{"id":100153,"date":"2020-12-22T09:23:29","date_gmt":"2020-12-22T08:23:29","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=100153"},"modified":"2020-12-22T12:53:56","modified_gmt":"2020-12-22T11:53:56","slug":"posthum-veroeffentlicht-simone-de-beauvoir-und-die-lesbische-liebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/posthum-veroeffentlicht-simone-de-beauvoir-und-die-lesbische-liebe\/","title":{"rendered":"Posthum ver\u00f6ffentlicht: Simone de Beauvoir und die lesbische Liebe"},"content":{"rendered":"<h3>Simone de Beauvoir wollte den Roman zu Lebzeiten nicht publizieren, weil sie ihn f\u00fcr zu pers\u00f6nlich hielt. 66 Jahre sp\u00e4ter ist jetzt das Werk \u00abLes ins\u00e9parables\u00bb der Intellektuellen und Feministin erschienen. Von Sabine Glaubitz, dpa<\/h3>\n<p>Die Beziehung zwischen Sylvie und Andr\u00e9e dauerte \u00fcber zehn Jahre, bevor sie mit dem tragischen Tod von Andr\u00e9e im Alter von knapp 22 Jahren ein abruptes Ende nahm. \u00abLes ins\u00e9parables\u00bb heisst der in Frankreich posthum erschienene Roman von Simone de Beauvoir (1908-1986), den sie zeitlebens nie ver\u00f6ffentlichen wollte. Weil er eine zu pers\u00f6nliche, intime Geschichte erz\u00e4hlt? 66 Jahre sp\u00e4ter hat ihn nun Sylvie Le Bon de Beauvoir publiziert, die Adoptivtochter der Schriftstellerin und Philosophin, die mit \u00abDas andere Geschlecht\u00bb (im Original: Le deuxi\u00e8me sexe) Frankreichs bekannteste Feministin und Intellektuelle wurde. Auf Deutsch wird der Roman, der in Frankreich im Verlag L&#8217;Herne erschienen ist, im kommenden Jahr von Rowohlt herausgebracht.<\/p>\n<p>Die St\u00e4rke des 1954 verfassten autobiografischen Werks \u00abLes ins\u00e9parables\u00bb (etwa: Die Untrennbaren) liegt in der Zweideutigkeit der Gef\u00fchle, die die Erz\u00e4hlerin Sylvie Lepage, das Alter Ego der Schriftstellerin, f\u00fcr Andr\u00e9e Gallard hegt, den Avatar von Elisabeth Lacoin. Sie lernen sich im Alter von 9 und 10 Jahren kennen, sind Klassenkameradinnen und werden zusammen erwachsen. Sie kennen keine Tabus. Religion, Politik, Literatur und Jungs \u2013 kein Thema bleibt bei ihren Diskussionen auf der Strecke.<\/p>\n<p>Das einzige zweideutige Sujet ist ihre Beziehung. Sylvie liebt Andr\u00e9e, die j\u00fcngste der T\u00f6chter einer gut b\u00fcrgerlichen, streng katholischen Familie. \u00abOhne sie zu leben, bedeutet nicht mehr zu leben\u00bb, schreibt Beauvoir. Andr\u00e9e ist brillant und lustig. Sylvie denkt nur an sie \u2013 und wird es ihr gestehen. Doch Andr\u00e9e liebt das andere Geschlecht.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"GBQ5SXEL4c\"><p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/achtung-kuessende-lesben-auf-der-fahrbahn\/\">Achtung, k\u00fcssende Lesben auf der Fahrbahn!<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; clip: rect(1px, 1px, 1px, 1px);\" title=\"&#8222;Achtung, k\u00fcssende Lesben auf der Fahrbahn!&#8220; &#8212; Mannschaft Magazin\" src=\"https:\/\/mannschaft.com\/achtung-kuessende-lesben-auf-der-fahrbahn\/embed\/#?secret=GBQ5SXEL4c\" data-secret=\"GBQ5SXEL4c\" width=\"600\" height=\"338\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n<p>Der pl\u00f6tzliche Tod ihrer Jugendfreundin Elisabeth Lacoin, auch Zaza genannt, hat Beauvoir f\u00fcr immer gepr\u00e4gt. Sie hat die junge Frau in mehreren ihrer B\u00fccher erw\u00e4hnt, darunter in \u00abMemoiren einer Tochter aus gutem Haus\u00bb. Zaza ist an der Fr\u00f6mmigkeit und dem konservativ-b\u00fcrgerlichen Milieu ihrer Familie zerbrochen und am 25. November 1929 gestorben &#8211; einen Monat vor ihrem 22. Geburtstag.<\/p>\n<p>Das gleiche braune, quadratisch geschnittene Haar, die gleichen langen weissen Kleider: Von ihren Lehrern werden sie die Untrennbaren genannt. Auf 170 Seiten bringt die feministische Theoretikerin ihre Bewunderung und Liebe f\u00fcr die Protagonistin zum Ausdruck &#8211; ohne Ankl\u00e4nge von K\u00f6rperlichkeit und sexuellem Inhalt. \u00dcber ihre Frauenliebe und Bisexualit\u00e4t hatte die Intellektuelle zu Lebzeiten nie offen geredet. \u00d6ffentlich bekannt wurde beides erst durch posthum ver\u00f6ffentlichte Briefe und Tageb\u00fccher.<\/p>\n<p>Beauvoir hat \u00fcber 20 000 Briefe geschrieben, ein Grossteil befindet sich heute im Besitz ihrer Adoptivtochter, die sie Anfang der 60er Jahre kennengelernt hatte. Sie war ihre Philosophiesch\u00fclerin an der Pariser Sorbonne. Nach dem Tod von Beauvoir am 14. April 1986 hat sie entschieden, die in einem Wandschrank verborgenen Dokumente zu publizieren.<\/p>\n<p>Sie h\u00e4tte \u00fcber Sexualit\u00e4t nicht alles gesagt, r\u00e4umte Beauvoir auch gegen\u00fcber Alice Schwarzer ein. Sie w\u00e4re ehrlicher gewesen, zitierte die deutsche Feministin aus dem Gespr\u00e4ch mit Beauvoir weiter, \u00fcber das sie Jahre sp\u00e4ter in einem 1994 in der Zeitschrift <a href=\"https:\/\/www.emma.de\/artikel\/simone-de-beauvoir-beauvoir-und-die-frauen-263494\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Emma<\/em><\/a>\u00a0erschienenen Artikel schrieb. Die Begegnung der beiden fand kurz vor dem Tod Beauvoirs statt.<\/p>\n<p>Warum hat Beauvoir zu Lebzeiten \u00fcber ihre sexuelle Neigung geschwiegen? Warum hatte sie \u00abLes ins\u00e9parables\u00bb nie ver\u00f6ffentlicht? Hatte sie Angst vor weiterer Kritik nach der Ver\u00f6ffentlichung von \u00abDas andere Geschlecht\u00bb? Das Werk \u00fcber die Unterdr\u00fcckung der Frau in einer von M\u00e4nnern dominierten Welt schlug wie eine Bombe ein. F\u00fcr die katholische Kirche war das 1949 erschienene Buch ein Produkt dekadenter, unmoralischer, pornografischer und b\u00fcrgerlicher Literatur. Beauvoir bef\u00fcrwortete Geburtenkontrolle und Abtreibung.<\/p>\n<p><strong>\u00dcber 40 Prozent der Franz\u00f6s*innen hielten Homosexualit\u00e4t f\u00fcr Krankheit<\/strong><br \/>\nEin ganzes Kapitel widmet die Pariserin darin auch der \u00abLesbierin\u00bb, deren sexuelle Wahl sie als situiert bezeichnete. Das Werk kam auf die Liste der verbotenen B\u00fccher der katholischen Kirche. Und f\u00fcr die Kommunisten und einen Teil der franz\u00f6sischen Intellektuellen war der Feind nicht der Mann, sondern der Kapitalismus. Bis Mitte der 70er Jahre betrachteten \u00fcber 40 Prozent der Franz\u00f6s*innen Homosexualit\u00e4t als Krankheit. (Dort er\u00f6ffnete die Staatssekret\u00e4rin die Gleichstellung k\u00fcrzlich den Kampf gegen Homophobie \u2013 <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/40-punkte-plan-frankreich-sagt-homophobie-den-kampf-an\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">MANNSCHAFT berichtete)<\/a>.<\/p>\n<figure id=\"attachment_100155\" aria-describedby=\"caption-attachment-100155\" style=\"width: 659px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Simone_de_Beauvoir_p_67782928.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload wp-image-100155 size-full\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 659 954'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Simone_de_Beauvoir_p_67782928-e1608637903894.jpg\" alt=\"\" width=\"659\" height=\"954\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-100155\" class=\"wp-caption-text\">Das Cover der franz\u00f6sischen Ausgabe des Romans \u00abLes inseparables\u00bb der Autorin Simone de Beauvoir (undatierte Aufnahme)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Eine Antwort auf die Fragen wird es wohl nicht geben. Auch nicht darauf, ob es eine Simone de Beauvoir ohne Zaza gegeben h\u00e4tte, wie sich die spanische Zeitung <em>El Pa\u00eds<\/em>\u00a0fragt. Sicher hingegen ist, dass ihre Beziehung nachhaltigen Einfluss auf die Schriftstellerin und ihren Kampf gegen Unterdr\u00fcckung hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Simone de Beauvoir wollte den Roman zu Lebzeiten nicht publizieren, weil sie ihn f\u00fcr zu pers\u00f6nlich hielt. 66 Jahre sp\u00e4ter ist das Werk \u00abLes ins\u00e9parables\u00bb der Feministin nun erschienen.  <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/posthum-veroeffentlicht-simone-de-beauvoir-und-die-lesbische-liebe\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1950,"featured_media":100154,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4382],"tags":[754,5478],"wps_subtitle":"\u00dcber ihre Frauenliebe und Bisexualit\u00e4t hatte die Intellektuelle zu Lebzeiten nie offen geredet","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/100153"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1950"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=100153"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/100153\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100154"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=100153"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=100153"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=100153"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}