{"id":107851,"date":"2021-04-11T10:21:55","date_gmt":"2021-04-11T08:21:55","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=107851"},"modified":"2021-04-12T09:09:58","modified_gmt":"2021-04-12T07:09:58","slug":"woodkid-ich-wusste-nicht-ob-ich-noch-etwas-zu-sagen-habe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/woodkid-ich-wusste-nicht-ob-ich-noch-etwas-zu-sagen-habe\/","title":{"rendered":"\u00abIch wusste nicht, ob ich noch etwas zu sagen habe\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Woodkid ist zur\u00fcck. Wir sprachen im Herbst mit dem Franzosen \u00fcber Musik als Werkzeug, Homonegativit\u00e4t und den Reiz der Vielschichtigkeit.<\/h3>\n<p><strong>Woodkid, wo bist du und wie ist die Lage dort?<\/strong><br \/>\nDraussen ist es sonnig. Ich bin in Paris, in meinem Studio. Die Zahl der Neuinfektionen nimmt wieder zu. Auch auf den Strassen m\u00fcssen wir deshalb Masken tragen. Konzerte gibt es keine mehr. Ein stetes Auf und Ab. Aber irgendwie lernen wir langsam, damit zu leben. Gerade wurde ein Ranking ver\u00f6ffentlicht, das sich mit den \u00abnutzlosesten\u00bb Jobs in der Krise besch\u00e4ftigt. K\u00fcnstler zu sein, belegte den ersten Platz.<\/p>\n<p><strong>Hoffentlich f\u00fchlst du dich nicht nutzlos, denn das bist du keineswegs! Welchen Stellenwert hat Musik f\u00fcr dich pers\u00f6nlich?<\/strong><br \/>\nAls Kind hatte ich einen kleinen CD-Player neben meinem Bett stehen, der Soundtracks von Filmen abspielte, die ich nicht einmal gesehen hatte. W\u00e4hrend ich zuh\u00f6rte, kreierte ich meine eigenen Bilder im Kopf. Mit geschlossenen Augen. Meiner Meinung nach beschreibt das recht gut, wie ich Musik konsumiere.<\/p>\n<p><strong>Neben der Tatsache, dass du Songs schreibst, scheinst du auch grossen Wert auf die visuellen Aspekte deiner Arbeit zu legen.<\/strong><br \/>\nSo simpel es auch klingen mag, aber ich bin nun mal Regisseur. Seit \u00fcber zehn Jahren. Das ist meine Natur. Ich habe das nie als Obsession verstanden, sondern vielmehr als Job. Auch wenn eine gewisse Leidenschaft nat\u00fcrlich damit einhergeht. Es kommt eben darauf an, ob ich etwas f\u00fcr mich selbst realisiere oder f\u00fcr eine*n andere*n K\u00fcnstler*in. Dann muss man die eigenen Vorstellungen beiseitetun und das machen, was von einem erwartet wird.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"2xgi8dfrgv\"><p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/wie-queer-ist-taylor-swift\/\">Wie queer ist \u2026 Taylor Swift?<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; clip: rect(1px, 1px, 1px, 1px);\" title=\"&#8222;Wie queer ist \u2026 Taylor Swift?&#8220; &#8212; Mannschaft\" src=\"https:\/\/mannschaft.com\/wie-queer-ist-taylor-swift\/embed\/#?secret=2xgi8dfrgv\" data-secret=\"2xgi8dfrgv\" width=\"600\" height=\"338\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n<p><strong>Du hast k\u00fcrzlich die LP \u00abS16\u00bb auf den Markt gebracht. Warum hat es nach deinem Deb\u00fct sieben Jahre daf\u00fcr gebraucht?<\/strong><br \/>\nIch habe gar keine wirkliche Antwort darauf. Jetzt war eben der richtige Zeitpunkt. Ausserdem ging es mir eine Weile ziemlich schlecht. Nach meiner ersten Welttournee begann ich, meine Identit\u00e4t als K\u00fcnstler zu hinterfragen. Damals wusste ich nicht, ob ich noch einmal etwas zu sagen haben w\u00fcrde. Ich kollaborierte viel mit anderen und durfte von ihnen lernen. Das half mir, Abstand zu gewinnen. Mir ging es darum, etwas Kreatives zu erschaffen, wenn es so weit ist, und nicht darum, mich auf subjektive Selbstkritik zu versteifen. Statt mich also auf mein Zerbrochensein zu st\u00fcrzen, erwachte eine ungeahnte Inspiration und Neugier in mir.<\/p>\n<p><strong>Versp\u00fcrtest du in irgendeiner Weise Druck bez\u00fcglich dieses zweiten Albums?<\/strong><br \/>\nOffiziell m\u00fcsste ich jetzt nein sagen. In Wahrheit machte ich mir aber in die Hosen vor Angst. Diese Platte bedeutet mir unglaublich viel. Ich enth\u00fclle sehr intime Dinge und hoffe, dass die H\u00f6rer*innen eine Bindung mit den Songs eingehen k\u00f6nnen. Das Gegenteil w\u00e4re schmerzhaft.<\/p>\n<p><strong>Das bisherige Feedback scheint recht positiv.<\/strong><br \/>\nJa. Aus zwei Gr\u00fcnden macht mich das gl\u00fccklich. Zum einen, weil die Musik den Leuten gef\u00e4llt. Zum anderen aber auch, weil es zeigt, dass man sich durchaus Zeit und Ruhe f\u00fcr etwas nehmen darf. Oft hat man den Eindruck, es z\u00e4hle nur noch schneller, gr\u00f6sser, weiter in unserer Gesellschaft. Die Streamingportale haben ihren Teil dazu beigetragen. Allerdings wird man so weder der k\u00fcnstlerischen Komplexit\u00e4t noch der dahinterstehenden psychischen Gesundheit des Individuums gerecht. Schade.<\/p>\n<p><strong>Mit welchen Ideen hast du dich der Arbeit an \u00abS16\u00bb gen\u00e4hert?<\/strong><br \/>\nGrundgedanke war, sich mit der Toxizit\u00e4t von St\u00e4dten auseinanderzusetzen. Das mag eventuell seltsam klingen, doch das war der Anker f\u00fcr dieses Projekt. Ich wollte eine Industrial-Platte aufnehmen. Nur was bedeutet das \u00fcberhaupt? Kann man noch Musik wie in den Achtzigern machen, in denen das Genre seinen Ursprung fand? Die Welt hat sich seitdem ver\u00e4ndert. Mir ging es nicht nur um die Verwendung metallener Kl\u00e4nge. Vielmehr interessierte es mich, \u00fcber politische Systeme zu sprechen. \u00dcber Industrie und Technologie. All das wirkt utopisch und dystopisch zugleich. Am Ende sind diese Themen dann aber trotzdem nur eine Maskerade, hinter der sich die Auseinandersetzung mit menschlichen Beziehungen verbirgt. Metaphern, die das Offensichtliche nutzen, um \u00fcber das Verborgene zu philosophieren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_107853\" aria-describedby=\"caption-attachment-107853\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-107853\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 900 600'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/woodkid-2.jpg\" alt=\"woodkid\" width=\"900\" height=\"600\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/woodkid-2.jpg 900w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/woodkid-2-300x200.jpg 300w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/woodkid-2-425x283.jpg 425w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/woodkid-2-768x512.jpg 768w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/woodkid-2-180x120.jpg 180w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/woodkid-2-561x374.jpg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/woodkid-2-364x243.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/woodkid-2-728x485.jpg 728w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/woodkid-2-608x405.jpg 608w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/woodkid-2-758x505.jpg 758w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/woodkid-2-72x48.jpg 72w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/woodkid-2-144x96.jpg 144w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/woodkid-2-400x267.jpg 400w\" data-sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-107853\" class=\"wp-caption-text\">Bild: Yoann Lemoine<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>K\u00f6nnen menschliche Beziehungen denn ebenfalls toxisch sein?<\/strong><br \/>\nAber sowas von!<\/p>\n<p><strong>Und wie steht es um dein Zuhause? Hast du manchmal das Gef\u00fchl, der Stadt entfliehen zu m\u00fcssen, weil sie dich und deinen Geist vergiftet?<\/strong><br \/>\nIch liebe Paris von Herzen. Da ich als Musiker viel reise, mag ich es, zur\u00fcckkommen zu d\u00fcrfen. Egal wie schwer es auch ist, hier zu leben, irgendwie bleibt die Stadt \u00fcbersichtlich. Das gef\u00e4llt mir. Man kann die meisten Ziele sogar zu Fuss erreichen.<\/p>\n<p><strong>\u00abS16\u00bb \u2013 bei dem Titel deines neuen Albums scheint es sich um ein chemisches Symbol zu handeln. Ist das richtig?<\/strong><br \/>\nNun wird es nerdig. Das S steht f\u00fcr das Element Schwefel, 16 f\u00fcr dessen Ordnungszahl im Periodensystem. Ich befasste mich schon fr\u00fch mit Schwefel als Analogie f\u00fcr Toxizit\u00e4t. Je mehr ich dann in Erfahrung brachte, desto klarer wurde mir, dass dieser Stoff alle Konzepte enth\u00e4lt, \u00fcber die ich reden wollte. Seine ambivalente Rolle in der Medizin und Landwirtschaft faszinierten mich ebenso wie seine Verbindung zu Feuer und saurem Regen. In der Alchemie steht der Schwefel f\u00fcr den Teufel. Man findet ihn an vielen Orten, die ein \u00dcberleben kaum zulassen. Vulkane oder Minen. Ein vielschichtiges Element, das Anziehung und Abstossung hervorruft. Auf \u00abS16\u00bb geht es genau darum. Um die menschliche Faszination f\u00fcr Dinge, die wir gern vorschnell als b\u00f6se deklarieren.<\/p>\n<blockquote><p>Fr\u00fcher h\u00e4tte ich behauptet, dass es mich nicht definiert, schwul zu sein. Was jedoch kompletter Schwachsinn ist.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Du hast eine Regenbogenflagge in die Beschreibung deines Instagram-Profils gesetzt. Warum?<\/strong><br \/>\nMich inspirieren Pers\u00f6nlichkeiten, die hart daf\u00fcr arbeiten, Grenzen und Vorurteile gegen\u00fcber Geschlechtern und Sexualit\u00e4t abzubauen. Mein erstes Album, \u00abThe Golden Age\u00bb, war eine Liebeserkl\u00e4rung an M\u00e4nner. Es war der erste Schritt, mehr mit mir selbst in Verbindung zu treten, laut zu sagen, wer ich bin, und stolz darauf zu sein. Aber es liegt noch ein weiter Weg vor mir. Bisher habe ich nicht vollkommen verstanden, was Stolz wirklich heisst. Als \u00abThe Golden Age\u00bb erschien, sprach ich \u00f6ffentlich kaum \u00fcber meine Homosexualit\u00e4t, da ich nicht zum Objekt gemacht werden wollte. In Interviews umging ich zudem jegliche Tiefgr\u00fcndigkeit. Heute ist mir klar, dass das ein Zeichen f\u00fcr meine internalisierte Homonegativit\u00e4t war. Und das sage ich mit einer gewissen Emotionalit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>Vermutlich geht es vielen \u00e4hnlich.<\/strong><br \/>\nFr\u00fcher h\u00e4tte ich behauptet, dass es mich nicht definiert, schwul zu sein. Was jedoch kompletter Schwachsinn ist, da diese Tatsache einen starken Einfluss darauf hat, wer ich bin, wer meine Freunde sind, wo ich gern feiern gehe, welche Musik ich mag und sogar, was ich am liebsten esse. Es ging eben nur lange, bis ich mir der Sch\u00f6nheit dessen bewusst werden und annehmen konnte. Jetzt bin ich kritischer und hinterfrage meine Ansichten st\u00e4rker. Genauso wie gesellschaftliche Konstrukte, Maskulinit\u00e4t oder die Geschlechterzuordnung. Ich habe viel an mir gearbeitet \u2013 auch wenn es weiterhin Dinge gibt, die unbereinigt sind. Als offen schwuler K\u00fcnstler m\u00f6chte ich mich entschuldigen, falls ich meiner Verantwortung nicht immer nachgekommen bin oder falsche Dinge gesagt habe. Ich stecke viel Hoffnung in die j\u00fcngeren Generationen. Wenn man sich mit ihnen unterh\u00e4lt, merkt man, wie anders sie vieles sehen. F\u00fcr mich ist das ein Zeichen des Durchbruchs. Zumindest will ich daran glauben.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/open.spotify.com\/embed\/album\/70CSmAPltPQxbGksAEZlgQ\" width=\"300\" height=\"380\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/p>\n<h3 class=\"lavendeltitel\">\u00abS16\u00bb<\/h3>\n<p class=\"lavendel\">Woodkid entfesselt auf \u00abS16\u00bb eine Kraft, die ihresgleichen sucht. Schallende Trommeln sowie blecherne Synthesizer dominieren die Soundkulisse, werden gleichzeitig aber durch den fragilen Falsettgesang des Franzosen kontrastriert. Mit dieser Mischung aus Opulenz und Reduktion stellt Woodkid selbst das Erbe seines gefeierten Deb\u00fcts \u00abThe Golden Age\u00bb (2013) in den Schatten.<br \/>\nErschienen am 16.10.2020, (Island\/Universal Music)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>#Woodkid \u00fcber Musik als Werkzeug, #Homonegativit\u00e4t und den Reiz der Vielschichtigkeit. Und nat\u00fcrlich \u00fcber sein neues Album #S16. 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