich, wenn er auf Kosten von #Minderheiten geht? 20 Jahre nach dem #Bully-Film \u00abDer Schuh des Manitu\u00bb stellt sich die Frage: Darf man auf Schwulenkosten lachen? #Nollendorfblog <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/20-jahre-schuh-des-manitu-lachen-auf-schwulenkosten\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1950,"featured_media":115006,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10,2534],"tags":[5439,5466,2522,5528],"wps_subtitle":"Radikale Klischee-Verdichtung und ihre \u00abAufhebung im kompletten Nonsens\u00bb \u2013 oder Homophobie?","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/114997"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1950"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=114997"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/114997\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":117306,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/114997\/revisions\/117306"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/115006"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=114997"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=114997"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=114997"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}