{"id":111986,"date":"2021-06-02T12:36:01","date_gmt":"2021-06-02T10:36:01","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=111986"},"modified":"2021-06-03T18:03:34","modified_gmt":"2021-06-03T16:03:34","slug":"40-jahre-aids-1-hiv-positive-leben-weiter-mit-angst-und-stigma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/40-jahre-aids-1-hiv-positive-leben-weiter-mit-angst-und-stigma\/","title":{"rendered":"40 Jahre AIDS (1): HIV-Positive leben weiter mit Angst und Stigma"},"content":{"rendered":"<h3>Eine HIV-Diagnose ist immer noch ein Schock f\u00fcr viele Betroffene. Dank Medikamenten ist mittlerweile zwar ein halbwegs normales Leben m\u00f6glich. Aber die Angst vor Ausgrenzung macht vielen das Leben schwer. Teil 1 unserer Mini-Serie \u00ab40 Jahre AIDS\u00bb. Von Christiane Oelrich, dpa<\/h3>\n<p>Wenn Besuch im Haus ist, die Medikamente verstecken. Bei Kollegen wegen des regelm\u00e4ssigen Kontrollbesuchs bei der \u00c4rztin Ausreden erfinden. Auf dem Parkplatz vor der HIV-Klinik schauen, dass einen niemand sieht. Das ist das Leben von Anja, die 2014 erfuhr, dass sie HIV-positiv ist.<\/p>\n<p>\u00abEs ist wie ein Doppelleben\u00bb, sagt die 41-j\u00e4hrige der Deutschen Presse-Agentur. Vor genau 40 Jahren, am 5. Juni 1981, berichtete die<a href=\"https:\/\/www.cdc.gov\/mmwr\/preview\/mmwrhtml\/mm5021a1.htm#:~:text=Twenty%20years%20ago%2C%20on%20June,homosexuals%22%3B%20two%20had%20died.\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> US-Gesundheitsbeh\u00f6rde CDC<\/a> erstmals \u00fcber die mysteri\u00f6se neue Krankheit. London erh\u00e4lt nun das erste HIV- und AIDS-Memorial: an der Tottenham Court Road, wo einst Prinzessin Diana die erste HIV\/AIDS-Abteilung Grossbritanniens er\u00f6ffnete <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/london-erhaelt-erstes-hiv-und-aids-memorial\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>.<\/p>\n<figure id=\"attachment_111991\" aria-describedby=\"caption-attachment-111991\" style=\"width: 5568px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/40-Jahre-AIDS_69625118.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload wp-image-111991 size-full\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 5568 3712'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/40-Jahre-AIDS_69625118.jpg\" alt=\"AIDS\" width=\"5568\" height=\"3712\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-111991\" class=\"wp-caption-text\">Anja tr\u00e4gt seit vielen Jahren das HI-Virus in ihrem K\u00f6rper (Foto: Boris Roessler\/dpa)<\/figcaption><\/figure>\n<p>An der Diskriminierung, mit der viele Betroffene danach konfrontiert waren, hat sich zu wenig ge\u00e4ndert: Die Mutter von zwei kleinen Kindern aus Hessen nennt sich Anja. Nur ihr Mann, der ebenfalls HIV-positiv ist, weiss von ihrer Infektion. Sie m\u00f6chte anonym bleiben. Sie hat Angst vor Reaktionen, wie neulich im Krankenhaus, als sie mit einem Knochenbruch per Rettungswagen eingeliefert wurde und der Sanit\u00e4ter sie in der Notaufnahme, wo sie die Infektion angab, anschrie, was ihr einfalle, das h\u00e4tte sie sofort sagen m\u00fcssen. Muss sie nicht, weiss Anja. Wenn die HIV-Infektion gut behandelt wird, ist die Virenlast so tief, dass sie nicht mehr nachweisbar ist. So k\u00f6nnen HIV-Positive andere auch nicht anstecken.<\/p>\n<p>Nach einer neuen Umfrage der Deutschen Aidshilfe erlebt gut die H\u00e4lfte der HIV-Positiven immer noch Diskriminierung. Knapp 100 000 Menschen lebten Ende 2019 in Deutschland mit HIV\/Aids, knapp 11 000 davon wissen nach Sch\u00e4tzungen des Robert-Koch-Instituts davon nicht. Wenn eine HIV-Infektion nicht behandelt wird, schw\u00e4cht das Virus das Immunsystem so stark, dass lebensgef\u00e4hrliche Krankheiten auftreten. Man spricht dann von Aids (Erworbenes Immunschw\u00e4che-Syndrom).<\/p>\n<h3>Nach 14 Jahren Schweigen: Billy Porter outet sich als HIV-positiv. Erstmals spricht der US-Schauspieler \u00fcber die Scham und Schande, die er nach der Diagnose f\u00fchlte <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/nach-14-jahren-schweigen-billy-porter-outet-sich-als-hiv-positiv\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete).<\/a><\/h3>\n<p>\u00abMenschen, die mit HIV leben, sind jeden Tag mit diesem Problem konfrontiert: &#8218;Sag ich&#8217;s dem Arbeitgeber, den Freunden, verstecke ich die Medikamente vor den Kindern? Was, wenn ich jemand kennenlerne, soll ich es sofort sagen?&#8217;\u00bb sagt Annette Haberl von der Deutschen Aids-Gesellschaft. Auch im medizinischen Bereich gebe es nach wie vor Vorurteile. \u00abDie Suche nach einem Zahnarzt kann schwierig sein. Und es gibt immer die Angst vor Ablehnung, die die Menschen begleitet.\u00bb<\/p>\n<p>Anja denkt manchmal dar\u00fcber nach, offen \u00fcber ihre Infektion zu sprechen. \u00abAber wenn man behandelt wird, als ob man die Pest h\u00e4tte? Wenn die Kinder dann wie Auss\u00e4tzige behandelt werden? F\u00fcr einen der mit solchen \u00c4ngsten k\u00e4mpfen muss, ist das schwer\u00bb, sagt sie. \u00abMan ist psychisch so labil, dass das eine Zumutung w\u00e4re.\u00bb Trotz der guten Medikamente schwinge neben aller Angst ja auch noch immer die Sorge mit, dass die Krankheit ausbrechen k\u00f6nnte.<\/p>\n<blockquote><p>Wir k\u00f6nnten die Pandemie viel besser eind\u00e4mmen, als es der Fall ist.<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00abStigma und Diskriminierung sind eine der Ursachen daf\u00fcr, dass die HIV-Pandemie weltweit nach 40 Jahren noch nicht zuende ist\u00bb, sagt der Virologe und Aids-Forscher Hendrik Streeck, der sich zuletzt als Corona-Experte einen Namen gemacht hatte, der dpa. Er spricht von einem traurigen Meilenstein. \u00abWir k\u00f6nnten die Pandemie viel besser eind\u00e4mmen, als es der Fall ist.\u00bb In vielen L\u00e4ndern m\u00fcssten Menschen, die mit HIV infiziert sind oder ein erh\u00f6htes Ansteckungsrisiko haben, im Verborgenen leben.<\/p>\n<p>Viele liessen sich aus Angst und Sorge vor den Folgen nicht testen, oder es gebe kaum Testm\u00f6glichkeiten. \u00abSo gibt es derzeit noch zu viele Infizierte, die das Virus weitergeben k\u00f6nnen.\u00bb In Osteuropa und in L\u00e4ndern wie \u00c4gypten, S\u00fcdsudan und Pakistan oder in Westafrika steige die Zahl der Neuinfektionen weiterhin an. Besondere Risikofaktoren sind ungesch\u00fctzter Geschlechtsverkehr und das Teilen von Spritzbesteck beim Drogenkonsum.<\/p>\n<p><strong>Viele haben ihre Medikamente nicht mehr regelm\u00e4ssig bekommen<\/strong><br \/>\nDie Folgen der Corona-Pandemie auf die HIV-Infektionen seien noch nicht abzusehen, sagte Streeck. Vielerorts h\u00e4tten sich weniger Menschen testen lassen, und viele h\u00e4tten ihre Medikamente nicht mehr regelm\u00e4ssig bekommen. Das k\u00f6nne zu vielen Neuinfektionen f\u00fchren, und viele Menschen k\u00f6nnten ernsthaft erkranken.<\/p>\n<p>Wie kommt es, dass Impfstoff gegen das Coronavirus so schnell entwickelte wurde, gegen das HI-Virus aber in 40 Jahren nicht? Es gehe um verschiedene Virenarten, sagt der Virologe Josef Eberle vom Max von Pettenkofer-Institut f\u00fcr Hygiene und Medizinische Mikrobiologie in M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Das Coronavirus \u00e4ndere sich zudem relativ langsam, das HI-Virus dagegen sehr schnell. \u00abSchon in vier bis sechs Wochen entwickeln sich in einem einzigen HIV-Infizierten so viele Varianten wie beim Coronavirus weltweit nicht in einem ganzen Jahr\u00bb, sagt Eberle. Zum anderen k\u00f6nne man beim Coronavirus Antik\u00f6rper wie Sticker auf den Schl\u00fcssel des Virus f\u00fcr die Zelle \u00abkleben\u00bb, was das Eindringen verhindert. \u00abBei HIV sind die Oberfl\u00e4chenproteine auf den Viren dagegen gut versteckt\u00bb, sagt Eberle.<\/p>\n<p>Wenn HIV einmal im K\u00f6rper sei, bekomme man es nicht mehr raus \u2013 auch, wenn es mit Medikamenten gut unterdr\u00fcckt werden k\u00f6nne, erkl\u00e4rt der Experte. Der Bauplan des Virus bleibe in langlebigen Zellen. Das Coronavirus sei anders: \u00abEs muss sich st\u00e4ndig vermehren, sonst stirbt es aus.\u00bb<\/p>\n<p>Eberle zweifelt, ob es je HIV-Impfstoffe geben wird. Streeck ist zuversichtlicher. Es laufen einige HIV-Impfstoffstudien. \u00abNat\u00fcrlich ist die HIV-Pandemie besser einzud\u00e4mmen, wenn wir eine Heilung oder einen Impfstoff haben\u00bb, sagt Streeck. \u00abAber beides ist noch in weiter Ferne.\u00bb<\/p>\n<p>Anja w\u00fcnscht sich, dass mehr \u00fcber HIV berichtet und geredet wird, dass Menschen lernen, dass keine Gefahr von HIV-Positiven ausgeht. Im medizinischen Bereich m\u00fcsse besser geschult werden. Sie selbst empfand die Diagnose auch zuerst \u00abwie ein Todesurteil\u00bb. Sie hat ihren Mann verflucht, der sie angesteckt hatte. Auch sie selbst musste erst Vorurteile abbauen und lernen mit HIV zu leben. \u00abDie Kinder haben mir das Leben gerettet\u00bb, sagt sie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>40 Jahre #HIV &#038; #AIDS \u2013 Teil 1 unserer Mini-Serie: HIV-Positive leben weiter mit Angst und Stigma: Dies ist eine der Ursachen daf\u00fcr, dass die #Pandemie noch nicht zu Ende ist, sagt der Virologe Hendrik Streeck <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/40-jahre-aids-1-hiv-positive-leben-weiter-mit-angst-und-stigma\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1950,"featured_media":111989,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[25,2],"tags":[212,5467,919,5468,5461],"wps_subtitle":"Stigma und Diskriminierung sind eine der Ursachen daf\u00fcr, dass die Pandemie noch nicht zuende ist, sagt der Virologe Hendrik Streeck","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/111986"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1950"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=111986"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/111986\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/111989"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=111986"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=111986"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=111986"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}