{"id":110149,"date":"2021-05-07T19:41:01","date_gmt":"2021-05-07T17:41:01","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=110149"},"modified":"2022-10-04T15:42:50","modified_gmt":"2022-10-04T13:42:50","slug":"coming-out-hauptsache-du-bist-gluecklich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/coming-out-hauptsache-du-bist-gluecklich\/","title":{"rendered":"\u00abHauptsache, du bist gl\u00fccklich!\u00bb \u2013 Coming-out, und dann?"},"content":{"rendered":"<h3>Peter F\u00e4sslacher ist Moderator und Sendungsverantwortlicher bei ORF III und Stimme des Podcasts <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/2020\/02\/06\/podcast-schwul-schluss-mit-dem-schweigen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00abReden ist Gold\u00bb<\/a> \u00fcber die Liebe und das Leben mit Menschen der LGBTIQ-Community. In seinem Kommentar* untersucht er die g\u00e4ngige Floskel auf ein Coming-out.<\/h3>\n<p>Wenn es ein Ranking der besten Reaktionen auf<a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/ich-fuehle-mich-richtig-befreit-coming-out-2020\/\"> ein Coming-out<\/a> geben w\u00fcrde, w\u00e4re dieser Satz seit Jahren auf Platz 1. Immer wieder taucht er als positives Beispiel in Coming-out-Storys auf und wird als Ausdruck einer liberalen Grundhaltung gesehen. Er lautet: \u00abHauptsache, du bist gl\u00fccklich!\u00bb Im ersten Moment ist an diesem Satz auch nichts auszusetzen: Er strahlt jene bedingungslose Akzeptanz aus, nach der wir uns sehnen. Eigentlich perfekt. In Wirklichkeit ist der Satz aber an eine sehr raffinierte Bedingung gekn\u00fcpft: das Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>Formuliert man den Satz ganz aus, lautet er: \u00abEs ist in Ordnung, dass du schwul bist. Hauptsache, du bist gl\u00fccklich.\u00bb Erst im Umkehrschluss wird die versteckte Bedingung sichtbar: Und was passiert, wenn ich nicht gl\u00fccklich bin? Ist es dann nicht mehr in Ordnung, schwul zu sein?<\/p>\n<p>Das Streben nach Gl\u00fcck hat in unserer Welt einen so grossen Stellenwert bekommen, dass es gar nicht mehr hinterfragt wird, ob Gl\u00fcck tats\u00e4chlich das Einzige ist, wonach es sich zu streben lohnt. \u00dcbersetzt heisst der Satz also: Es ist in Ordnung, dass du schwul bist, wenn du <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/coming-out-macht-weisse-maenner-gluecklicher-nicht-aber-latinos\/\">stattdessen gl\u00fccklich bist<\/a>. Ein versteckter Tauschhandel, der sich als wertsch\u00e4tzende Reaktion verkleidet.<\/p>\n<p>Warum \u00fcbersieht und \u00fcberh\u00f6rt man diese unsichtbare Bedingung so leicht? Es k\u00f6nnte sein, dass dieser kurze Satz in schwulen M\u00e4nnern ein Muster aktiviert, das viele sehr gut kennen und deshalb schon gar nicht mehr bewusst wahrnehmen. Der Satz \u00abHauptsache, du bist gl\u00fccklich\u00bb ist im Grunde eine Aufforderung: Sei so, wie ich dich haben m\u00f6chte, dann liebe ich dich. Sei gl\u00fccklich. Erst wenn du gl\u00fccklich bist, dann werde ich dich lieben. Es ist eine Situation, wo es wichtig ist, etwas zu leisten, um geliebt zu werden. So zu sein, wie man ist, gen\u00fcgt nicht \u2013 man muss etwas tun, um geliebt zu werden. In diesem Fall: Gl\u00fccklichsein.<\/p>\n<p>Der Satz \u00abHauptsache, du bist gl\u00fccklich\u00bb hat eine magische Kraft: Er l\u00f6st das Gef\u00fchl grosser Erleichterung aus und l\u00e4sst uns im Schatten dieser Erleichterung jene Nuancen \u00fcberh\u00f6ren, die der Satz brauchen w\u00fcrde, um nicht nur bedingungslos zu klingen, sondern auch bedingungslos zu sein. Ist die Sehnsucht, von den anderen angenommen zu werden, so gross, dass wir alles, was keine eindeutige Zur\u00fcckweisung ist, automatisch als bedingungslose Akzeptanz wahrnehmen? Auch, wenn wir sp\u00fcren, dass sie es nicht ist? Weil wir unbewusst glauben, dass es vielleicht doch einen Preis hat, nicht zur\u00fcckgewiesen zu werden? Nehmen wir es in Kauf, dass uns die anderen doch nicht zu 100 Prozent akzeptieren, weil wir dankbar sind, nicht zur\u00fcckgewiesen worden zu sein? Weil wir unbewusst glauben, dass wir es in Wirklichkeit doch nicht wert sind, allumfassend geliebt zu werden?<\/p>\n<blockquote><p>Wie kann es gelingen, mit einer heterosexuellen Sprache eine homosexuelle Lebensrealit\u00e4t zu kommentieren?<\/p><\/blockquote>\n<p>Nat\u00fcrlich ist der Satz \u00abHauptsache, du bist gl\u00fccklich\u00bb von sehr vielen Menschen liebevoll und bedingungslos gemeint. Wenn nicht sogar von der Mehrheit. Er zeigt aber eine grosse Schw\u00e4che der Sprache auf: Wie kann es gelingen, mit einer heterosexuellen Sprache eine homosexuelle Lebensrealit\u00e4t zu kommentieren? Und zwar auf Augenh\u00f6he und ohne unsichtbare Abwertungen. Gibt uns die Sprache \u00fcberhaupt die richtigen Mittel in die Hand, um das alles umzusetzen und zu leben?<\/p>\n<p>So etwas wie eine \u00abrichtige Reaktion\u00bb auf ein Coming-out gibt es \u00fcbrigens gar nicht. Die einzig g\u00fcltige Masseinheit f\u00fcr die richtige Reaktion ist das Empfinden des Einzelnen. Entscheidend ist mein Gef\u00fchl. Es ist nicht nur die Frage: H\u00f6rt sich die Reaktion der anderen passend an? Sondern auch: F\u00fchlt sie sich passend an? Habe ich das Gef\u00fchl, dass die Reaktion richtig und bedingungslos war? Ja? Dann war sie es auch. Und zwar auch dann, wenn die Reaktion lautet: \u00abHauptsache, du bist gl\u00fccklich!\u00bb<\/p>\n<p><em>*Jeden Samstag ver\u00f6ffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar oder eine Glosse zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsl\u00e4ufig die Meinung der Redaktion wider.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(MANNSCHAFT+) Die Floskel \u00abHauptsache, du bist gl\u00fccklich\u00bb nach einem #Comingout ist nicht ganz unproblematisch, schreibt Peter F\u00e4sslacher in seinem Kommentar. <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/coming-out-hauptsache-du-bist-gluecklich\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1793,"featured_media":110162,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3270],"tags":[5438,5442,5493],"wps_subtitle":"Warum diese h\u00e4ufige Reaktion nicht immer nur positiv gedeutet werden kann","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/110149"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1793"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=110149"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/110149\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":150738,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/110149\/revisions\/150738"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/110162"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=110149"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=110149"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=110149"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}