MANNSCHAFT-Leser Carmelo Pesenti war mit einer Frau verheiratet und ungeoutet, als er von einem Arbeitskollegen erpresst wurde. Heute ist er ihm dankbar.
Mannschaft geht neu zu unseren Lesern nach Hause. Diesen Monat wird Leser Carmelo Pesenti aus Bern vorgestellt. Im Interview erzählt der 49-jährige Vater zweier Kinder von seiner Passion als Bauchredner, warum er seine Schwiegereltern noch nicht kennengelernt hat und was denn der Unterschied zwischen einer Homo- und einer Heteroehe ist.
Carmelo, du warst mit einer Frau verheiratet warst und hast zwei Kinder. Hast du vorher deine Homosexualität nicht wahrgenommen oder einfach verdrängt?
Ich war immer schwul, mein Leben lang. Man wird ja nicht auf einmal schwul. Ich bin überzeugt davon, dass jeder schwule Mann als solcher geboren wird. Am Anfang hatte ich nur Kontakte zu Männern. Jedoch war eine gewisse Bisexualität da. Zudem ist mein Vater Italiener, und für ihn war nur das Thema, wann ich einen Sohn auf die Welt stellen werde, der unseren Familiennamen weiterführen wird. Er überlegte sich nie, dass ich schwul sein könnte.
Dann lernte ich meine Ex-Frau kennen. Ich habe sie geliebt, die Hochzeit war aus Liebe und nicht ein Alibi. Wir waren 20 Jahre ein Paar und haben zwei Kinder. Wie es aber so passiert, fehlte mir mit der Zeit das Andere. Gegen Ende unserer Beziehung hatte ich mein Coming-out, mein unfreiwilliges Coming-out.
Unfreiwillig?
Ja, unfreiwillig. Ich hatte eine Affäre mit einem Arbeitskollegen. Auf einmal bekam ich von einem anderen Arbeitskollegen Mails und hatte im Geschäftsbriefkasten einen Brief mit der Nachricht, was wohl mein Arbeitgeber und meine Frau davon hielten, dass ich schwul sei. Damals hätte ich diesen Typen am liebsten an die Wand genagelt. Heute bin ich ihm aber eher dankbar. Jetzt kann ich sein, wer ich bin, und kann so leben, wie ich will.
Was ist anders mit einer Frau als mit einem Mann?
Die Problematik ist genau dieselbe. Wir haben den gleichen Streit, die gleichen Probleme. Mit meiner Frau konnte ich händchenhaltend durch die Stadt gehen. Klar kann ich dies mit meinem Mann jetzt auch machen, aber es ist halt doch noch nicht ganz akzeptiert. Und was ich nicht möchte ist, Leute zu brüskieren.

Wie alt sind deine Kinder und wie gehen sie mit der Situation um?
Mein Sohn ist 19 und meine Tochter 14 Jahre alt. Als ich meinen damaligen Freund kennen gelernt habe, schlug mir meine Ex-Frau vor, es den Kindern zu sagen. Sie übernahm dies für mich und hat zuerst mit unserem Sohn gesprochen. Unsere Kinder hatten und haben glücklicherweise absolut kein Problem mit der Situation. Mein Sohn wurde eine zeitlang in der Schule von Kollegen gehänselt. Das ist aber das einzig negative Erlebnis. Wir haben ein sehr lockeres Verhältnis zu einander, er kennt auch all meine schwulen Freunden und nimmt uns gerne auch ab und zu auf die Schippe.
Wie hast du deinen heutigen Partner kennengelernt?
Er war zu Besuch bei einem Kollegen in Bern. Danach gingen wir zusammen essen und es funkte bald. Es war eigentlich nie geplant, einen Partner aus Brasilien zu haben. Aber ich war offen und es passierte halt. Nach drei Monaten kehrte er wieder zurück nach Brasilien, weil er ausreisen musste. Ich ging zu ihm nach Brasilien und lernte seine Heimat kennen. Letzten März kehrte er wieder in die Schweiz zurück und im August haben wir geheiratet. Er ist jünger als ich, 27 Jahre alt. Aber es ist sehr spannend und eine riesige Herausforderung. Die Kultur ist natürlich sehr anders.
Wie ist es denn für ihn hier in der Schweiz?
Sehr schwierig. Es ist für ihn schwierig, weil wir eine andere Kultur, eine andere Sprache haben. In der Stadt sprechen die Leute oft mit ihm Englisch, anstatt sich Mühe zu geben, langsam Deutsch zu sprechen. Brasilianer haben bei uns einen eher schlechten Ruf, viele werden als Stricher abgestempelt. Darunter leidet er natürlich extrem. Die sozialen Kontakte und seine Familie fehlen ihm aber am meisten. Er hat ein paar Freunde in der Schweiz, aber alles Brasilianer. Klar hätte er gerne Schweizer Bekannte, diese verstehen die brasilianische Kultur oft falsch. Zum Beispiel ist es bei ihnen normal einander per Mail ein ‹beso› (Kuss) am Schluss zu senden. Ein Kollege von mich hat dies aber falsch verstanden und mir prompt angerufen und mir mitgeteilt, dass mein Mann wohl etwas von ihm wolle.
Hast du dir auch Gedanken gemacht, nach Brasilien zu gehen?
Nein, dies war nie ein Thema. In Brasilien ist nicht alles so schön, wie man es sich denkt. Armut ist wahnsinnig verbreitet. Und die Toleranz ist ausser in Grossstädten wie São Paulo oder Rio noch viel geringer als bei uns.
Wie ist der Kontakt zu seinen Eltern?
Brasilien ist streng katholisch. Seine Eltern wissen, dass er schwul ist, aber sie wissen noch nicht, dass wir verheiratet sind. Ich hoffe, dass ich bei meinem nächsten Besuch meine Schwiegereltern kennenlernen werde, aber ich werde vorerst als Freund und nicht als Ehemann vorgestellt werden.
Wir haben vorhin in deinem Arbeitszimmer eine Bauchrednerpuppe gesehen …
Jaja, das ist Rico. Schon seit langer Zeit hat mich die Bühne interessiert. Zuerst versuchte ich es als Clown, dann sah ich «Kliby und Caroline» und sagte mir, das will ich auch machen. Ich ging in diverse Buchläden und kaufte mir Literatur übers Bauchreden. Dies wurde nun zu meinem grössten Hobby und ich trete auf Veranstaltungen, Hochzeiten oder Geburtstagen auf. Zudem schreibe ich auch Theaterstücke. Unterdessen sind es 15 Stücke, die ich schreiben konnte.
Das Schwulenleben ist auch mit 50 noch lange nicht vorbei.
Hat es eins von ihnen auf die Bühne geschafft?
Ich werde oft von Theatergruppen eingeladen, die mein Stück übernommen haben. Manchmal bin ich enttäuscht, manchmal positiv überrascht. Häufig werde ich gefragt, ob sie es gut umgesetzt hätten. Dann muss ich sie korrigieren, dass ich das Theater nach meinen Ideen zwar geschrieben habe, aber die Umsetzung bei ihnen liegt.
Was möchtest du unseren Lesern noch zum Abschluss sagen?
Zwei Sachen, welche ich selber erlebt habe. Bei Chats ist oft das Problem, dass ein Mann über vierzig automatisch abgeschrieben wird. Das Schwulenleben ist aber auch mit 50 noch lange nicht vorbei. Und zweitens, ich ermuntere jeden schwulen Mann, egal in welchem Alter, dazu, den nötigen Mut aufzubringen um sich zu outen. Als 40-jähriger ist es zwar genau so schwer, wie wenn sich ein 16-jähriger outet, aber es lohnt sich allemal.


