
Sexualität und wollte nichts vom Schwulsein wissen. (Bild: Torviall Jashari)
Der Anführer eines House wird als «Mother of the House» oder «Father of the House» bezeichnet, die anderen Mitglieder gelten als «Children». Viele schwule Männer, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung von ihren leiblichen Familien verstossen wurden, fanden mit ihrem House eine Ersatzfamilie. Es ist daher keine Seltenheit, dass Mitglieder den Namen ihres Houses als Nachnamen annehmen und eine Namensänderung beantragen, wie zum Beispiel Jose Gutierez Xtravaganza aus dem «House of Xtravaganza». Er war einer von Madonnas ursprünglichen «Vogue»-Tänzern und begleitete sie 1990 auf ihrer Welttournee «Blond Ambition Tour».
Luca gehört noch keinem House an. «Ich bin noch 007», sagt er und lacht. 007 ist ein weiterer Begriff aus der Voguing-Szene, der Tänzerinnen und Tänzer ohne House-Zugehörigkeit bezeichnet.
«Mein Ziel ist es, in den USA oder in der Schweiz ein eigenes House zu gründen.»
Letzteres wäre eine besondere Herausforderung, denn noch existiert keine grosse Voguing-Kultur in der Schweiz, doch das Interesse ist laut Luca vorhanden. Als Vorbild nennt er Deutschland, vor allem in Berlin und Düsseldorf sei eine lebhafte Voguing-Szene entstanden.
Jedes House steht für eine bestimmte Philosophie, wie zum Beispiel auch jede Firma eine Unternehmenskultur pflegt. Doch ein House zu führen oder einem anzugehören, ist mit Pflichten verbunden: «Grundsätze müssen befolgt werden. Zum Beispiel, was wir repräsentieren und an welchen Balls wir teilnehmen wollen. Man darf nicht in zwei Houses sein, deswegen will ich mich noch nicht einschränken.»
«Voguing gibt mir die Gewissheit, im Leben alles richtig zu machen.»
Von «Old Way» zu «New Way»
Voguing ist eine sehr evolutionäre Tanzform, die sich ständig weiterentwickelt. Die heutige Generation von Vogue-Tänzern bewegt sich anders als ihre «Mothers of the House» oder «Fathers of the House» zu Madonnas Zeiten.
So war es die Entwicklung von neuen Stilen, die dem Voguing in den letzten Jahren zu neuer Popularität verhalf. Als «Old Way» wird der Stil bezeichnet, der sich von den Fotomodels und den ägyptischen Hieroglyphen inspirieren liess und in Madonnas Musikvideo «Vogue» zu sehen ist. «Die Bewegungen sind vollkommen linear, es geht nur um die Kamera», sagt Luca. «Man muss sich so in Pose werfen, dass die Kamera aus jedem Winkel ein gutes Bild machen kann.»
Als «New Way» gelten extreme Verrenkungen von Armen, Handgelenken, Kopf und Beinen, die jeweils mit grosser Flexibilität ausgeführt werden. «Man spielt dem Publikum eine Illusion vor, indem man etwa das Verschwinden einer Hand vortäuscht, in einen Spagat fällt oder das Bein zum Kopf bringt», sagt Luca, der sich vor allem auf «New Way» und «Vogue Femme», einem dritten Stil des Voguing, konzentriert. Letzterer beruht auf klassisch femininen Bewegungen, die bewusst übertrieben ausgeführt werden.
An einem Vogue Ball werden die unterschiedlichen Stile als Kategorien ausgeschrieben, in denen sich die Tänzerinnen und Tänzer messen können. «Runway», ein weiterer Stil im Voguing, konzentriert sich ganz auf die Bewegung des Laufens und basiert auf dem Gang der Models auf dem Laufsteg. Diese Kategorie wird an einem Ball oft mit zusätzlichen Auflagen belegt, etwa dem Tragen einer Farbe oder eines Outfits aus einer bestimmten Ära.

Vogue Balls sind das Herzstück des Voguings und von diesem nicht wegzudenken. Indem sich Tänzerinnen und Tänzer gegenseitig herausfordern und Bewegungen individualisieren und weiterentwickeln, tragen sie zum steten Wandel der Tanzform bei. Was heute als «New Way» gilt, wird in zwanzig Jahren womöglich schon als «Old Way» bezeichnet werden. Selbst das heutige «Old Way» war 1990 eine Weiterentwicklung aus der «Ballroom»-Kultur, deren Anfänge im New Yorker Stadtteil Harlem bis in die Dreissigerjahre reichen.
«Voguing ist meine Religion»
Luca tanzt und unterrichtet auch andere Tanzformen, etwa Dancehall oder Hip-Hop. Doch die Freiheit und die Möglichkeit, sich in einem geschützten Raum vollständig zum Ausdruck zu bringen, findet er nur im Voguing. «Seitdem ich vogue, bin ich viel selbstbewusster und unabhängiger von einschränkenden Systemen und Negativität. Voguing gibt mir Halt und die Gewissheit, im Leben alles richtig zu machen. Es ist mehr als nur ein Tanz. Für mich ist es wie eine Religion, mein Glaube.»
In der New Yorker Tanzszene hat Luca mittlerweile Fuss gefasst. Hier möchte er, wenn möglich, länger bleiben und Tanz unterrichten. Vielleicht einmal auf Tournee gehen mit einem Popstar. «Die Möglichkeiten, die ich hier habe, sind vielversprechender als in der Schweiz.»
Auch in der Voguing-Szene hat sich Luca mittlerweile eingelebt. Der Einstieg ist nicht immer einfach, obwohl Offenheit und Akzeptanz zu den Grundsätzen der Tanzform zählen.
«Es kann schon ein bisschen ‹shady› sein», sagt Luca. «Du musst zeigen, was du kannst, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Dann wirst du respektiert.»
«You fake it to make it» eben.

